Gangwechsel in Flint
IM STADTZENTRUM Die Saginaw Street an einem Mittwochnachmittag.
Die Stadt Flint im amerikanischen Gliedstaat Michigan ist ein Paradies für Autofahrer. Hier gibt es niemals Staus und selbst in der Innenstadt gibt es jederzeit Parkplätze in Hülle und Fülle. Flint nennt sich seit über 100 Jahren stolz «Vehicle City», aber viele Fahrzeuge sind auf den breiten Strassen der Kommune nicht mehr unterwegs. «Seien Sie froh, dass Sie nicht vor fünf, sechs Jahren hierher gekommen sind», sagt Gary Alter: «Inzwischen gibt es zumindest wieder ein paar Lokale und Läden in der Innenstadt von Flint und nicht nur vernagelte Schaufenster.»
Alter ist seit sieben Jahren Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde der Stadt. Der kleingewachsene, graubärtige Mann hat in seiner langen Karriere als jüdischer Offizieller viel erlebt und vieles bewirkt. Doch die schwierige Situation der Kommune, in der vor über 100 Jahren General Motors (GM) gegründet wurde, stellt all diese Erfahrungen Alters in den Schatten. So berichtet er in seinem mit Papieren, Büchern und Memorabilien vollgestellten Büro nahe der Lokalzeitung, die neuerdings nur noch dreimal die Woche erscheint, von den Sorgen und Hoffnungen der Stadt und ihrer jüdischen Gemeinde.
Flint hat wie kaum eine andere Stadt der USA durch den Niedergang von GM gelitten. Das Unternehmen hat um 1970 etwa 97 000 Menschen in zahlreichen Werken überall in Flint beschäftigt. Heute sind es nur noch etwa 7000. Alter erklärt, der traumatische Kollaps der Autoindustrie habe zu einer massiven Abwanderung speziell jüngerer Bewohner aus Flint geführt. Die Stadt sei von 200 000 auf unter 100 000 Bewohner geschrumpft: «Für die jüdische Gemeinde gilt das auch. Seit Jahrzehnten kehren die Kinder unserer Mitglieder nach ihrer College-Ausbildung nicht mehr zurück. Hier wartet einfach keine Arbeit auf sie. Die Ausnahmen lassen sich an einer Hand abzählen.» Auf Anhieb fällt ihm nur der Sohn eines Juweliers ein, der das Geschäft seiner Eltern nicht habe aufgeben wollen: «Die Gemeinde ist überaltert und nur noch etwa 600 Haushalte stark – dabei werden auch zahlreiche Alleinstehende als Haushalte definiert.» Ein zumindest in den USA bekannter Flinter Jude ist Mark Pelavin, der eine führende Stelle bei der Lobby-Organisation des Reformjudentums in Washington innehat. Alter sagt, Juden hätten im Gegensatz zu den zahlreichen aus dem Süden zugewanderten Schwarzen in der Stadt nur selten für GM gearbeitet: «Die Mitglieder der Gemeinde waren typischerweise im Handel oder in den freien Berufen tätig, viele von ihnen als Ärzte.» Arbeit für Mediziner gab es mehr als genug in Flint: Dank der neuerdings häufig verunglimpften Gesundheitsversicherung der GM-Arbeiter verfügt die Stadt auch heute noch über eine Reihe von exzellenten Spitälern.
Die Stadt zurückbauen
Obwohl auch diese von Einsparungen und dem dramatischen Rückgang der Bevölkerung betroffen sind, knüpfen sich an die Krankenhäuser grosse Hoffnungen für die Zukunft der Stadt. Die macht neuerdings mit einem Projekt von sich reden, das bislang einzigartig für die USA ist: Flint soll planmässig «zurückgebaut» werden, also ganze Viertel aufgegeben, um den Umfang der Kommune und die Leistungsfähigkeit der lokalen Behörden wieder in Einklang zu bringen. Alter findet lobende Worte für das Projekt und den Politiker Dan Kildee, der dabei eine führende Rolle spielt: «Kildee ist ein guter Mann! Seine Idee ist der einzige Weg, der Flint überhaupt noch bleibt.» Ein 50-jähriger, grosser und breitschultriger Mann, ist Kildee Budgetdirektor des Landkreises von Flint. Er zeigt uns die alte East Side von Flint, in der seine Grosseltern lebten und Kildee selbst aufgewachsen ist. Das Arbeiterviertel mit seinen kleinen Einfamilienhäusern entstand nach 1904 östlich der gigantischen Fabrik, in der bis 1999 Buicks produziert wurden, zunächst die erfolgreichste Automarke der USA. Buick wurde zur Keimzelle von GM. Die Fabrik wuchs bis in die siebziger Jahre auf acht Kilometer Länge und war immer noch eine der grössten Fertigungsanlagen der Welt, als GM die Buick City 1999 stilllegte. Wie zahlreiche andere GM-Werke in Flint wurden inzwischen grosse Teile von Buick City abgerissen und die Brache zubetoniert.
Kildee will der East Side ein ähnliches Schicksal bereiten: «Im Viertel ist nur noch jedes vierte oder fünfte Haus bewohnt.» In den leeren Gebäuden nisten sich Drogensüchtige ein. Kildee zeigt auf ein ausgebranntes Häuschen und nennt als Ursache «Brandstiftung oder Drogensüchtige, die beim Crack-Kochen nicht aufgepasst haben». Überall an der East Side sind zerfallene Gebäude zu sehen. In den kleinen Gärten rundherum wuchern Unkraut und Gebüsch. Doch immer wieder klafft in den Häuserreihen eine Lücke, ist der Rasen kurz, vielfach sind selbst die Fundamente verschwunden: Hier nimmt Kildees Traum bereits Gestalt an. Er hat 2002 die Gründung einer Land-Bank initiiert. Sie übernimmt Immobilien, nachdem die Besitzer weggezogen und Steuern schuldig geblieben sind. Inzwischen besitzt die Land-Bank fast 5000 Grundstücke. Etwa 1000 davon sind seit dem Beginn der Hypothekenkrise im letzten Frühjahr dazugekommen.
Die Land-Bank an sich ist noch keine revolutionäre Idee. Kildee erklärt: «Wir standen vor der Wahl, die Grundstücke an Spekulanten zu verkaufen. Aber nachdem private Projekte über Jahrzehnte gescheitert waren und Flint mehr Schaden als Nutzen gebracht hatten, sind wir zu der Einsicht gekommen, dass wir das Schicksal der Stadt selbst in die Hand nehmen müssen.» Kildee will seine alte Gegend unter die Kontrolle der Land-Bank bringen und dann in einen Park verwandeln, wie das unmittelbar südlich der East Side gelegene «Kulturviertel». Dort sind im Schatten alter Eichen die eleganten, klassisch-modernen Flachbauten des sehenswerten Kunstmuseums Flint Institute of Arts, der Musikakademie, des Jugendtheaters oder der Bücherei zu bewundern. Alter hebt hervor, dass die jüdische Gemeinde an diesen Einrichtungen seit jeher ein grosses Interesse hat: «Wir haben hier ein Symphonieorchester, das sich aus Musikern der ganzen Region rekrutiert. Etliche Mitglieder sind jüdisch, zudem unterstützen jüdische Bürger die Einrichtung mit Spenden.» Das Orchester tritt regelmässig zu Konzerten und Galaveranstaltungen auf.
Von der Auto- zur Collegestadt
Ursprünglich gehen jedoch auch das Kunstmuseum und die benachbarten Kulturstätten auf GM zurück. Gleiches gilt für die bereits erwähnten Krankenhäuser und die international renommierte technische Kettering University, die aus dem General Motors Institute für Ingenieurswissenschaften entstand. Am bedeutendsten im GM-Vermächtnis ist jedoch die 1926 gegründete Charles Stewart Mott Foundation, in die der gleichnamige Mitbegründer von Buick Teile eines der grossen Industrievermögen der USA eingebracht hat. Die weltweit aktive Mott Foundation residiert nicht nur in einem neoklassizistischen Hochhaus aus der grossen Zeit von Flint, das sich majestätisch über dem Stadtzentrum erhebt. Mit ihrem Kapital von rund drei Milliarden Dollar hat die Stiftung seit den dreissiger Jahren unter anderem ein örtliches College und das Kulturviertel mitfinanziert.
Alter rühmt den Gemeinsinn der Mott Foundation, aber er betont überdies das enorme Beharrungsvermögen der jüdischen Gemeinde von Flint: «Wir bringen jedes Jahr immer noch eine Million Dollar an Spenden auf. Die fliessen in unsere Einrichtungen, aber auch in städtische Institutionen, etwa Suppenküchen.» Er betrachtet auch Kildees Idee als vorbildlich für die
Flinter Juden, die in eine Reform- und in eine konservative Gemeinde geteilt sind: «Ich setze mich seit Jahren dafür ein, dass wir unser Gebäude hier in der Innenstadt verkaufen und alle jüdischen Einrichtungen unter einem Dach versammeln.» Dazu gehören neben der modernen, vor etwa zehn Jahren gebauten Reform-Synagoge auch eine Tagesschule mit derzeit 60 Zöglingen und die Synagoge der Konservativen.
Diese Einrichtungen liegen westlich von Flint dicht beieinander in einem gepflegten Vorort. Doch bislang hatte Alter keinen Erfolg beim «Rückbau» der jüdischen Institutionen: «Im Prinzip befürworten viele die Idee, aber es hapert an der konkreten Umsetzung. Vor zwei Jahren hätten wir das Grundstück hier verkaufen können. Inzwischen ist das dank der Hypothekenkrise unmöglich geworden.» Sorgen bereitet Alter auch das Wachstum der muslimischen Gemeinschaft in Flint: «Deren Mitglieder stammen meist aus Cisjordanien. Wir sind mehrfach bei Versuchen gescheitert, den Rahmen für einen interreligiösen Dialog mit den Muslimen zu schaffen. Das lag letztlich am Widerstand des Iman.» Inzwischen ist die jüdische Gemeinde kleiner als die arabisch-muslimische. Alter befürchtet mittelfristig einen Verlust an Einfluss für die Flinter Juden. Die Moschee liegt wie die zwei jüdischen Gotteshäuser im Westen der Stadt. In der Reform-Synagoge amtet die aus Australien stammende Rabbinerin Karen Companez. Ihre Eltern sind aus Berlin vor den Nazis geflohen: «Unser Familienname ist Schiff. Ich bin nach meiner Ausbildung über das Hebrew Union College in Cincinnati nach Flint gekommen.» Auch Companez bewundert die starke Verbundenheit der Gemeindemitglieder mit ihrer Stadt: «Ich habe kaum jemals ein solches Mass an Initiative und Einsatz erlebt wie hier.» Die Gemeinde habe in den siebziger Jahren eine vorbildliche Rolle bei der Integration aus Russland emigrierter Juden gespielt, so die Rabbinerin: «Die Lehren von damals werden in Michigan inzwischen bei anderen Immigrantengruppen angewandt. Eine Handvoll russischer Juden kommt jede Woche zu einem Treffen hierher zu uns.» Die Konservativen nebenan müssen seit Längerem ohne Rabbiner auskommen, erklärt Companez: «Aber wir betreiben zumindest die Tagesschule zusammen.» Sie sagt, dass viele Juden aus dem Stadtzentrum weg in den Westen, aber auch weiter nach Detroit oder Lansing gezogen seien, die Hauptstadt von Michigan: «Insgesamt ist jedoch der ganze Gliedstaat von Abwanderung betroffen.» Michigan leidet mit rund 15 Prozent unter der höchsten Arbeitslosigkeit Amerikas.
Wie Alter erwähnt Companez die Parole vom «Gangwechsel»: Flint soll «von einer GM-Stadt zu einer College-Stadt» werden. Eckpfeiler dieser Vision sind die Spitäler, die auch medizinischen Nachwuchs ausbilden, und die vier neben der Kettering University ebenfalls hier ansässigen Hochschulen. Ein Vorbild für den «Gangwechsel» ist das 100 Kilometer südlich gelegene Ann Arbor, einst ein maroder GM-Standort und heute eine gepflegte Kommune mit 115 000 Einwohnern. Dort beschäftigt die University of Michigan 38 000 Menschen. Sie unterhält eine weitläufige Dependance im Stadtzentrum von Flint. Doch deren Kanzlerin Ruth Person warnt vor überzogenen Hoffnungen: «Es gibt in Flint 30 000 Studenten, davon 7000 bei uns. Wir haben uns in den letzten Jahren erheblich vergrössert und bauen derzeit neue Wohnheime. Aber die Bürger müssen selbst die Initiative ergreifen und dürfen sich nicht darauf verlassen, dass wir an die Stelle von GM treten.» Dann zollt sie der Vergangenheit der «Vehicle City» Respekt und setzt hinzu: «Wir können der Motor eines Neuanfangs sein – aber nicht das ganze Fahrzeug.»


