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Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » July 2, 2009

Unbehaust und weise

Von Irene Armbruster, July 2, 2009
Der Schriftsteller Joseph Roth konnte nur in Cafés schreiben – in Berlin gibt es eines nach seinem Geschmack und es trägt seinen Namen.
JOSEPH-ROTH-DIELE IN BERLIN Bis heute Treff- und Anziehungspunkt für Literaten und Journalisten

Am besten konnte er schreiben, wenn um ihn herum erzählt, debattiert, gefeiert und getrunken wurde. Auch deswegen lebte und arbeitete der österreichische Schriftsteller Joseph Roth in den Cafés der europäischen Hauptstädte. Ein «Ersatz-Zuhause» unter vielen war zum Beispiel in den zwanziger Jahren die Konditorei Schneider in Berlin, Kurfürstendamm, Ecke Schlüterstrasse. Hier, so berichtet die Legende, habe Roth den Filmregisseur Géza von Cziffra und den jungen Schriftsteller Ödön von Horváth erst an seinen Tisch eingeladen und sie dann aufgefordert: «Nun, habt ihr euch nichts zu sagen? Kein Gesprächsstoff?» Und auf die Frage, ob das Reden nicht störe, antwortete Roth: «Im Gegenteil, es stört mich, wenn ihr nicht redet.»
In keiner Biografie über den in dem galizischen Städtchen Brody geborenen Joseph Roth fehlt in der Beschreibung seines kurzen Lebens das Wort «unbehaust». Joseph Roth schrieb nicht nur in Cafés: Hier traf er auch Autoren, Lektoren und Filmschaffende und schmiedete lebenslange Freundschaften, unter anderem mit Stefan Zweig, Alfred Polgar und Egon Erwin Kisch. Er war erst in Wien, wo er nach seinem Studium als Journalist arbeitete, dann in Berlin und Paris und später im niederländischen Exil. Aber auch in Warschau, Lemberg, Amsterdam oder Paris, um nur einige Ziele seiner rastlosen Reisen als Journalist in Europa zu nennen, arbeitete er in Cafés. Die Kaffeehausbesucher beflügelten seine Fantasie und er beschrieb mit kleinen, anschaulichen Details, was das Leben in Europa nach dem Ersten Weltkrieg ausmachte: die sozialen Folgen des Krieges, die Zeichen der Armut, die Auswüchse des Nationalismus und die Suche nach Orientierung. In den Cafés linderte er seinen Schmerz über die untergegangene k. u. k. Monarchie, oder wütete gegen den Faschismus und Hitler, den er im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen schon Anfang der dreissiger Jahre richtig einschätzte. Anderen Gästen erzählte er immer wieder mitreissende und anrührende Geschichten aus seiner Zeit als Soldat, die, wie einer seiner späteren Biografen, Géza von Cziffra, berichtete, nicht immer der historischen Wahrheit entsprachen.

Der unstete Schriftsteller

1919 begann Joseph Roth in Wien für die linksliberale Zeitung «Der neue Tag» zu schreiben und verbrachte seine Tage, wie viele andere Schriftsteller und Journalisten, im Café Rebhuhn oder im Café Herrenhof, wo er die jungen Autoren Franz Werfel oder Robert Musil traf. Aber schon 1920, nachdem «Der neue Tag» eingestellt worden war, musste sich Joseph Roth eine neue Einkommensquelle suchen und fasste nach einigen harten Monaten in Berlin Fuss. Er schrieb unter anderem für die sozialdemokratische Zeitung «Vorwärts» und ab 1923 für die «Frankfurter Zeitung». Roth, frisch verheiratet, mietete sich zum ersten und wohl auch letzten Mal eine feste Bleibe und zwar in der Potsdamer-Strasse, einer der beliebtesten Vergnügungsmeilen im Berlin der Weimarer Republik. Fast täglich suchte er eine Konditorei in der Potsdamer-Strasse 75 auf und begann seinen ersten Roman «Das Spinnennetz» zu schreiben, der zuerst in der «Arbeiter-Zeitung» in Wien erschien und in prophetischer Weise die Gefahr von rechts beschrieb. Heute – und das hätte Joseph Roth sehr gefreut – ist aus der Konditorei eine Gast- und Lesestube geworden, die seinen Namen trägt. Auch wenn die Potsdamer-Strasse heute eine viel befahrene Durchgangsstrasse zwischen dem Potsdamer-Platz und dem Nollendorfplatz ist – die Joseph-Roth-Diele gibt dem Kiez seit 2002 wieder einen Mittelpunkt. Nur zwei Häuser neben dem Redaktionssitz der Zeitung «Der Tagesspiegel» bilden sich jeden Mittag vor der Joseph-Roth-Diele Schlangen. An langen Bänken oder in lauschigen Nischen geniessen wie zu Roths Zeiten Journalisten und Autoren preiswerte und wohlschmeckende Speisen. Es gibt Berliner Stullen mit leckeren Aufstrichen oder – der Schwarzwälder Herkunft der Besitzer geschuldet – sogenannte Landjäger (hart geräucherte Bratwürste), ergänzt um zwei wechselnde Mittagsmenüs. Wenn man Journalisten fragt, warum sie regelmässig, auch nach Feierabend, hierher kommen, verweisen sie auf die gemütliche Atmosphäre, auf Klavierspieler am Abend und darauf, dass man immer jemanden trifft. An den Wänden hat ein Künstler Roth-Zitate eingerahmt, und wer mehr lesen möchte von dem unsteten Schriftsteller, der kann auch Joseph Roths Romane erstehen.
Dieter Funk, einer der Besitzer der Joseph-Roth-Diele, hat, wie auch der Jude Joseph Roth, einen Hang zum Katholischen. Deswegen unterhält er gleich
neben der Kneipe einen Devotionalien-Laden namens «Ave Maria». Hier verkauft der ehemalige Filmemacher vom Heiligenbildchen bis zum Weihrauch alles, was es an katholischem Kitsch gibt.

Dem Alkohol verfallen

Abends – so sagen die Stammgäste – wird in der Joseph-Roth-Diele auch ordentlich getrunken. Vielleicht auch in Erinnerung an Joseph Roth, der zwar zum erfolgreichen Journalisten wurde und auch mit seinen Romanen «Hiob» und «Radetzkymarsch» als Schriftsteller erste Erfolge erzielte, aber von sich behauptete, ohne den Alkohol keine Zeile schreiben zu können. Seine Freunde in den Cafés wussten: «Roth war ein rhapsodischer Mensch, wahrscheinlich bedingt durch seinen Alkoholismus. Er trank Wein und Schnaps schon zum Frühstück. Er hatte böse Perioden. Oft zitterten seine Hände bedenklich, aber sein Geist nie. Der Alkohol machte ihn aggressiv, aber je mehr er trank, desto eher baute sich seine Angriffslust ab, schliesslich wurde er zum Weisen.»Roth brach am 23. Mai 1939 im Café Tournon in Paris zusammen und starb vier Tage später im Hospital Necker. Der Schriftsteller hat ab den sechziger Jahren eine Renaissance erlebt und dass er in Berlin lebendig bleibt, daran hat auch die Joseph-Roth-Diele ihren Anteil. In einem halben Jahr wird der «Tagesspiegel» übrigens umziehen, und der Diogenes-Verlag in Zürich wird alle Romane von Joseph Roth als Taschenbuch herausgeben. Solche grossen und kleinen Verluste und gleichzeitige Erfolge hat der abergläubische Joseph Roth geliebt – schliesslich war er selbst immer unterwegs.    

Irene Armbruster war Leiterin des Berliner Büros des aufbau. Sie lebt nun in Stuttgart und arbeitet als feste Autorin für das Blatt.





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