Wer folgt auf Meir Dagan?
Der Geheimdienst Mossad und das Büro des Premierministers sind immer noch mit Diskussionen und Beratungen darüber beschäftigt, wer zum neuen stellvertretenden Mossad-Chef ernannt werden soll, nachdem der Physiker T. den Posten unerwartet und mit einem Türknall verlassen hat.
Zwar hat Premier Netanyahu bei der Entscheidung das letzte Wort, doch die Empfehlung von Mossad-Chef Meir Dagan – das Kabinett hat erst kürzlich seine Kadenz um anderthalb Jahre verlängert – trägt auch ein gewisses Gewicht. Im Gegensatz zu Dagans bisherigen drei Stellvertretern (T., N. und wieder T. – ausser dem Chef selber dürfen die Mitarbeiter des Geheimdienstes in Israel nicht namentlich genannt werden), die gingen, entlassen wurden oder demissionierten, sieht es ganz danach aus, dass die jetzt zu wählende Person nach Dagans Ausscheiden auch Mossad-Chef werden wird.
Vor diesem Hintergrund dürfte sich Meir Dagan noch fragen, ob sein Entschluss, auf seinem Posten zu verweilen, ein Fehler war. In seinem letzten Jahr im Amt gilt der Mossad-Chef für gewöhnlich nämlich als «lahme Ente». Sowohl seine Untergebenen als auch seine Kollegen im Verteidigungsestablishment wissen, dass der Chef kurz vor seinem Rücktritt steht, und tendieren dazu, ihn mit weniger Ehrfurcht, Bewunderung und Respekt zu behandeln.
Dank seiner Errungenschaften und bis zu einem gewissen Grad auch dank seiner ausgezeichneten PR-Arbeit hat sich Dagan den Ruf geschaffen, ein sehr erfolgreicher Mossad-Chef zu sein. In der nun folgenden empfindlichen «Grauzone» kann er diesem Eindruck nur schaden. In der Organisation bewundert man Dagan vor allem, weil er deren Image rehabilitiert hat, doch viele lehnen sein persönliches Verhalten und seine Art, anderen die Meinung immer direkt ins Gesicht zu sagen, ab. Eine misslungene Aktion oder irgendeine andere Panne dürften seinen Ruf trüben und ihn zum Schluss bringen, er hätte sein Amt besser auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit verlassen.
Chef mit gesundem Menschenverstand
Die erste Frage, die der Premier sich wahrscheinlich stellen muss, wenn die Zeit kommt, einen neuen Mossad-Chef zu nominieren, ist weniger, wen er gerne auf diesem Posten sehen würde, als vielmehr die Frage nach den Dingen, die in der Kadenz des neuen Bosses geschehen oder besser nicht geschehen sollen. Natürlich ist der Regierungschef darauf angewiesen, dass der Mossad fortfährt, zuverlässige und aktuelle Geheimdienstinformationen von jeder nur möglichen Quelle zu beschaffen, ausserdem liefert der Mossad vertiefende Analysen ohne jede politische oder ideologische Schlagseite zu Themen, die der Premier und die Regierung für ihre Entscheidungsfindung als wesentlich erachten. Zu diesen Analysen zählen in erster Linie frühzeitige Warnungen bezüglich drohender Kriege (mit Syrien oder der Hizbollah), Geheimdienstinformationen über die Absicht von Feinden und über die Verhinderung von Terroranschlägen.
Der Premier muss danach trachten, einen Mossad-Chef mit administrativer Erfahrung zu finden, mit organisatorischen Fähigkeiten, einem gesunden Menschenverstand und dem Talent, vernünftige zwischenmenschliche Beziehungen zu pflegen. Es wäre wünschenswert, ist aber nicht unabdingbar, dass er über geheimdienstliches Wissen verfügt. Der neue Mossad-Chef sollte zudem kreativ und mutig sein, aber kein Abenteurer. Ausgehend von diesen Erfordernissen kann man nur schwer entscheiden, ob die Organisation von jemandem geleitet werden soll, der von innen kommt, oder von jemandem, der von aussen gebracht wird. Keine der Varianten ist automatisch besser als die andere.
An Kandidaten – einige haben sich selbst beworben – herrscht kein Mangel. Mindestens drei Abteilungsleiter wären würdige Kandidaten für den Posten des Stellvertreters als späteres Sprungbrett für das Amt des Chefs.
Da wäre einmal Y., Chef der Division Tsomet, die für das Finden, Rekrutieren und Leiten von Agenten zuständig ist. Y. begann seine Karriere als Offizier, der Agenten in konkreten Fälle leitete, bevor er Divisionschef wurde. Zu einem bestimmten Zeitpunkt verliess Y. den Mossad und ging in die Geschäftswelt. Nachdem er dort aber nicht erfolgreich war, kehrte er zur Organisation zurück. Er gilt als «nice guy», der sich unter anderem mit der engen Beziehung zu Meir Dagan brüstet, obwohl nicht sicher ist, ob der Chef selber diese Meinung teilt.
Streitsüchtig und belesen
Ein zweiter potenzieller Kandidat ist D. Wie Y. begann er seine Karriere als Offizier, war Stationschef im Ausland, leitete anschliessend Tsomet, kehrte ins Hauptbüro bei Glilot zurück, wo er Direktor der Sicherheitsdivision wurde. Vor einigen Jahren wurde er Leiter von Tevel, der Division für ausländische Beziehungen, vor allem zu Schwesterorganisationen in aller Welt. D. hat den Vorteil, ein effizienter Manager zu sein, und Dagan hört sich gerne seine Meinung an. Das hat vielleicht damit zu tun, dass er zu den Ersten zählte, die sich an Dagans Methoden aus den frühen Zeiten seiner Kadenz gewöhnten. Dazu zählt nicht zuletzt die vom Chef praktizierte unprofessionelle Kürzung des Rekrutierungsprozesses von Agenten. Diese «Rekrutierungen light» widersprachen nach Ansicht von Kritikern der Philosophie der Organisation und ihren traditionellen Operationsmethoden. D. ist sehr belesen, doch hat er nie eine operationelle Abteilung geleitet und gilt als eher streitsüchtig.
Eine dritte Möglichkeit ist H., Leiter von Cäsarea, der Mossad-Einheit für spezielle Operationen. Nicht wenige halten H. für den besten Kandidaten, doch wird ihm die relativ geringe Anzahl an Jahren entgegengehalten, in denen er in seinem heutigen Job arbeitet. Das dürfte seine Chancen beeinträchtigen.
Wahrscheinlich wird der nächste Mossad-Chef nicht aus den Reihen der Organisation kommen, nicht zuletzt auch darum, weil die Persönlichkeiten der drei genannten internen Kandidaten sich nicht durch aussergewöhnliche Eigenschaften auszeichnen. Zu den externen Kandidaten, deren Namen schon mehrmals erwähnt worden sind, zählen unter anderem: Yoav Galant, Kommandant des Südabschnitts, Benny Gantz, israelischer Verteidigungsattaché in den USA, der stellvertretende Generalstabschef Dan Harel und sein Vorgänger Mo¬she Kaplinsky, der heute in der Privatwirtschaft tätig ist, den Posten des Mossad-Chefs aber noch so gerne annehmen würde, sollte er ihm angeboten werden. Aber auch die Chancen eines Hagai Hadas sollten nicht unterschätzt werden. Der Mann, der heute den Premierminister bei den Verhandlungen über die Freilassung von Gilad Shalit vertritt (und somit Netanyahus Vertrauen geniesst), war laut ausländischen Berichten Kommandant des Kidon-Teams, einer Einheit, die auf gezielte Tötungen spezialisiert war. Dann wurde er Leiter von Cäsarea und Nummer drei im Mossad. 2005 trat er zurück, als ihm klar wurde, dass Dagan nicht daran dachte, sein Versprechen einzulösen und ihn zu seinem Stellvertreter zu machen. Hadas, der enge Beziehungen zu den Ministern Moshe Yaalon und Ehud Barak pflegt, gilt als waghalsiger Kämpfer mit brillanten, manchmal ans Bizarre grenzenden Ideen. Er kann aber auch übereilt handeln und hat in der Vergangenheit ein mangelhaftes Urteilsvermögen gezeigt..
Der wichtigste Faktor bei der Entscheidung über die Nachfolge von Dagan ist der Wunsch des Premiers, der Mossad solle von einer Person geführt werden, der ihm und der Regierung Ruhe bringen und ihn nicht in erfolglose Aktionen verwickeln wird. Niemand versteht das besser als Netanyahu, der sich in seiner ersten Kadenz die Finger verbrannte, als es Mossad-Agenten nicht gelang, den Hamas-Aktivisten Khaled Mashal in Amman zu ermorden. Netanyahu, der wirklich daran glaubt, dass Atomwaffen in iranischen Händen eine existentielle Bedrohung für Israel bedeuten, hat sich damit abgefunden, dass die USA entschlossen sind, alles zu unternehmen, um eine Annäherung mit Teheran zu erreichen. Allerdings glaubt er nicht an die Chancen dieses Unterfangens. Was Ne tanyahu gerade noch fehlt, ist ein Hitzkopf an der Mossad-Spitze, der als Folge verfehlter Geheimdienstaktionen die amerikanische Iran-Diplomatie verkomplizieren würde. Das könnte Barack Obamas Zorn auf Israel erregen.
In der kommenden Zeit braucht der israelische Premier einen Mossad-Chef, der ihm Ruhe und Stabilität sichert, vor allem weil Netanyahu weiss, dass der Mossad, dem bisher die Verhinderung des iranischen Nuklearprogramms nicht gelungen ist, dies auch in Zukunft kaum wird bewerkstelligen können.
Theoretisch bleibt Israel nur die militärische Option. Das ist keine Angelegenheit des Geheimdienstes. Der Entscheid, eine Militäraktion gegen Iran vom Zaune zu brechen, erfordert in erster Linie einen Generalstabschef und einen Luftwaffenkommandanten, die sowohl waghalsig als auch ausgeglichen sind. In diesem Prozess ist der Mossad-Chef von zweitrangiger Bedeutung.


