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24. Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 30 Ausgabe: Nr. 30 » July 23, 2009

«Big Brother» im Bunker

Von Gisela Blau, July 23, 2009
Es ist Krieg und 33 gehen hin: Eine Bunkerbesatzung mit 25 Männern und parallel dazu drei Frauen mit fünf Kindern auf einem Bauernhof sollen drei Wochen lang den Fernsehzuschauern die Gefühle der Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs vermitteln. Historiker kritisieren das Living-History-Projekt.
IM BERG 25 Männer werden freiwillig drei Wochen hier leben

Die Geschichte des und Geschichten über den Zweiten Weltkrieg haben Hochkonjunktur, auch heute noch, 70 Jahre nachdem Hitlerdeutschland am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen den Krieg ausgelöst hat. Auch in der Schweiz wurde am 2. September 1939 mobilisiert; 600 000 Männer mussten einrücken, und die Wirtschaft wurde in hohem Mass von den Frauen aufrechterhalten, die Bauernhöfe und Geschäfte allein leiteten und ihre Familien dürftig mit Hilfe von Rationierungsmarken ernährten. Umso erstaunlicher, dass die Schweizer Frauen nach Kriegsende still und bescheiden zu ihrer alten Rolle zurückfanden und angesichts ihrer Höchstleistungen nicht einforderten, was ihnen zustand: politisches Mitspracherecht. Auch das ist ein wenig bearbeitetes Thema.
Spielfilme, aufwendige wie «Der Vorleser» oder «Walküre» (über das missglückte Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944), kleinere wie «Les murs porteurs», neue Romane wie «Der Koffer der Adele Kurzweil» und auch Dokumentationen, die erst jetzt möglich wurden, führen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs zurück. Das Gleiche plant nun das Schweizer Fernsehen mit einer neuen Variante seiner bisherigen erfolgreichen Serien über lebendig gemachte Geschichte, etwa das Leben auf einem Hof zu Gotthelfs Zeiten oder bei den Pfahlbauern.

Drei Wochen lang, fünf Tage die Woche

Der Fernsehsender hat sich diesmal ein ehrgeiziges Projekt vorgenommen: «Alpenfestung – Leben im Réduit» soll vom kommenden Montag an drei Wochen lang 25 Männer in der Festung Fürigen bei Stansstad und drei Frauen mit fünf Kindern auf einem Bauernhof in Emmetten begleiten, fünf Tage pro Woche, jeweils im Rahmen von «Schweiz aktuell». Experten werden mit dem Moderator Oliver Bono die Ereignisse einordnen, unter anderen der Militärhistoriker Rudolf Jaun von ETH und Universität Zürich und die junge Historikerin, Ethnologin und Islamwissenschaftlerin Nathalie Unternährer, Leiterin des Museums Nidwalden in Stans. In Stans, im «Winkelried-Haus», finden die Veranstaltungen statt, ausserdem wird am 12. August der «Tag der Aktivdienstgeneration» begangen. Vom Mythos Winkelried – den es nur als oft missbrauchte Sagenfigur gibt – zum Mythos «Réduit»: ein passender Zeitsprung.
800 Personen meldeten sich beim Fernsehen für die 28 Erwachsenen-Rollen. Aus 80 wurde dann nach vermeintlich gründlichen Abklärungen ausgewählt. Ausgerechnet der vorgesehene Kommandant, der schon mal überaus martialische Töne von sich gegeben hatte, wurde wegen Vorstrafen gerade noch rechtzeitig ersetzt. Kostümbildnerinnen, ein Landwirtschaftsexperte und militärhistorische Berater sorgen dafür, dass alle Requisiten bis hin zu den kratzenden Uniformen stimmen. Ohne Laptop, iPod, Mobiltelefon und Fernsehapparat spielen die 25 Männer in den kalten, langen, als Museum erhaltenen Korridoren und Räumen der Festung Fürigen ein Leben unter der Erde und unter kargen Bedingungen. Die drei Frauen mit ihren fünf Kindern bewirtschaften derweil ohne männliche und technische Hilfe einen Bauernhof. Nur das noch nicht einjährige Baby darf an einem neuzeitlichen Nuggi nuckeln. Zwei Frauen sind im wahren Leben die Partnerinnen von zwei der Bunker-«Soldaten».
Das Projekt über den schweizerischen Abwehrkampf weckt bei Historikern Widerstandswillen und Kampfgeist. Jean-François Bergier, einst Präsident der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg, findet das Projekt «absurd». Auch zwei Kommissionsmitglieder äussern sich gegenüber tachles kritisch. Der Historiker Jacques Picard, Professor für Jüdische Studien an der Universität Basel, meint, dass es das gute Recht des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds und der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich sei, das Projekt als fragwürdig zu bezeichnen, wie sie es vor einem halben Jahr auf Anfrage der Medien getan haben. Picard selbst teilt diese Kritik vom jüdischen Standpunkt aus aber nicht. Allerdings äussert er fachliche Bedenken an der Übungsanlage: «Ich habe nichts gegen die Nutzung des Réduits», so Picard. «Man kann Festungen, wie es schon geschieht, als Hotel, Datenarchiv, Museum oder Ausflugsziel verwenden, aber ganz sicher nicht für einen TV-Kick. Es gibt eine berechtigte Überlegung, wie Geschichte vermittelt werden kann. Da kann man sehr viel machen, ausser einer Seifenoper für Emotionen, das funktioniert nicht. Die Emotionen von vor 70 Jahren kann man nicht auf heute übertragen. Das Thema eignet sich nicht für einen Big-Brother-Event. Big Brother funktioniert nur in der Gegenwart, aber es wäre absolut zynisch, ein Living-History-Projekt in einem Asylantenheim oder einem Ausschaffungsgefängnis anzusiedeln.»

«Man darf nicht Flüchtling spielen»

Auch den Einbezug eines Flüchtlingslagers aus den vierziger Jahren ins geplante TV-Projekt würde Picard für zynisch halten: «Man kann und darf nicht Flüchtling spielen.» Es dürfe auch kein Geschichtsbild vemittelt werden, bei dem niemand begreifen könne, dass das Réduit und die Anbauschlacht ein Teil von etwas viel Breiterem gewesen seien, von wirtschaftlichen Abhängigkeiten, Flüchtlingspolitik, politischen Einstellungen, Geschlechterverhältnis, sagt Picard – es hängt also mit all den komplexen Gründen zusammen, die dazu führten, dass die Schweiz verschont blieb.
Auch der Historiker Jakob Tanner, Professor an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich, bemängelt die Reduktion der Schweiz im Zweiten Weltkrieg auf das Réduit: «Das Réduit war nur ein Teil einer Verteidigungsstrategie, die in ihrer Gesamtheit betrachtet werden muss. General Guisan erklärte ganz klar seinen deutschfreundlicheren Generalstäblern, die sich auf die Alpenfestung konzentrieren wollten – und das ist durch Protokolle belegt –, dass die Schweiz von der Grenze her verteidigt werden müsse. Solange es um ein Konzept der Kriegsführung ging, wäre der Rückzug ins Réduit eine völlig absurde Idee gewesen. Feldmarschall Montgomery nannte sie einen ‹undurchführbaren Nonsens›. Wären die Deutschen einmarschiert, so hätte man ihnen nicht die Bevölkerung ausliefern können, das wäre psychologisch nicht lange machbar gewesen. Im Sommer 1940 war die Alpenfestung Teil eines viel breiteren Arrangements. Es ging um die Sozialversicherung, die Erwerbsersatzordnung und um den im August 1940 unterzeichneten Wirtschaftsvertrag mit Deutschland. Das Réduit wurde Teil einer Anpassungsstrategie.»

Zu komplexes Thema

Tanner findet es absurd, dass die Leitung des Fernsehprojekts versichert, es würden keine Kampfhandlungen gezeigt werden – es gab nämlich gar keine auf Schweizer Boden. Die subjektive Erlebnissphäre der Teilnehmenden reiche nicht, um das komplexe Thema auszuleuchten, sagt Tanner: «So kommt es zur Banalisierung eines hoch problematischen Themas, zu einem emotional regressiven Geschichtsbild, zur Zementierung eines Mythos, der zu lange die Schweizer Politik beeinflusste, und zu einem männer- und helvetozentrierten Spektakel, zu einer verpassten Gelegenheit, aus der Erinnerungsverweigerung auszusteigen und sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.»
Tanner betont, dass 1940 eine grosse Umdisponierung der Schweiz stattgefunden habe. Alles sei in Richtung der Wirtschaftskomponente gelaufen. Deshalb wurden im Sommer 1940 zwei Drittel der Armee demobilisiert, wobei 150 000 Männer nach wie vor die Verteidigungsbereitschaft aufrechterhielten. Aber die entlassenen Soldaten konnten in den Fabriken ihren Teil zur Erfüllung des Wirtschaftsvertrags mit Deutschland leisten, der andererseits wichtige Importe garantierte. «Als 1942 erneut die Rede von der Alpenfestung war, war es bereits völlig klar, dass die Schweiz nur durch die alliierte Kriegsführung gerettet würde. Mit der Verschärfung der Flüchtlingspolitik war die Schweiz 1942 auf den Tiefpunkt ihrer Selbstdefinition. Das sind hoch komplexe Zusammenhänge, und man sollte nicht nur einen Teilaspekt zum Thema eines historischen TV-Projekts machen.»
Jakob Tanner wird zum Glück und quasi als Gegengewicht zur «Bunker-Soap» mehrfach in einordnenden Dokumentarsendungen mit historischem Filmmaterial zu sehen und zu hören sein, leider erst spät nachts und auch nicht oft und ausführlich genug. Nach dem Auftakt der Living-History-Serie am kommenden Montag und auch noch eine Woche später ist Tanner Experte in den letzten beiden Sendungen von «Die Schweiz im Zweiten Weltkrieg» um 23.15 Uhr.   





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