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10. Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 28 Ausgabe: Nr. 28 » July 9, 2009

Judentum und Rassismus

July 9, 2009
Avirama Golan zur Lage in Israel

Jahrelang war es schwierig, die Vergleiche zu akzeptieren, die Vertreter der Linken zwischen Israel und Südafrika zogen. Das galt insbesondere für die Verwendung des Wortes Apartheid, dessen Gebrauch in Zusammenhang mit einem so komplizierten Konflikt übertrieben und sogar schädlich erschien. In den letzten Jahren aber ist es unmöglich geworden, den Kopf weiter in den Sand zu stecken:
Israel verliert zusehends die letzten Spuren seiner menschlichen Haltung und verschliesst Herz und Gewissen nicht nur gegenüber den Palästinensern in den Gebieten, sondern auch gegenüber jedem Menschen, der nicht jüdisch ist.



Die drastischste Verkörperung dieses Phänomens ist die Politik einer Abteilung des Bevölkerungsamts des Innenministeriums. Gegründet wurde die Abteilung von Yaacov Ganot, der sie auch leitet. An der Spitze des israelischen Innenministeriums steht damit ein Minister, der nicht einmal vorgibt, humanistische und universelle Werte zu vertreten. Vielmehr sieht er sich als Wachhund des Judentums. Eines ganz speziellen Judentums allerdings: Ultraorthodox, separatistisch und verschlossen. Die meisten Juden der Welt haben nichts am Hut mit dieser Art von Judentum, doch verschiedene israelische Regierungen sind der Politik dieser Abteilung blindlings gefolgt.

Nun verspricht Ganot, die neue Verwaltung werde bald damit beginnen, ausländische Familien mit Kindern auszuschaffen. «Der Schutz, der den Kindern gewährt wird, wird nicht auf die Eltern ausgedehnt», erklärte er in einem Interview. Das widerspricht einer Entscheidung der beiden früheren Innenminister Avraham Poraz (Shinui) und Ophir Pines-Paz (Arbeitspartei), die Familien die israelische Staatsbürgerschaft gewährten, deren Kinder in Israel geboren wurden und und zur Schule gehen und keine andere Staatsbürgerschaft besitzen als die israelische. Deshalb können diese Kinder auch nirgendwohin «zurückkehren», was sie zu ewigen Migranten machen würde.

Wir dürfen damit rechnen, dass Ganot sein Wort hält. Er ist ein ehrgeiziger, hart arbeitender Mann. Die Ausschaffungspolitik ist aber nicht sein Werk; er ist aber glücklich, sie in die Tat umsetzen zu dürfen. Der Zusammenhang zwischen der von der Shas-Partei vertretenen Version des Judentums und den ausländischen Arbeitern in Israel ist allerdings viel grösser als Ganots Pläne. Schliesslich könnte man ja zusammen mit der Regierung argumentieren, Israel würde die Gastarbeiter im Rahmen seines Kampfs gegen die Arbeitslosigkeit ausschaffen, um es den Israeli zu ermöglichen, einen ehrlichen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn dem so ist, warum lässt die Regierung dann zu, dass dieses Jahr über 20 000 ausländische Landwirtschaftsarbeiter nach Israel kommen, so wie sie es schon in früheren Jahren getan hat?
Dieses zynische Vorgehen beweist nur, wie irreführend die Ausrede mit der Arbeitslosigkeit ist. Ganz zu Beginn der Koalitionsverhandlungen versprach Premier Netanyahu Landwirtschaftsminister Shalom Simhon (Arbeitspartei), dass die Landwirtschaftslobby nicht beeinträchtigt würde. Das ist also ein Spiel, dessen Regeln von Anfang an bekannt waren. Die Schüsselregel lautet dabei: Die Regierung sucht viele ausländische Arbeiter, die kommen, arbeiten und wieder gehen. Gleichzeitig sollen aber all jene konsequent verfolgt werden, die Bevölkerungsgruppen mit einer starken Lobby bedrohen. Einige dieser Arbeiter sollen von den Zentren des Landes in die Randgebiete umgesiedelt werden, doch die meisten sollen einfach ins Gefängnis geschickt und von dort aus in ein Flugzeug verfrachtet werden.

Und hier wird die Verbindung zu Shas augenfällig. Die philippinischen Frauen, die Israels Pflegebedürftige baden, die Chinesen, die die israelischen Luxushochhäuser errichten, und die Thailänder, die Obst und Gemüse für den Export züchten, verdrängen oft Israels arabische Bürger von ihren Arbeitsplätzen. Diese Bürger haben keine Lobby, und niemand kümmert sich um sie und um ihre fehlende Beschäftigung. Hingegen stellen Afrikaner, Südamerikaner, Ukrainer und  andere, die Wohnungen putzen und andere niedrige Arbeiten verrichten, eine andere Gruppe dar – eine tiefer eingestufte jüdische Klasse.

Zu dieser Gruppe gehören einerseits arme, ungebildete Frauen, für die die Hausreinigung und andere Haushaltsarbeiten praktisch die einzigen Betätigungen sind, die sie finden können, und andererseits arme, ungebildete Männer, die ihren Lebensunterhalt als Maler oder Gipser verdienen oder durch das Verrichten einfacher Reparaturarbeiten, Reinigen von Treppenhäusern und so weiter. Israels Hausbesitzer haben lieber die billigen, gehorsamen Ausländer, die gewillt sind, jede Arbeit ohne Sozialleistungen zu erledigen, als die israelischen Arbeiter, die ihnen «verwöhnt» vorkommen. Diese Israeli haben zwar keine Macht, doch sind sie bei Wahlen das Zielpublikum von Shas, verfügen in der Praxis also über eine starke Lobby. Und diese Lobby benutzt das Argument einer «jüdischen Reinheit» dazu, um die Ausländer fernzuhalten, vor allem solche mit Familien, die von einer Einwanderung träumen.

Die paradoxe Situation, dass Israel gewisse Ausländer verfolgt, während es andere als «legale» Arbeiter einlädt, hat ihren Ursprung tatsächlich in wirtschaftlichen Gründen. Die Lüge, die diese Argumente umhüllt, besteht aus einer Mischung von Ethnozentrismus und Rassismus. Das ist noch peinlicher als die Peinlichkeit, die man damit zu verbergen sucht.

Wie andere Länder behandelt auch Israel seine Ausländer grausam. Im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten aber basiert diese Grausamkeit auf der ethnischen und religiösen Identität des Landes.   

Avirama Golan ist Kolumnistin bei «Haaretz».



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