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Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » July 2, 2009

«Picasso am Nebentisch»

Von Martin Dreyfus, July 2, 2009
Kaffeehäuser und ihre literarische Atmosphäre waren seit jeher beliebtes Thema bei Schriftstellern von Thomas Mann bis Else Lasker-Schüler.
Literarisches Denkmal an das Kaffeehaus «Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene – ins Kaffeehaus!»

Im Sommer 1947 sandte Friedrich Torberg aus der Emigration in Amerika sein Romanmanuskript «Hier bin ich mein Vater» an den Verlag Bermann-Fischer in Stockholm. Auf das mit «Dr. Frisch» unterzeichnete Antwortschreiben des Verlages replizierte Torberg, ob «Dr. Frisch» mit jenem Dr. Justinian Frisch, vor dem Krieg «Insasse des Café Herrenhof» in Wien, identisch sei. «Ja, ich bin es! Wenn es mich auch schmerzt, in der Wiener literarischen Emigration keine anderer Etikette zu tragen als die eines ‹Insassen des Café Herrenhof›, so tut es mir andererseits wiederum wohl, nach so langer Zeit und über so grossen Raum hinweg als Angehöriger einer merkwürdigen, wenn auch nicht sehr angesehenen Gemeinschaft begrüsst zu werden. Aber – ich erinnere mich Ihrer, das heisst Ihrer materiellen Erscheinung nicht, wohl aber Ihrer Bücher, besonders ‹Schüler Gerber›. Sind Sie mit der grossen Sezession aus dem Café Central, mit Leo Perutz, Fred Polgar, Otto Soyka und anderen, übersiedelt? Andere blieben ja der Peter-Altenberg-Stätte treu, wie Egon Friedell, andere lebten amphibisch in beiden Lokalen. Ich selbst bin freilich als Gymnasiast verbotenerweise noch ab und zu ins alte Griensteidl gegangen. Jetzt mache ich seit elf Jahren Bücher für den Bermann-Fischer-Verlag, für den ich auch schon ein Dutzend Bücher aus dem Englischen übersetzt habe. Kaffeehäuser gibt es in Stockholm nicht. Wer wird noch – ausser Werfel in ‹Barbara› – dem Wiener Kaffeehaus ein Denkmal setzen?»
Dieser Briefwechsel ist im Band «Kaffeehaus war überall» nachzulesen, den Torberg mit anderen herausgab. Torberg hat mit seinem Buch über die «Tante Jolesch» dem Wiener Kaffeehaus später noch ein weiteres Denkmal gesetzt. Der erwähnte Peter Altenberg – dessen 150. Geburtstags in diesem Jahr ebenso zu gedenken ist wie seines 90. Todestags – darf unter anderem mit seinem «Kaffeehaus» wohl zumindest als einer der «Ahnherren» der Wiener jüdischen Kaffeehauskultur bezeichnet werden:
«Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene – ins Kaffeehaus! Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grund, nicht zu dir kommen – ins Kaffeehaus! Du hast zerrissene Stiefel – Kaffeehaus! Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus – Kaffeehaus! Du bist korrekt sparsam und gönnst dir nichts – Kaffeehaus! Du bist Beamter und wärest gerne Arzt geworden – Kaffeehaus! Du findest keine, die dir passt – Kaffeehaus! Du stehst innerlich vor dem Selbstmord – Kaffeehaus! Du hasst und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen – Kaffeehaus! Man kreditiert dir nirgends mehr – Kaffeehaus!»

Gute Schachspieler

Dass die Kaffeehauskultur über weite Strecken eine «jüdische» war, hat Joseph Roth in seinem Buch «Juden auf Wanderschaft» eindrücklich festgehalten: «Die zwei grossen Strassen der Leopoldstadt sind: Die Taborstrasse und die Prater-strasse. Die Praterstrasse ist beinahe herrschaftlich. Sie führt direkt ins Vergnügen. Juden und Christen bevölkern sie. Sie ist glatt, weit und hell. Sie hat viele Cafés. Viele Cafés sind auch in der Taborstrasse. Es sind jüdische Cafés. Ihre Besitzer sind meist jüdisch, ihre Gäste fast durchwegs. Die Juden gehen gerne ins Kaffeehaus, um Zeitung zu lesen, Tarock und Schach zu spielen und Geschäfte zu machen. Juden sind gute Schachspieler. Sie haben auch christliche Partner. Ein guter christlicher Schachspieler kann kein Antisemit sein. In den jüdischen Cafés gibt es stehende Gäste. Sie bilden im wahrsten Sinne des Wortes die ‹Laufkundschaft›. Sie sind die Stammgäste, ohne Speis und Trank einzunehmen. Sie kommen achtzehnmal im Laufe eines Vormittages ins Lokal. Das Geschäft erfordert es. Sie verursachen viel Geräusch. Sie sprechen eindringlich, laut und ungezwungen. Weil alle Besucher Menschen von Welt sind und gute Manieren haben, fällt niemand auf, obwohl er auffällig ist. In einem echten jüdischen Kaffeehaus kann man den Kopf unter den Arm nehmen: Niemand kümmert sich darum.»
Juden sind gute Schachspieler – dazu gehörte die folgende von N. O. Scarpi aus dem Café Regence in Paris überlieferte berühmte Anekdote über den Schachmeister Tartakower – die sich wohl auch mit anderen Protagonisten in manch anderem Kaffeehaus hätte zutragen können. Ein alter Herr forderte Tartakower zum Schachspiel auf. Der Schachspieler willigte ein, stellte aber einen Turm neben das Brett. Der alte Herr sagte gekränkt: «Woher wissen Sie, dass Sie mir einen Turm vorgeben können? Sie kennen mich ja nicht!» Worauf Tartakower erwiderte: «Wenn ich Ihnen keinen Turm vorgeben könnte, würde ich Sie kennen.»
Über kurz oder lang konnte da nicht ausbleiben, dass die Kaffeehauskultur mit viel Hintersinn und Augenzwinkern Gegenstand nicht nur der Legenden, sondern auch der Theoriebildung wurde. So hält etwa Alfred Polgar in seiner «Theorie des Café Central» unter anderem fest: «Das Café Central ist nämlich kein Caféhaus wie andere Caféhäuser, sondern eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen. Was sieht man schon? Es gibt Schreiber, die nirgendwo anders wie im Café Central ihr Schreibpensum zu erledigen imstande sind, nur dort, nur an den Tischen des Müssiggangs, ist ihnen die Tafel der Arbeit gedeckt, nur dort, von Faulenzlüften umweht, wird ihrer Trägheit Befruchtung. Es gibt Schaffende, denen nur im Central nichts einfällt, überall anderswo weit weniger. Es gibt Dichter und andere Indus-trielle, denen nur im Café Central der verdienende Gedanke kommt, Hartleibige, denen nur dort die Tür der Erlösung sich öffnet, erotisch seit Langem, Appetitlose, die nur dort Hunger verspüren, Stumme, die nur im Central ihre oder eines anderen Sprache finden, Geizige, deren Gelddrüse nur dort sezerniert.»

Anekdoten aus Berlin

Andere Anekdoten sollen  nischen Café in Berlin zugetragen haben. Egon Friedell und Alfred Polgar sitzen einige Tische von Egon Erwin Kisch entfernt, welcher bewundernde Blicke zu Polgar hinüberschickt, aber durch dessen abweisendes Lächeln es nicht wagt, hinüberzukommen.
Polgar erhebt sich und verlässt zuerst das Café. Friedell folgt ihm. Kisch hält ihn am Arm fest. «Einen Moment, Herr Doktor, hat Polgar über mich geschimpft?» «Im Gegenteil, er hat sogar sehr nett von Ihnen gesprochen.» «Was hat er denn gesagt?» «Er hat gesagt: Das ist doch reizend vom Kisch, das er sich nicht zu uns setzt …»
Eines Tages hatte Egon Erwin Kisch ein Exemplar von Karl Marx’ «Kapital» vor sich auf dem Marmortisch liegen. Dies sah Al-fred Flechtheim, der Kunsthändler, und witzelte: «Endlich ein Mensch, der mir die Problematik zwischen Kapital und Arbeit erläutern kann!» «Das ist ganz einfach», erwiderte Kisch, «wenn Sie mir jetzt 1000 Mark leihen, habe ich ein Kapital. Die Mühe, die Sie aufwenden müssen, um das Geld wieder zurückzubekommen, ist Arbeit.»
Sowohl in Berlin wie auch in Wien haben die Kaffeehäuser, die Kaffeehauskultur, einen «Berufszweig» hervorgebracht, den «Sprechsteller», der in unnachahmlicher Weise die Existenz des Schriftstellers mit jener eines «Schnorrers» verbunden hat. In Berlin war es wohl vor allem John Höxter, der, in den Jahren nach 1933 sozusagen seiner Existenz beraubt, sich 1938 das Leben nahm, in Wien Anton Kuh, welcher später Géza von Cziffras Buch «Der Kuh im Caféhaus» zu seinem Titel verholfen hat: «Der Kuh bitte ist keineswegs ein Schreib- oder Druckfehler. Hier ist nicht von einer Kuh die Rede, die ihrer Natur nach ein Wiederkäuer ist und sich gerne melken lässt. Nein, hier ist von einem Mann die Rede, der Anton Kuh hiess und der alles andere als ein Wiederkäuer war. Im Gegenteil – er glänzte mit immer neuen originellen Einfällen, und melken liess er sich auch nicht; er molk alle Leute, die Geld hatten. Kurz gesagt, er war ein Schnorrer, allerdings ein genialer. Er nahm nicht nur, er gab auch, aber seine Gaben waren nicht materieller Art; er verschenkte sprühenden Witz, Anekdoten, beissende oder humorvolle Kritik, mit einem Wort: Geist. Ich habe Anton Kuh Anfang der zwanziger Jahre in Wien im Café Central kennengelernt, zu einem Zeitpunkt, als Kuh tagelang in aller Munde war, zumindest in den Mündern von Leuten, die zur Presse, zur Literatur oder zum Theater in irgendeiner Beziehung standen. Zu denen gehörten in Wien auch die Kellner von Kaffeehäusern, Restaurants und Heurigen. Die Vorgeschichte: Zu Anton Kuhs Feinden gehörte ein berühmter Wiener Theaterkritiker, ein Herr Liebstöckl. Er war Jude. Er warf dem streng katholischen Anton Kuh vor, er könne nicht richtig Deutsch, er schreibe wie ein vor K urzem nach Wien eingewanderter galizischer Jude sprechen würde, kurz, er ‹jüdle›. Kuh, der kein Antisemit, aber sehr erbost war, antwortete in der Zeitung ‹Die Stunde› nur mit einem einzigen berühmt gewordenen Satz: ‹Lieber Herr Liebstöckl, ich darf jüdeln, Sie aber müssen! Anton Kuh.›
Anton Kuh war Weltmeister im Erlangen von Vorschüssen für Essays oder Glossen, die er nie schrieb. Mit einigen brillanten Sätzen lockte er die Gelder aus den Redakteuren heraus, lieferte aber nichts. Leute, die Vorschüsse abarbeiteten, verachtete er. Einmal ging Friedrich Torberg an unserem Tisch vorbei. Anton bemerkte: ‹Das ist auch so ein unkollegialer Kollege: Er nimmt Vorschuss und liefert pünktlich. Ich habe ihn schon einige Male dabei ertappt.›
Nach der Premiere einer Operette von Ralph Benatzky schrieb Kuh unter anderem: ‹Einige Melodien kommen mir sehr bekannt vor. Der Komponist Ralph Benatzky sollte seinen Namen in Benutzky umändern.› Anton Kuh konnte allerdings mit sprühendem Witz auch gute Zensuren erteilen. Den Theaterkritiker Alfred Polgar, berühmt für sein geschliffenes Deutsch, nannte er in Anlehnung an Schiller ‹Marquis Prosa›. Mit der Zeit freundete ich mich mit Anton Kuh näher an; ich durfte ihm manchmal widersprechen oder sogar Vorhaltungen machen. Einmal fragte ich ihn: ‹Warum sind Sie immer so aggressiv, Anton?› Sofort gab er seine Philosophie preis: ‹Wenn einer Kuh heisst und ernst genommen werden will, muss er so tun, als wäre er ein Stier.›»

Weltgeschichte der Kaffeehausliteraturen

Als ebenso literarisch bedeutendste wie wohl auch traurigste Erzählung, in welcher ein Autor weite Teile in einem Kaffeehaus angesiedelt hat, darf Stefan Zweigs «Buchmendel» bezeichnet werden, die Geschichte jenes Buchhändlers und Antiquars, bei welchem man seine Bestellungen und Wünsche nicht etwa in einer Buchhandlung, sondern an Jakob Mendels Tisch im Hinterzimmer des Kaffeehauses Gluck aufgab, um später dank der stupenden Kenntnisse Mendels am selben Tisch des Kaffeehauses in den Besitz des gesuchten Buches zu gelangen.
Nicht allein Denkmal oder Theorie, sondern vielmehr nahezu eine Weltgeschichte der Kaffeehausliteraturen hat Hermann Kesten in seinem Buch «Dichter im Café» festgehalten. Den Umstand, dass sich nach 1933 beziehungsweise 1938/39 die Kaffeehauskultur über mancher Herren Länder verbreitete, schildert der folgende kurze Abschnitt aus Kestens Buch:
«In Berlin sass ich im März 1933 mit Freunden am Kurfürstendamm, vor dem Café Wien, vor dem Café Dobrin oder vor Mampes Likörstube, und Hitlers braune Buben mit einem Hakenkreuz im Herzen jagten blutende Juden und Arbeiter über den Kurfürstendamm. Da hörte ich zu schreiben auf und verliess das Café, schüttelte den Staub der Stadt Berlin von meinen Füssen und ging ausser Landes und setzte mich in die fremden Kaffeehäuser im Exil und schrieb. Im Exil wird das Café zu Haus und Heimat, Kirche und Parlament, Wüste und Walstatt, zur Wiege der Illusionen und zum Friedhof. Das Exil macht einsam und tötet. Freilich belebt es auch und erneuert. Im Exil wird das Café zum einzigen kontinuierlichen Ort. Ich sass in einem Dutzend Exilländer im Café und es war immer dasselbe Café, am Meer, zwischen Bergen, in London, in Paris, an den Grachten von Amsterdam, zwischen den Klöstern von Brügge. Ich sass im Kaffeehaus des Exils und schrieb.» Unter anderem nach Paris verschlug es Hans Sahl, der mit einem seiner Gedichte dem dortigen «Café Flore» ein literarisches Denkmal setzte:
Café Flore

Über mir der Himmel
Und Picasso am Nebentisch
Prominentengetümmel
Avantgarde mit Plüsch.

Abendblätter-Desaster
Allez-y à Berlin.
Bäume auf kochendem Pflaster.
Boulevard Saint Germain.

Obdachlose Talente.
Exhibition d’amour.
Fern auf dem Kontinente
Läuft eine blutige Spur.

In Zürich war zu Zeiten des Ersten Weltkrieges vor allem das Café des Banques (Ecke Bahnhofstrasse/Rennweg) ein Treffpunkt der Dadaisten, und das Café Odeon und später auch das Select und das Terrasse waren Treffpunkte der literarischen Emigranten, aber auch einiger Schweizer Autoren.
Klaus Mann lässt sein «Der Vulkan. Roman unter Emigranten» unter anderem im Cafe Terrasse spielen, hält aber darin die Cafés Sprüngli und Huguenin ebenso fest: «In diesen besonnten Juni-Wochen meinte man, hier nur glückliche Menschen zu sehen; die Unglücklichen zeigten sich nicht. Die Badeanstalten am See waren überfüllt, wie die eleganten Konditoreien, die Hotel-Terrassen, die Cafés, die populären Biergärten. Wohin man schaute – braungebrannte, lachende Gesichter. (…) Bei Sprüngli oder bei Huguenin sassen Mädchen und ihre Burschen in weissen Segelkostümen neben den alten Amerikanerinnen. Im Garten des Hotels Baur au Lac schmachtete die Zigeunerkapelle ihre Nachmittagsmusik; auf dem Paradeplatz klingelten munter die hübsch blau lackierten Trambahnwagen; die grossen Limousinen aber glitten in vornehmer Stille über Avenuen, Plätze, Brücken und Quais; denn ‹in Zürich wird nicht gehupt, aber vorsichtig gefahren›, wie breite Spruchbänder an den Stadteingängen und an einigen Verkehrszentren mahnend verkündeten.»

Zürcher Kaffeehäuser

Das Café Sprüngli hat auch beim damals jungen Autoren Elias Canetti Eindruck hinterlassen, wie er in einer Episode über seinen aus Manchester zu Besuch weilenden Onkel Salomon in «Die gerettete Zunge» festhielt: «‹Welches ist die feinste Konditorei in Zürich?› fragte er gleich, ‹dahin will ich euch ausführen.› Tante Ernestine nannte Sprüngli, sie war von sparsamer Natur und scheute sich, das Huguenin zu nennen, das als noch feiner galt. Wir gingen zu Fuss durch die Bahnhofstrasse zum Sprüngli, die Tante, die etwas zu besorgen hatte, blieb ein wenig zurück, und wir stürzten uns, wie es sich unter Männern gehört, gleich in die Politik. Im Sprüngli kam Tante Ernestine nach. Auf seine hochmütige Art bestellte Onkel Salomon Schokolade und Patisserie für uns, rührte selber nichts davon an, es lag vor ihm, als sei es nicht vorhanden.»Else Lasker-Schüler hat, zunächst in Zürich im Exil, ihre Eindrücke vom Café Select verschiedentlich festgehalten: «… in der Zürcher Selektbar sind wir verscheuchten Dichter, Maler, Musiker und Bildhauer, vis-à-vis der Limmat, zwischen nicht verscheuchten Dichtern, Schweizer Malern und Bildhauern zu finden. Einlullende Radiomusik wiegt unsere Emigration leise ein. Und warten, warten auch hier auf das Wunder.»Auch in Jerusalem, wo Else Lasker-Schüler ihre späten Exiljahre verbringen musste, gab es bis vor einigen Jahren mit dem Café Atara wenigstens noch ein Kaffeehaus, welches die Tradition aufrechterhalten und mit welchem Jehuda Amichai in seinem Gedicht «Eine zweite Begegnung mit meinem Vater» die traurig-schwierige Erinnerung in dieser Gegenwart festgehalten hat:Eine zweite Begegnung mit meinem VaterIch traf meinen Vater wieder im Café Atara,diesmal war er schon tot. Der Abend draussenmischte Vergessen und Erinnerung, wie meine Mutter,die kaltes und warmes Wasser in der Badewanne mischte.Mein Vater war unverändert, aber das Café Atara war renoviert und verändert. Ich sagte: Wohl denen, die eine Bäckerei neben einem Caféhaus haben, man kann hineinrufen: Noch einen Kuchen,noch eine Süssigkeit, los, beeilt euch!Wohl dem, dessen toter Vater in der Nähe istund der ihn immer rufen kann.Oh, das ewige Geschrei der Kinder,Ich will, ich will, bis es zu einem Geschrei Verwundeter wird.Oh, mein Vater, Gefährte meines Lebens, ich will mit dir fahren, nimm mich mit,lass mich bei meinem Haus aussteigen,dann kannst du deinen Weg allein fortsetzen.Wir gingen. Ein Mann blieb in der Ecke sitzen,seine eine Hand war amputiert.(Beim letzten Mal hatte er noch zwei Hände.)Er trank Kaffee und stellte die Tasse hin,blätterte in der Illustrierten und legte sie hinund legte seine eine Hand auf die Zeitung und ruhte sich aus.   


Martin Dreyfus ist Experte für Verlagsgeschichte und Literatur. Er lebt in Zürich.


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