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17. Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 29 Ausgabe: Nr. 29 » July 16, 2009

Von Durchschnitts- und anderen Menschen

July 16, 2009
Editorial von Jacques Ungar

Widerspruch. Der Durchschnittsmensch ist ein kurzzeitig, in Schlagzeilen denkendes Wesen. Niemand kann es daher einem Durchschnittsmenschen verübeln, wenn er die aussenpolitischen Entscheidungsträger der Eidgenossenschaft dafür mit Komplimenten überhäuft, dass unlängst eine hochkarätige Delegation der Hamas während einer Europareise auch in der Schweiz Gespräche führen konnte. Warum auch nicht, zählt nach EDA-Diktion die Hamas doch nicht zu den Terrororganisationen, die bis zu ihrer völligen Läuterung zu meiden sind. Dass Bern sich damit in krassen Widerspruch zu den Staaten der EU und auch zu den USA setzt, scheint aufrechten Eidgenossen und Eidgenossinnen egal zu sein. Mehr noch: Gerade ein Kleinstaat wie die Schweiz muss, so denkt man wohl im Bundeshaus, peinlichst auf seinen aussenpolitisch unabhängigen Kurs bedacht sein. Da könnte sonst ja jeder kommen, oder? Dass Bern, zusammen mit Randnationen wie etwa Norwegen, durch das Erteilen eines Persilscheins an die Hamas international vorprescht und damit schwächende Löcher in die an sich global gedachte Anti-Terror-Front treibt, ist der offiziellen Schweiz offenbar gerade nochmals egal.



Ignoranz. Wer unter den Durchschnittsmenschen will heute noch wissen, dass Banden der Hamas jahrelang Mord und Totschlag unter jüdischen Zivilisten auf beiden Seiten der «grünen Linie» zwischen dem Staat Israel und den Palästinensergebieten verübt haben, oft auf direkte Anweisung der Hamas-Zentrale in Damaskus oder des ideologisch-finanziellen Patrons in Teheran? Bei welchem Durchschnittsmenschen löst heute die Erwähnung der rund 10 000 Raketen und anderer Geschosse, welche die Hamas und mit ihr verbündete Organisationen während acht Jahren auf den Süden Israels abgefeuert haben, mehr als ein gelangweiltes Gähnen aus? Dass der IDF-Soldat Gilad Shalit seit über drei Jahren in unmenschlicher Einzelhaft der Hamas darbt, wird gerade noch zur Kenntnis genommen. Doch schon von der Behauptung, dass ein Grossteil des Leidens der palästinensischen Bevölkerung durch die Intransigenz der Hamas und ihresgleichen verursacht wird, wollen «Menschen wie du und ich» nichts wissen. Viel leichter ist es da doch, die (auch von sich besonders progressiv gebenden jüdischen Organisationen verbreiteten) Schlagzeilen vom geplanten Aushungern dieser Bevölkerung durch Israel wiederzukauen.

Unkritisch. Neben den Durchschnittsmenschen gibt aber noch andere, die es eigentlich besser wissen sollten. Diejenigen, die an oft ausschlaggebenden Stellen der schweizerischen Aussenpolitik sitzen, müssten eigentlich wissen, dass ihr Denken, Sprechen und Handeln einen Multiplikator-Effekt bis in die tiefsten Niederungen des Volkes auslöst. Der Hinweis aus Bern etwa, dass die Hamasmitglieder keine Terroristen seien, veranlasst «Mutige» aus den Massen der Online-Leser und -Schreiber, sich von Israel gefälligst jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Schweiz zu verbeten, seien doch gerade die Israeli mit ihrem Vorgehen im Gazastreifen kaum weniger Terroristen als etwa die Hamas. Durchschnittsmenschen sparen sich meistens die Mühe, Pauschaläusserungen zu hinterfragen. Die Schlagzeilen ihrer Leibblätter, Radio- und TV-Stationen reichen aus und werden unkritisch zur eigenen Meinung erhoben. Aber die Nicht-Durchschnittsmenschen? Diejenigen, die mit ihren Worten und Taten Einfluss ausüben? Wäre es nicht an der Zeit, dass sie sich endlich an die bewährte eidgenössische Maxime erinnern und wieder nach «bestem Wissen und Gewissen» handeln?  



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