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21. August 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 34 Ausgabe: Nr. 34 » August 20, 2009

Du sollst Dir kein Bild machen

August 20, 2009
Editorial von Yves Kugelmann

«Masters of War». Das falsche, das ge- und verfälschte Bild steht stets am Anfang von Ausgrenzung, Verfolgung und Diskriminierung. Seit jeher geht die bildliche Darstellung Hand in Hand mit Missbrauch, Manipulation, Missachtung. Mit dem Aufkommen der Massenmedien und erst recht von virtuellen Bildwelten hat sich die Bildbedrohung in einer zusehends bildaffinen Gesellschaft verschärft. In Gesellschaften, die dem Visuellen mehr Glauben schenken als dem Wort, kann das Bild zum Gegner jedes noch so wahren Wortes werden oder das falsche Bild für den Betrachter rasch zur Wirklichkeit. In Gesellschaften, die den Bildwelten längst verfallen sind, vermittelt ein Bild mit zwei schwarzen Männern und der Überschrift «Wanted» eine gewichtigere suggestive Aussage als die positiv gemeinte Schlagzeile darunter: «Der schnellste Mann der Welt». Es ist zweitrangig, welche Absichten jene haben mögen, die Bilder, gerade falsche Bilder anfertigen und gezielt einsetzen. Evident wird, was die Bilder bewirken, unausgesprochen vermitteln oder abseits des Zugänglichen verändern. In Gesellschaften, da Werbebotschaften von Plakatwänden und Hochglanzmagazine verführen und sich Menschen im Wissen darum verführen lassen, können Bilder zur virtuellen Waffe werden.



«John Brown». Max Frisch hat in seinem bis heute umstrittenen Stück «Andorra» radikal und treffend beschrieben wohin der Mechanismus falscher Menschenbilder führt. Andri, der Jude, der keiner ist, wird zum Juden, übernimmt die Stereotype, welche die Andorraner auf ihn projizieren, und wird zu Tode gesteinigt, weil das Bild von ihm stärker war als die Wahrheit. Die Fabel ist eine der eindringlichen literarischen Antworten auf den Rassenwahn des Nationalsozialismus, jenem radikalsten Bildersturm der Moderne: «Stürmer»-Bilder, Wortpropaganda, Wochenschauen und vieles mehr waren Pflastersteine auf dem Weg zum Massenmord. Am Anfang stehen stets Stereotype, Falsches wird transportiert durch reale Bilder. Mechanismen, die bei der Ausgrenzung auf dem Schulhof ebenso greifen wie bei der ethnisch begründeten Menschentötung irgendwo. Das Andere, das Fremde und gar das Vertraute sind diesem Bildfaschismus machtlos ausgeliefert.

«Hurricane». Nun wird in Zürich das Wortmedium Radio paradoxerweise von einem Bilderstreit durchgeschüttelt. Bisher war die jüdische Herkunft des Radiopioniers Roger Schawinski kaum bekannt oder relevant. Er war Teil dieser aufgeklärten, emanzipierten Schweizer Gemeinschaft, fiel nicht durch seine biografische Herkunft, sondern positiv oder negativ  durch seine journalistische Arbeit, seinen Kampf für die Liberalisierung  der privaten digitalen Medien oder verbale Eloquenz auf. Ob die Radio-Energy-Verantwortlichen im Konzessionsstreit (vgl. Seite 7) mit Radio 1 antijüdische Intentionen hatten oder nicht, ist im Nachgang zu einer publizierten Werbekampagne gegen Roger Schawinski weder zu eruieren noch relevant. Relevant hingegen ist, auf welche Öffentlichkeit die darin verwendeten zusammengeschusterten Bilder treffen und wie diese damit umgeht oder eben nicht. Der Absender trägt eben nicht nur die Verantwortung für die Herstellung, sondern vor allem für die mögliche Wirkung von geschaffenen Bildern. Bilder, die etwa ein jahrhundertealtes antijüdisches Stereotyp ebenso neu bewirtschaften wie die SVP seit Jahren niedere Instinkte mit rassistischem Plakatmaterial anspricht. Doch dieselbe Öffentlichkeit nimmt stillschweigend hin, was fatale Bilder in unreflektierten Menschenseelen generieren können. Sie diskutiert Technokratisches, sucht Ausreden anstatt dem Kodex verpflichtet zu sein, dass derartige Propaganda ein bewusstes Tabu ist. Denn im schlechtesten Falle werden Menschen mitten unter uns die Bilder, welche vermeintlich kreative Werber, Witzbolde oder Naive riefen, nicht mehr los. Und deshalb sei den Energy-Verantworlichen neben den Musiktipps von Bob Dylan «Masters of War», «John Brown» oder «Hurrican»  aus engagierteren Musikepochen vor einem nächsten möglichen Fehltritt das Rezept gegen Fettnäpfchen mit historischem Explosionspotential mitgegeben: Bildung anstatt Bilder.    



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