Zeit für Kaffee
Die Kette Dunkin’ Donuts behauptet, «Amerika laufe» auf ihrem Kaffee. Das trifft durchaus zu, nimmt man den Firmennamen weg. Auch Europa und weite Teile Vorderasiens und Nordafrikas können ohne Kaffee seit Jahrhunderten nicht funktionieren. Doch der Auszug aus gerösteten Bohnen ist so anregend, dass weltweit Rituale, ja ganze Kulturformen um den Kaffeegenuss herum entstanden sind. Wer diese Ausgabe des aufbau in einem Café liest, hat sich in eine Weihestätte dieser Kaffeekultur begeben und kann auf den folgenden Seiten etwa diese Einordnung von Alfred Polgar entdecken: Der bekannte Wiener Autor und Kaffeehaus-Habitué hat den geistigen Standort seiner Lieblingslokale 1906 zwischen der «synagogalen Wehmut des Urjudentums» und der «Grinzinger Alkohollaune des Urariertums» lokalisiert.
Das Zitat findet sich im Essay von Steven Beller. Als namhafter Experte für die österreichisch-ungarische Monarchie und die Rolle der Juden darin analysiert er die Entwicklung der Kaffeehauskultur in der Spanne zwischen den 1840er Jahren und dem März 1938: Mit dem «Anschluss» Österreichs an Hitler-Deutschland verschwindet eine geistige Sphäre, die prägend für Mitteleuropa und das europäische Judentum war. Spätestens nach der Revolution von 1848 sind Kaffeehaus und jüdische Kultur geradezu eine Symbiose eingegangen. Wie die vorliegende Ausgabe zeigt, hat diese auch die Nazizeit überstanden: Zwischen Tel Aviv, Wien, Hamburg und New York spielt sich jüdisches Geistes- und Kulturleben immer noch an diesen öffentlichen Orten des Verweilens ab. Der «Kaffeehausjude» wurde im 19. Jahrhundert zum geflügelten Begriff und das Kaffeehaus zum Treffpunkt von Intellektuellen und Kulturschaffenden. Die Lokale dienten dem Kaffeeklatsch nach dem Synagogenbesuch, vielen wurden sie schlicht zum Wohnzimmer.
In unserer Sommerausgabe begeben wir uns auf die Suche nach der Kaffeehauskultur. Unsere Autoren arbeiten ihre geistesgeschichtliche Bedeutung heraus, erzählen, wie Regula Heusser-Markun und Peter Stephan Jungk, von ihren Lieblingscafés oder entdecken Traditionslokale neu und würdigen Gründungen wie die Berliner Joseph-Roth-Diele oder das Leonar in Hamburg. Aus New York stellt Monica Strauss die ihr durch das Elternhaus und zahlreiche Besuche vertraute Wiener Kaffeehauskultur dem «coffee to go»-Habitus der Amerikaner gegenüber, die sich auch in der Kulturmetropole am Hudson schwer tun mit dem Verweilen. Hier neigen auch jüdische Intellektuelle eher dem «Grinzinger» Modell zu und entspannen sich nach Feierabend mit einem Drink an der Bar, statt tagsüber beim Einspänner – den Strauss immerhin im Café Sabarsky entdeckt hat.
Während sich in New York immerhin einzelne Lokale bemühen, gegen Ketten und hastigen Konsum anzugehen, dient Kaffee den meisten Amerikanern doch weiterhin als psychosomatisches Energetikum und nicht als geistige Nahrung. Dabei fällt in unserem Beitrag über die Kette Starbucks auf, dass in weiten Teilen der USA immer noch der berühmt-berüchtigte «weak american coffee» ausgeschenkt wird. Starbucks selbst scheint nach einem zwanzigjährigen Siegeszug, der die Kette von den urbanen Metropolen bis tief in die Provinz getragen hat, ins Stolpern zu geraten: In den vergangenen Monaten musste Starbucks 900 von über 16 000 Filialen schliessen. Amerika mag nicht ohne Kaffee auskommen – aber
den Amerikanern scheint ziemlich gleichgültig zu sein, wer ihnen den Bohnentrank «to go» serviert.
Bild: Heinrich Mann mit seinem Verleger Paul Zsolnay im Romanischen Café. Zeichnung von B. F. Dolbin.


