Integration durch Fernsehen
TACHLES: Die dritte Säule des von Ihnen vor drei Jahren formulierten Leitbilds lautet neben «Information» und «Unterhaltung» «Integration». Was verstehen Sie darunter?
INGRID DELTENRE: Integration im Sinne von Verständnis füreinander schaffen.
Sie gehen von einer pluralistischen Schweiz und Zuschauerschaft aus. Wie wollen Sie Minderheiten übers Massenmedium Fernsehen integrieren?
Es geht uns dabei nicht um die Assimilation, sondern um das klare Bekenntnis zur kulturellen Vielfalt und um deren Stärke; darum, beispielsweise eben dieses Verständnis der Mehrheiten für Minderheiten zu schaffen und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu fördern. Unsere Diskussion um den Integrationsgedanken umfasst die verschiedensten Aspekte. Schliesslich sind 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausländischer Abstammung; hat die Schweiz eine unglaublich vielfältige Religionslandschaft, in der Säkularisierung und nicht traditionelle Religionen zunehmen und traditionelle abnehmen; gibt es bei uns viele unterschiedliche Sprachen und über 200 000 Hörbehinderte. Wer, wenn nicht die SRG, kann eine solche Klammerfunktion überhaupt wahrnehmen?
Und wie bricht man solche Erkenntnisse in die Realität runter?
Wir haben beispielsweise für die Berichterstattung ausländische Vorgehensweisen, vor allem in Holland, betrachtet und die Situation in der Schweiz analysiert. Die Problematik der eigentlichen Parallelgesellschaften haben wir nicht, unser Land ist zu klein dafür. Also ist das Thema hier anders aufzunehmen. Was wir nicht wollen, sind gettoisierende Sendungen. Themen, welche Ausländer interessieren, müssen wir so bringen, dass sie uns auch interessieren, und wir wollen keinesfalls diskriminieren. Wir wollen den Ausländeranteil unter den SF-Mitarbeitenden erhöhen und damit positive Aushängeschilder schaffen. Allerdings ist es nicht leicht, solche Mitarbeitende zu finden, denn die Sprachkompetenz ist natürlich nach wie vor entscheidend.
Immer wird vom Zürcher Leutschenbach-Fernsehen gesprochen. Stossen Sie schon beim Föderalismus an die Integrationsgrenze?
Ja, die nationale Integration ist eine eigenständige Thematik. Es ist für uns immer noch wichtig und schwierig, nicht als Zürcher Fernsehen wahrgenommen zu werden. Mit vielen nicht zürcherischen Moderatoren und Sendungen aus allen Schweizer Regionen setzen wir hier bewusst ein Signal, und wir verwenden auch entsprechende Symbolbilder. Also nicht immer den Zürichsee zeigen, wenn es um einen See geht. Wir führen diesbezügliche Statistiken und kontrollieren uns selbst, und wir wollen hinausgehen in die Schweiz wie etwa mit «SF bi de Lüt». Auch dies ist einer der Ausflüsse der Leitbilddiskussion.
Sendungen, die aber auch ein Massenpublikum ansprechen sollen?
Ja, gemacht auf eine Art und Weise, mit der wir gewisse Dinge auch einem grossen Publikum beliebt machen können. Ein anderes Beispiel waren «Die Zauberflöte auf zwei Kanälen», «La Traviata im Hauptbahnhof» oder «La Bohème im Hochhaus», bei denen wir sogenannte Elitekultur mit fernsehtypischen Mitteln einer breiten Öffentlichkeit näherbringen wollten. Das hat zwar mit Integration nichts zu tun, dahinter steht aber der gleiche Wille.
Wo ziehen die kommerziellen Zwänge Grenzen?
Apodiktisch ist das schwierig zu sagen, aber wir haben einen Strukturplan und schauen natürlich darauf, wann das grösste Zuschauerpotenzial vor dem Bildschirm sitzt. Und natürlich haben wir Quotenvorgaben im Kopf. Dies schliesst um 20.00 Uhr gewisse Sendungen aus. Die «Sternstunden» werden am Sonntagmorgen gesendet, weil sie dorthin passen und wir dann nicht das grösstmögliche Publikum erreichen müssen.
Stösst der SF-Integrationsgedanke bei politischen und anderen Entscheidungsträgern auf Akzeptanz?
Ja, dort, wo ich ihn präsentiere, sogar auf grosse Akzeptanz. Er ist jener Pfeiler unseres Leitbilds, über den ich am meisten rede und der im konstruktiven Sinn die intensivsten Diskussionen provoziert.
Mit welchen guten Argumenten kann man den integrativen Ansatz gegenüber beispielsweise der wenig integrativen SVP legitimieren?
Explizit steht dieser Ansatz natürlich nirgendwo als Auftrag geschrieben. Als Medium muss man jedoch eine Haltung haben, und dies war ein wesentlicher Grund für die Leitbild-Diskussion. Ich bin froh, dass sie dieses Resultat gezeitigt hat, denn es liegt mir am Herzen, auch wenn es gegenüber gewissen Kreisen schwierig zu vertreten ist.
Was betrachten Sie als zulässig und wo liegt die maximale Spannweite für Sendungen zu religiösen Themen?
Da sich die Schweiz auf christliche Werte beruft, sind die Landeskirchen bei uns am stärksten vertreten. Aber die rieseige Vielfalt an Religionen in unserem Land schlägt sich auch in den Sendungen nieder, in denen wir sie darzustellen versuchen. Wir wollen auch hier das gegenseitige Verständnis wecken.
Wäre es für Sie auch denkbar, anderen Religionsgemeinschaften eigene Sendegefässe und -zeit zu geben?
Das wäre schon aus Platzgründen nicht möglich, und ich glaube, es würde genau jene Gettoisierung fördern, die wir nicht wollen. Die Idee ist schon, dass wir ein Generalistenfernsehen sind und die Themen so bringen, dass sie einen grösseren Kreis als die direkt Betroffenen interessieren müssten.
SF hat mit der erfolgreichen «Réduit»-Serie eine Debatte um die Vergangenheit ausgelöst. Wie ist das Feedback aus der Bevölkerung?
Sehr gut! In unserem Forum, wo sonst grösstenteils negativ und zum Teil unter der Gürtellinie geschrieben wird, sind die Einträge im Réduit-Thread zu mehr als drei Vierteln äusserst positiv.
Wie erklärt sich dies?
Ich glaube, dass sich die ältere Generation dazu meldet. Wir versuchen ja auch, die Thematik, so weit dies möglich ist, in einen Kontext zu stellen und auch positiv zu beleuchten. «Das Boot ist voll» ist zwar eine Realität, aber wir zeigen ebenfalls, dass es damals Helfer und Widerstand gab in der Schweiz. Diese positive Beleuchtung stört zwar gewisse Kreise, aber sehr viele freuen sich darüber, die sich zu bestimmten Zeiten ungerecht behandelt gefühlt haben.
Jedenfalls ist das Ganze durchaus ein Thema, an dem man sich die Finger verbrennen kann. Reality-TV und Zweiter Weltkrieg ist für viele eine explosive Kombination. Aus welchen Gründen haben Sie trotzdem den Mut dazu aufgebracht und vor einigen Monaten gesagt: «Ja, das machen wir»?
Ich finde grundsätzlich, dass jedes Thema dazu geeignet ist, behandelt zu werden. Es gibt in der Schweiz keine Tabuthemen, auch das Réduit ist keines. Die Tatsache, dass wir eine Diskussionswelle auslösen würden, war uns bewusst, und ich finde es gut so. Die Einbettung des Themas war mir dabei wichtig, und mir war es eigentlich ein Hauptanliegen, dass wir mit diesem in der Weltgeschichte hoffentlich nie wiederkehrenden Thema keine Pfadiübung veranstalten. Dass es jetzt trotzdem zum Teil darauf beschränkt wird, war für mich in dieser harten Form nicht absehbar.
Da besteht offenbar eine Diskrepanz zwischen dem, was gesendet wird, und dem, was die öffentliche Wahrnehmung ist. Die veröffentlichte Meinung, auch seitens der Experten, ist härter als von mir erwartet. Die öffentliche Meinung hingegen ist sehr positiv, und wir stellen – ebenfalls unerwartet – fest, dass wir beim jungen Zuschauersegment damit zulegen. Das ist wichtig, denn nicht zuletzt machen wir diese Sendung auch für die Schulen und bringen deshalb auf der Website viel Zusätzliches, Ergänzendes. Ich habe aus den bisherigen Sendungen persönlich vieles gelernt, was mir bisher unbekannt war.
Muss man, zum Beispiel jetzt auch auf die Berichterstattung zum Nahen Osten oder Afrika bezogen, damit leben, dass man als Redaktion mit einer Haltung laufend mit einseitig argumentierenden Interessensgruppierungen konfrontiert wird oder ist die Kritik berechtigt?
Ich glaube schon, dass die eigene subjektive Befindlichkeit immer bis zu einem gewissen Grad auch die Wahrnehmung prägt und man sensibler ist auf Elemente, die andere nicht einmal wahrnehmen. Ich glaube aber auch, dass man immer noch besser werden kann, und SF ist sicher noch nicht am Schluss angelangt und kann noch immer an Substanz zulegen – vor allem auch in der Auslandberichterstattung.
Die Qualität der Auslandberichterstattung hängt ja weitgehend auch von den Ressourcen ab, die zur Verfügung stehen. Müsste man da mehr investieren, entgegen dem Trend?
Als ich damals meine Aufgabe beim Schweizer Fernsehen übernommen habe, war es am dringendsten, bei der Wirtschaftsberichterstattung zuzulegen und diese zu verstärken. Heute, glaube ich, wäre als nächstes die Auslandberichterstattung an der Reihe. Es wäre schon länger die Idee, ein Auslandmagazin zu gestalten, was ein Kompetenzzentrum bedingen respektive nach sich ziehen würde. Aber das können wir uns leider nicht leisten. Hier sind wirklich finanzielle Aspekte im Vordergrund.
Fernsehen ist ein Bildmedium, und Bilder tragen immer auch das Risiko in sich, ungewollte Stereotypen zu transportieren. Wie vermeiden Sie dies?
Wir versuchen vor allem auch Symbolbilder so auszuwählen, dass beispielsweise rassistische Stereotype dadurch auf keinen Fall verstärkt werden. Unsere Grundhaltung ist, möglichst keine Stereotype zuzulassen oder nicht zu ihnen beizutragen und sie nicht zu verfestigen.
Ihr Leitbild ist für öffentlich-rechtliche Sender in Europa einzigartig und trifft wiederum den Charakter der Schweiz. Was hat das Leitbild in den drei Jahren seit seiner Implementierung seitens des Publikums konkret gebracht?
Die Zuschauer interessieren sich wohl kaum für unser Leitbild. Sie schauen, welche Sendungen wir zu bieten haben. Intern brauchte es diese Diskussion aber, um eine Art Sicherheit zu erhalten für das, wofür wir stehen und stehen wollen. Und diese Sicherheit brauchte es, weil wir damit begannen, einen sehr intensiven Modernisierungsprozess durchzuführen. Bis das Modell in der Öffentlichkeit wirkt, wird es aber noch viel mehr Zeit brauchen.
Ab 30. August zeigt SF1 in «Sternstunde Religion» die Dokumentarfilmreihe «Mein Gott. Dein Gott. Kein Gott». Der Film «Ringen mit Gott und den Menschen. Judentum in der Schweiz» wird am Sonntag, 11. Oktober, um 10 gezeigt. Ab Sonntag, 13. September, zeigt SF 1 in «Sternstunde Religion» die Reihe «Geschichte der Schweiz – ein Rückblick nach vorn».
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