Kein schönes Bild
Mit ihren perfekt arrangierten Bildern macht die Fotografin Annie Leibovitz seit fast 40 Jahren aus Schauspielern Stars und aus Politikern Ikonen. Längst ist die 59-jährige New Yorkerin selbst eine Berühmtheit geworden, deren Arbeit in Büchern und Ausstellungen zelebriert wird. Doch nun wird offensichtlich, dass Leibovitz ihr eigenes Leben nicht zu arrangieren versteht. Überwältigt von Schulden, kämpft sie vor einem New Yorker Gericht um die Kontrolle ihres Lebenswerks. Um Dienstleister, Steuerbehörden und Hypothekenbanken abzugelten, hatte Leibovitz im vergangenen Herbst insgesamt 24 Millionen Dollar bei der auf Kredite für Künstler spezialisierten Art Capital Group aufgenommen. Leibovitz hat Art Capital als Sicherheit für das Darlehen nicht nur ihre drei Häuser in Manhattan und ein Anwesen in Rhinebeck am Hudson River verpfändet, sondern auch die Urheberrechte auf ihr gesamtes Schaffen seit Anfang der siebziger Jahre. Darüber hinaus hat Leibovitz der in New York als «Edel-Wucherer» verschrieenen Kreditanstalt auch die Vermarktung ihrer zukünftigen Arbeit überlassen, sollte sie das Darlehen nicht bis zum 8. September dieses Jahres vollständig und samt Zinsen und Gebühren zurückerstatten. Art Capital ging bereits vor Gericht, um mit der Bewertung der Immobilien und der Werke von Leibovitz beginnen zu können, die bald Eigentum des Instituts werden könnten.
Eine chaotische Lebensweise
Zunächst beim «Rolling Stone» und seit 1983 für die Condé-Nast-Publikationen «Vanity Fair» und «Vogue» arbeitend, hat Leibovitz von John Lennon und Yoko Ono bis zu Queen Elizabeth so ziemlich jede Figur der Zeitgeschichte verewigt. Freunde und Geschäftspartner sagten ihr immer schon eine chaotische Lebensweise und einen leichtsinnigen Umgang mit Geld nach. Leibovitz lässt Mietwagen gerne einfach an irgendeiner Ecke stehen und hat allem Anschein nach nie Buch über die aufwändigen Sitzungen in ihrem Studio in Chelsea geführt. Daher muss sie sich auch gegen Klagen von Beleuchtungsfirmen und anderen Dienstleistern wehren, die 700 000 Dollar an ausstehenden Honoraren einfordern. Noch teurer war ihr langwieriger Konflikt mit Nachbarn im West Village in Manhattan. Diese wehrten sich gegen bauliche Veränderungen an zwei Häusern aus der Zeit um 1830, die Leibovitz im Jahr 2002 für über vier Millionen Dollar erworben hatte. Die Fotografin legte den Konflikt bei, indem sie ein benachbartes Anwesen auf Kredit für knapp zwei Millionen Dollar übernahm. Die Renovierung soll Insidern zufolge mindestens fünf Millionen Dollar gekostet haben und zog sich über Jahre hin. Dabei war ihr Condé Nast Ende 2006 mit Krediten über 7,2 Millionen Dollar behilflich. In den folgenden zwei Jahren blieb Leibovitz etwa 1,7 Millionen Dollar an Steuern schuldig. Gerüchten zufolge hat der von der Printkrise bedrohte Verlag Leibovitz im vergangenen Herbst zur Rückzahlung ihrer Kredite aufgefordert und so ihren Gang zu Art Capital ausgelöst.
In privaten Schwierigkeiten
Angesichts des Jahresgehaltes von zwei Millionen Dollar, das die Fotografin von Condé Nast bezieht, sind ihre Schulden kaum nachvollziehbar. Leibovitz kann daneben für freie Aufträge sechsstellige Honorare fordern. Vertraute erklären die finanzielle Misere von Leibovitz daher auch mit privaten Sorgen. Sie war seit 1989 mit der Essayistin Susan Sontag liiert und hat den langen Kampf ihrer Lebensgefährtin mit dem Krebs in eindrücklichen Bildern dokumentiert. Kurz nach dem Tod von Sontag Ende 2004 wurde Leibovitz Mutter der Zwillingsmädchen Susan und Samuelle, die von einer anderen Frau ausgetragen worden waren. Die Fotografin hat ihre erste Tochter Sarah Cameron 2001 selbst zur Welt gebracht. Der Wirbel um die Schwierigkeiten von Leibovitz haben ihre Chancen, ihre Schulden vor dem 8. September zu begleichen, bislang nicht erhöht.
Allerdings raten ihr Experten nun, Konkurs anzumelden und so die Eintreibung der Schulden durch Art Capital zumindest um einige Monate hinauszuzögern. Die Kredithaie lassen sich davon bislang nicht beeindrucken. Das Institut ist bereits dabei, Käufer für die Urheberrechte am Werk von Annie Leibovitz zu suchen und fordert dafür dem Vernehmen nach 50 Millionen Dollar.


