Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt
«Teilhaftig der eigentlichsten Reize dieses wunderlichen Caféhauses wird allein der, der dort nichts will als dort sein. Zwecklosigkeit heiligt den Aufenthalt.»
Aus Alfred Polgars «Theorie des Café Central»
Obwohl nichts weniger einem Wiener Kaffeehaus gleicht als New Yorker Imitate, konnte die Autorin Sandy Miller in ihrem neuen Handbuch «Café Life New York» diesem Satz des Wieners Polgar nicht widerstehen. Polgar war einer der geistreichsten Kaffeehaus-Habitués und Wien scheint weiterhin der Fixstern für all jene zu sein, die sich mit den öffentlichen Ritualen des gesellschaftlichen Koffeinkonsums beschäftigen. Und das gilt selbst für eine Stadt, in der «Zwecklosigkeit» keineswegs in hohem Ansehen steht.
Definiert man Cafés als Lokale, in denen die Qualität des Kaffees ernst genommen und der Kauf einer Tasse das Billet für einen unbegrenzten Aufenthalt ist, dann handelt es sich dabei in New York um ein Phänomen neueren Datums. Verweilen lag nicht im Charakter der Stadt. Lange Jahre wurde schlechter Kaffee unterwegs auf der Strasse oder in der U-Bahn aus den immer gleichen blau-weissen Pappbechern mit ihrem charakteristischen Mäandermuster getrunken – eine Referenz an die griechischen Coffeeshops, die einst an jeder Ecke zu finden und lange die wichtigste Quelle für das Teufelsgebräu waren. Das Miteinander wurde allenfalls nach Feierabend gepflegt und dann belebte Alkohol in Kneipen und Cocktailbars den gesellschaftlichen Verkehr.
New York ist eine polyglotte Metropole und zieht junge Leute magnetisch an. Jede neue Immigranten-Welle, jede neue Generation drückt der Stadt ihren Stempel auf. Da der Wandel die einzige Konstante darstellt, ist New York stets offen für Experimente. Das erklärt das derzeitige Interesse für Cafés, das von zwei Seiten inspiriert wurde: Während mit dem Starbucks-Phänomen ein neues Bewusstsein für hochwertigen Kaffee aus dem pazifischen Nordwesten an den Hudson kam, stammen die Vorbilder für die sozialen Rituale rund um dessen Genuss aus Europa. Daher hat sich das New Yorker Kaffeehaus wie so viele amerikanische Adap-tionen europäischer Vorbilder zu einem Mischmasch entwickelt, der die ostentative Hast der italienischen Espressobar mit der wienerischen Einladung zum Verweilen im Café verbinden will.
Können die Traditionen einer Kultur – so attraktiv sie auch sein mögen – in einer anderen überleben? Selbst wenn es möglich wäre, das üppige Angebot an Zubereitungsarten vom Espresso bis zum «Einspänner» (Mokka in einem Glas mit Sahnehäubchen) in den Wiener Etablissements zu kopieren – und selbst wenn irgendjemand in der Lage wäre, das berühmte Wiener Gebäck herzustellen, das den Kaffee begleitet: Liesse sich die Atmosphäre duplizieren? Die österreichische Hauptstadt weist nach wie vor eine überwiegend homogene Bevölkerung auf, die gesellschaftliche Rituale ganz selbstverständlich teilt. Die Kaffeehäuser sind nicht nur Treffpunkte für die meisten Leute, oder Orte zum Kartenspielen und Zeitunglesen. Sie bilden auch einen integralen Bestandteil des politischen, kulturellen und geschäftlichen Lebens. (Die Cafés in Geschäftsvierteln bieten Mittagsmenüs für Gäste an, die zurück ins Büro müssen.) Grosszügig dimensioniert, bieten die Kaffeehäuser Ungestörtheit und die meist lebenslang dort tätigen Kellner sind diskret. Hier können Politiker Allianzen schmieden, Geschäftsleute einen Handel abschliessen, Journalisten Interviews führen und Schriftsteller mit ihren Lektoren konferieren – und spät in der Nacht finden sich Schauspieler und Musiker ein, um ihre Auftritte Revue passieren zu lassen.
Publikum mit gemeinsamen Erfahrungen
Die Kundschaft eines Wiener Cafés hängt vom Standort, dem Dekor, ja vom Charakter der ursprünglichen Gäste ab. Im Café Landtmann gegenüber dem Burgtheater und unweit des Parlaments treffen sich Schauspieler und Politiker. Dort steht ein Raum für Pressekonferenzen bereit und im Keller gibt es ein kleines Theater. Das wieder auferstandene Café Griensteidl, wo sich im Fin de
siècle Arthur Schnitzler und die anderen Schriftsteller der Bewegung Jung-Wien versammelten, zieht heute kulturbeflissene Touristen und die Journalisten an, die für die nahe gelegenen Zeitungen arbeiten.
Literaturjünger besuchen auch gerne das Café Bräunerhof, wo Thomas Bernhard beim Kaffee sass, oder das Café Korb, einst das Stammlokal von Elfriede Jelinek. Einblicke in das Wiener Kulturleben kann man im Café Prückel gegenüber dem Museum für Angewandte Kunst gewinnen. Im Stil der fünfziger Jahre eingerichtet, finden im Prückel regelmässig Diskussionsveranstaltungen etwa eines Philosophenkreises statt, dazu Buchpartys und Konzerte. Während der Ballsaison erfüllt das Café Schwarzwald eine besondere Funktion: Dann kommen dort morgens früh um vier müde Tänzer auf ihr «Katerfrühstuck» zusammen – ein kleines Gulasch und ein Bier.
Obwohl ihre Zahl zunimmt, suchen die New Yorker Cafés noch nach ihrem Format. Es ist nicht leicht, Espressobars, die den unstillbaren Durst nach «coffee to go» bedienen, mit Räumlichkeiten zu vereinen, in denen es sich gemütlich verweilen lässt. Das gilt speziell für die durch die hohen Mieten bedingte Beschränktheit des Raums. Mehr können sich die wenigsten Lokale leisten, die relativ preiswerte Getränke mit niedrigen Gewinnmargen ausschenken. Auch die allgegenwärtigen, für den Konsum auf der Strasse geeigneten Pappbecher tragen in den Cafés kaum zur Atmosphäre bei. Diese Hürden liessen sich überwinden, wenn eine in Wien präsente Komponente hinzukäme: ein Publikum mit gemeinsamen Erfahrungen. Aber dies ist in New York schwer zu finden. Das Arbeitsleben gilt als zu ernsthaft, um in Cafés stattzufinden, und die Bürger in den Wohnvierteln sind ethnisch und altersmässig zu wenig konform, um mehr als eine zufällige Ansammlung disparater Individuen zu ergeben. In den Cafés halten sich vor allem Studenten, Arbeitslose, Mütter mit Kleinkindern, Senioren und vereinzelte freie Schreiber auf. Viele sind in ihre Laptops vertieft und nicht an ihrer Umgebung interessiert. Sie frequentieren Cafés eher, um ihren eigenen vier Wänden zu entkommen – als Örtlichkeit mit einem spezifischen Eigenleben nehmen die New Yorker Kaffeehäuser kaum wahr.
Wiener Melange in New York
Doch als New Yorkerin mit Wiener Hintergrund habe ich das Glück, dass es tatsächlich ein wienerisches Kaffeehaus hier gibt, das Café Sabarsky. Es befindet sich in der Neuen Galerie, dem auf die deutsche und österreichische Kunst des frühen 20. Jahrhunderts spezialisierten Museum, das in einer ehemaligen Stadtvilla an der Fifth Avenue residiert. Das Sabarsky belegt einen der grossen, holzgetäfelten Räume und steht seinen Wiener Vorbildern in der räumlichen Grosszügigkeit, der Gestaltung und in seinem Service in nichts nach. Selbst die in hölzernen Klammern angebrachten Zeitungen fehlen nicht. Laptops sind hier nicht anzutreffen. Wer hierher kommt, weiss die Kultur zu schätzen, an die das Sabarsky so erfolgreich erinnert. Aber Nachahmungen haben eben doch ihre Grenzen. Die Preise sind hoch und die Kellner ermuntern den Gast nicht zum Verweilen. Doch wenn ich dort mit meiner Wiener Melange sitze (die auf ihrem Silbertablett mit dem obligaten Glas Wasser serviert wird), dann bin ich Wien so nahe, wie ich es im Big Apple nur sein kann.Ein zweites Lokal, dass mich an Wien erinnert, liegt nahe dem Freiluftmarkt am Union Square. Die City Bakery wird von Leuten frequentiert, die früh auf den Beinen sind, um die frischesten Blumen, Früchte und Gemüse zu erstehen. Gemütlich ist die City Bakery nicht. Die Räumlichkeiten sind höhlenartig, ihr Zentrum wird von einer grossen Bar für den Kaffee und den Service dominiert. Stühle und kleine, runde Tische sind so an den Wänden entlang arrangiert, dass jeder Besucher gezwungen ist, in die gleiche Richtung zu schauen. Aber da hier Selbstbedienung herrscht, kann man so lange bleiben, wie man will. Und wenn die ersten Sonnenstrahlen den Raum durchfluten und die Gäste neugierig ihre grünen und blühenden Schätze beäugen, dann wird plötzlich so etwas wie das Gemeinschaftsgefühl spürbar, das es nur in einem echten Kaffeehaus gibt. Doch während New York sehnsüchtig nach Wien schaut, orientiert sich die österreichische Metropole an Amerika. Auch in Wien hat sich nun Starbucks festgesetzt und ausgerechnet gegenüber dem Café Griensteidl eine Dependance eröffnet, der Weihestätte mitteleuropäischer Kaffeekultur. Und das mit Erfolg! Wie mir ein Freund berichtet, lieben zumindest die jungen Wiener den «coffee to go».
Monica Strauss ist Journalistin und lebt in New York.


