«Den Selbstrespekt nicht verlieren»
YVES KUGELMANN: Gemäss der «Sonntagszeitung» und anderen Medien wollen sie gegen Radio Energy wegen unlauteren Wettbewerbs klagen. Weshalb?
ROGER SCHAWINSKI: Es wird erstens zum ersten Mal in der Schweiz in einem Versand an Werbekunden gezielt gegen ein einzelnes Medium übelste Polemik verbreitet. Zweitens sind wichtige Aussagen bewusst manipuliert worden. Es werden Kunden explizit aufgefordert, keine Werbung mehr bei uns zu buchen. Drittens der persönliche Angriff auf den Besitzer eines Konkurrenzmediums – auch das ist in dieser Form absolut beispiellos.
Sie werfen den Energy-Verantwortlichen darüber hinaus vor, dass Sie selbst in Werbeunterlagen (vgl. Bild) als Person antisemitisch verunglimpft werden. Weshalb kommt auf einmal dieser Vorwurf von Ihrer Seite?
Ich habe vieles in Bewegung gesetzt und daraufhin oft auch negative Reaktionen zu spüren bekommen. Aber nie wollte ich etwas davon unter dem Aspekt Antisemitismus verstehen, sondern damit allein auf der argumentativen Ebene umgehen – und das war gut so. Aber diesmal bin ich erstaunt über diese augenfällige Verunglimpfung, ausgerechnet aus einem Haus, das sich öffentlich gerne liberal und tolerant präsentiert.
Das betreffende Bild zeigt Roger Schawinski am Tisch sitzend umgeben von Geldtürmen. Wie empfinden Sie das Stereotyp «Jude und Geld»?
Schockierend, weil bewusst und klar jahrhundertealte Stereotype verwendet werden. Es gibt dafür keinen Interpretationsspielraum, denn ich kenne keinen einzigen anderen Unternehmer in der Schweiz, der auf diese Art dargestellt worden ist. Die Frage, weshalb man dies nun mit mir tut, lässt also nur eine Antwort zu.
Stimmt die Aussage des Bildes, dass Sie mit Radio 1 so viel Geld verdienen, oder entspricht eher das Gegenteil der Wahrheit?
Ich musste eine Konzession kaufen, ein Studio bauen, Leute engagieren, die Konzession kam viel später als erwartet, und es läuft erst noch ein Rekurs. Wir sind mitten in der grössten Werbekrise, die uns als neues Medium umso härter trifft. Tatsache ist, dass ich bisher einen hohen einstelligen Millionenbetrag investiert habe und zurzeit jeden Monat einen sechsstelligen Betrag einschiessen muss. Die Aussage alleine ist also falsch. Sie suggeriert bloss, dass der Kunde mit überhöhten Preisen, sprich betrügerischen Angeboten, Roger Schawinski noch reicher macht.
Mit der Suggestion des reichen, Geld scheffelnden jüdischen Menschen ist der Schaden angerichtet und kann nicht mehr rückgängig gemacht werden.
Was nun?
Das Ganze ist in mindestens zehn Punkten ein klarer Verstoss gegen den lauteren Wettbewerb. Nachdem zweiwöchige Versuche bei Ringier, auch auf oberster Ebene, die Sache gütlich zu regeln und den Schaden klein zu halten, nicht gefruchtet haben, werden wir nun klagen. Man zeigt sich dort völlig uneinsichtig.
Eine gütliche Regelung wurde also
Ihrerseits versucht?
Ja, aber nachdem Ringier-Verantwortliche sagten, dass sie sich nicht entschuldigen werden, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als zu klagen. Und der Chef von Radio Energy hat in einem Interview diese Woche erklärt, dass er einen solchen Versand «selbstverständlich» nochmals machen würde. Es geht hier also um eine grundsätzliche Frage, denn wenn man solche einmal Dinge toleriert, wo ist dann das nächste Mal die Grenze? Im Haus Ringier haben ähnliche Vorfälle Tradition, und jeder, der eine öffentliche Entschuldigung verlangte, etwa Thomas
Borer oder Thomas Matter von Swissfirst, musste klagen oder damit drohen.
Gehören solche Grenzüberschreitungen im Boulevard nicht einfach dazu?
Es ist nicht Boulevard. Es ist kommerzielle Werbung, und da gibt es klare Gesetze. In Deutschland wird mit ethischen Fragen des Journalismus viel sensibler umgegangen. Dort würde solch ein Vorfall auf heftige Ablehnung stossen.
Sie sind ja eigentlich hart im Austeilen und im Nehmen. Weshalb sind Sie diesmal so betroffen und erschüttert?
Muss ich mir, weil ich oft kritische Fragen in Interviews stelle, auf die meine Gäste immer antworten können, einfach alles gefallen lassen? Auch gesetzwidriges Verhalten? Bei solchen Angriffen kann ich ausser beim Verstoss gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb UWG nicht argumentativ reagieren. Aus der Geschichte weiss man, was solche und ähnliche Karikaturen ausgelöst haben und wie sie bewusst eingesetzt wurden. Das will ich hier und heute nicht passiv hinnehmen.
Werden Sie nun auch seitens der Öffentlichkeit für Ihre Reaktion angegriffen?
Die meisten Reaktionen sind erstaunlich positiv, wie ich aus den Blogs etwa bei «Tages-Anzeiger Online» erkenne. Dies freut mich sehr.
Sie klagen ja aber nur in Bezug auf den Verstoss gegen das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb und nicht wegen Persönlichkeitsverletzung.
Ja, der rassistische oder antisemitische Aspekt ist für Journalisten natürlich
sexier, und deshalb soll ich vor allem zu diesem Aspekt Erklärungen abgeben. Es fällt mir sehr schwer, aber ich muss dies leider ausfechten, um meinen Selbstrespekt nicht zu verlieren.


