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14. August 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 33 Ausgabe: Nr. 33 » August 13, 2009

Wasser-Verbrecher

August 13, 2009
Avirama Golan zur Lage in Israel

Ich gestehe: Ich besitze einen kleinen Garten. Drei Obstbäume, einige Büsche und Blumen – mein Stolz und meine Freude. Da ich in eine alteingesessene Jerusalemer Familie geboren wurde, die während der Belagerung Schlange gestanden ist und der ein Kessel mit Regenwasser, das auf dem Dach gesammelt wurde, zum Baden, für die Wäsche, für das Aufziehen des Bodens und für die Toilette reichte, benötige ich keine Lektionen im sparsamen Umgang mit Wasser.



Wegen des neuen Wassergesetzes verspürte ich unlängst aber plötzlich den Drang, meinen Garten mit einer doppelt so grossen Wassermenge als sonst zu wässern. Ich weiss, dass ich die vorgeschriebenen Quoten auch dann nicht einhalten könnte, wenn ich meine Bewässerungsstunden mit Hilfe eines ausgeklügelten Tropfsystems noch weiter reduzieren würde. Ich würde also zu einer Kriminellen.

Ich befinde mich diesbezüglich in guter Gesellschaft – nicht nur den lokalen Verwaltungen und öffentlichen Institutionen, die ihre riesigen Rasen nicht trockengelegt und die nicht in Tropfsysteme investiert haben, geht es wie mir, sondern auch Tausenden von Eltern von Kleinkindern, deren vollgestopfte Wohnungen und veraltete Leitungen jeden Versuch zu sparen verunmöglichen. Gemäss den Daten der Wassergesellschaft Mekorot und des nationalen Infrastrukturministeriums geht der Löwenanteil des Haushaltwassers beim Kochen, Putzen und Baden drauf, und hier kann nur schwer gespart werden. Natürlich bin ich auch in der Gesellschaft all der Leute mit winzigen Stadtgärten, die sich wie ich weigern, in der feuchten und erdrückenden Hitze ein Fenster zu öffnen.

Vermutlich wird jeder – zumindest die meisten Privatleute – seinen Wasserverbrauch reduzieren. Dabei ist gar nicht sicher, ob das tatsächlich das Ziel des neuen Gesetzes ist. Alles deutet im Gegenteil darauf hin, dass die Regierung davon profitieren wird, wenn zu viel Wasser verbraucht wird. Schliesslich bringt es dem Staat mehr Steuergelder, wenn die Bürger Wasser zu höheren Tarifen kaufen. Das Finanzministerium hat bereits berechnet, dass sich die Einnahmen dieses Jahr auf 1,2 Milliarden Schekel belaufen werden. Kein schlechtes Ergebnis für eine Regierung, die seit der Unterzeichnung des Koalitionsabkommens ihr Geld  – unser Geld – fröhlich zum Fenster hinausgeworfen hat.

Natürlich werden nicht alle zahlen. Die Einwohner eleganter Vororte wie Savyon und Kfar Shmaryiahu, welche die Tarife für subventioniertes Landwirtschaftswasser zahlen, werden ihre privaten Schwimmbäder weiterhin füllen, die Fussböden ihrer grossen Villen weiter mit Trinkwassser putzen lassen, und ihre Rasen und ihre tropischen Pflanzen weiter bewässern. Das Gleiche gilt für die Bewohner der neuen Strassen in den Kibbuzim und Moschawim. Und auch die Ministerien werden mit ihrer üppigen Landschaftsgestaltung fortfahren. Sparen werden nur die, die ohnehin wenig konsumieren,  von der Mittelklasse an abwärts.

Machen wir uns nichts vor: Das Sparen von Wasser ist wichtig, ebenso wie die Erziehung zum Sparen. Nicht jeder ist wie alte Jerusalemer daran gewöhnt, den Wasserhahn für einen Moment zu öffnen und dann sofort wieder zu schliessen. Eine Regierung die – wie ihre Vorgängerinnen – aber keine Verantwortung für die Wassersituation übernimmt, sondern den Schwarzen Peter an das Volk weitergibt, macht es einem schwierig, sich mit idiotischen Notstandsmassnahmen abzufinden, die, wie es heisst, zum Sparen von Wasser dienen sollen.

Seit 1999, als die Regierung von Ehud Barak einen Dürrenotstand ausrief und beschloss, 400 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr zu entsalzen, wurden tatsächlich nur 130 Millionen entsalzt; die Entsalzungsanlagen kommen nicht nach, es wird weiterhin zu viel Wasser aus den Reservoiren abgepumpt, und nicht alle Sparmassnahmen sind in die Tat umgesetzt worden – etwa der Bau neuer Wasserinfrastrukturen in den Städten, die effizientere und wiederholte Nutzung von Wasser, und die vermehrte Nutzung von salzigem Wasser für die Bewässerung öffentlicher Flächen und der Landwirtschaft sowie die Verpflichtung des Staates und öffentlicher Institutionen, für die Bewässerung nur Sparsysteme zu benutzen.

Eine staatliche Kommission für die Untersuchung der Wassersituation hat kürzlich ihre Anhörungen beendet und wird bald ihren Bericht veröffentlichen. Was bereits bekannt ist: Alles deutete darauf hin, dass die Regierungen der jüngeren Vergangenheit kriminell gehandelt haben. Entweder waren sie verschwenderisch und förderten so eine nachlässige Planung in der Landwirtschaft und den Einsatz veralteter und unwirtschaftlicher Anlagen, oder dann waren sie angesichts der Wassersituation einfach völlig untätig.

Experten erheben noch harschere Vorwürfe. Ihrer Meinung nach ist die Planung der Wasserwirtschaft untrennbar mit der Planung der Landnutzung verknüpft. Parallel zur sträflichen Vernachlässigung der Wasserwirtschaft lässt die Regierung die Planung links liegen und zeigt kein Verständnis dafür, dass offene Flächen und grüne Lungen nötig sind. Und jetzt übergibt sie auch noch einen grossen Teil ihres wertvollsten Besitzes – nämlich Land – in private Hände. Dabei wird die Erschliessung auf Kosten der öffentlichen Bedürfnisse beschleunigt, was der Wasserinfrastruktur weiteren Schaden zufügt.

«Die wirklichen Wasser-Verbrecher», sage ich zu meinem Granatapfelbaum, während ich ihn mit dem von der Klimaanlage gesammelten Wasser besprühe, «die wirklichen Verbrecher sind die Leute an der Macht. Nicht ich und sicher nicht du.»  


Avirama Golan ist Kolumnistin bei «Haaretz».



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