Schöpferischer Musiker
Seinen frühen Weltruhm als schöpferischer Musiker verdankt Ernest Bloch nicht der Quantität, sondern der Qualität seines Schaffens. Eine Handvoll Stücke reichte aus, ihn beidseits des Ozeans bekannt und beliebt zu machen: die noch in der Westschweiz entstandene Hebräische Rhapsodie «Schelomo» für Violoncello und Orchester, die in der kalifornischen Wahlheimat für Violine und Klavier komponierten «Drei Bilder des Chassidischen Lebens», «Baal Shem», das neobarocke 1. Concerto grosso für Streichorchester mit obligatem Klavier, «Avodath Hakodesh» für Bariton, gemischten Chor und Orchester sowie die «Suite hébraïque» für Viola und Orchester.
Mit den orchestralen «Trois Poèmes juifs» eröffnete Bloch 1913 in Genf, wo er am 24. Juli 1880 geboren und aufgewachsen war, einen «jüdischen Zyklus», ein in der Musikgeschichte einzigartiges Unternehmen. Bloch trug damit wesentlich zur Renaissance der jüdischen Musik bei. Er tat es erstaunlicherweise nicht unter Verwendung traditioneller Weisen aus der Synagogalmusik oder aus der jüdischen Volksmusik, sondern ausschliesslich mit eigenen Themen und Motiven. Wie es dazu kam, verriet er in der Schriftenreihe «Musica hebraica», die vom World Center for Jewish Music in Palestine 1938 herausgegeben wurde: «Ich habe nur einer inneren Stimme gelauscht, tief, geheim, drängend, brennend, einem Instinkt viel mehr als einer kalten und trockenen Vernunft, einer Stimme, die von sehr weit zu kommen schien, hinter mir, hinter meinen Eltern (…) einer Stimme, die beim Lesen gewisser Stellen der Bibel, Hiob, Kohelet, den Psalmen, den Propheten erbebte (…) Dieses ganze jüdische Erbgut rührte mich auf, und es entstand daraus Musik.»
Lengnauer Vorfahren
Ernest Blochs religiöse Familie stammte aus dem aargauischen Surbtal, wo der Grossvater väterlicherseits Vorstand der Jüdischen Gemeinde Lengnau war und als Chasan (Vorbeter) in der Synagoge wirkte. Der Vater hatte einst das Rabbinerstudium begonnen, war mit dem Hebräischen und den Heiligen Schriften gründlich vertraut und sang am Pessachfest jeweils am Sederabend. Er hätte wohl nie gedacht, dass sein Sohn Ernest, als er sich schon mit elf Jahren zu einer Komponistenlaufbahn entschloss, im fernen Amerika einst als «ein hebräischer Prophet» tituliert und als einer der bedeutendsten Schöpfer der jü¬dischen Kunstmusik gefeiert werden sollte.
Zuerst am Genfer Konservatorium ausgebildet, schloss der junge Musiker sein Violinstudium bei Eugène Ysaye in Brüssel und die kompositorische Ausbildung bei Iwan Knorr in Frankfurt a. M. und bei Ludwig Thuille in München ab. Danach wirkte er als Dirigent verschiedener Orchester in der Westschweiz und als Kompositionslehrer am Konservatorium seiner Geburtsstadt. Die Uraufführung seiner Oper «Macbeth» (nach Shakespeare) 1910 in Paris weckte grosses Interesse an einem Komponisten, der sich eben anschickte, die Einflüsse von Debussy, Mussorgsky und Richard Strauss zu bündeln und einen eigenen, ausdrucksvollen Stil zu entwickeln.
Komponist, Direktor, Fotograf
Nachdem er 1916 auf Einladung der amerikanischen Tänzerin Maud Allan als Dirigent eine Konzerttournee durch die USA gestartet hatte, liess er sich dort nieder. Kaum hatte der mittellose Komponist mit der 1917 selber geleiteten Aufführung seiner «Trois Poèmes juifs» mit dem Boston Symphony Orchestra grossen Erfolg erzielt und 1919 den Coolidge-Preis gewonnen, begann seine amerikanische «Bilderbuchkarriere». Er wurde 1920 Direktor des Cleveland Institute of Music, 1924 amerikanischer Staatsbürger und ein Jahr später Leiter des San Francisco Conservatory of Music. Dank einem Stipendium der Rose-und-Jacob-Stern-Stiftung konnte sich Bloch von 1930 bis 1938 in Europa aufhalten. Er lebte längere Zeit in Roveredo in der Schweiz, bevor er, vom zunehmenden Antisemitismus beunruhigt, in seine amerikanische Wahlheimat zurückkehrte. Dort erteilte er nach einer mehrjährigen Schaffenskrise ab 1943 Kompositionsunterricht an der Kalifornischen Universität in Berkeley. Als er am 15. Juli 1959 einem Krebsleiden erlag, hinterliess er nicht nur ein bedeutsames kompositorisches Œuvre, das hierzulande von der Association BloCH 09/10 gefördert wird und uns das Spiegelbild einer um moralische Werte kämpfenden Persönlichkeit liefert, sondern auch weit über 5000 Negative. Der Fotograf muss in Europa erst noch entdeckt werden.
Kostproben von Blochs Fotografien sowie unveröffentlichte Dokumente werden vom 16. August bis 6. September in einer Doppelausstellung im Dorfmuseum Lengnau gezeigt, die ihm und der aus demselben Dorf stammenden Malerin Alis Guggenheim gewidmet sein wird.


