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Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » July 2, 2009

«Ohne den Teufel ist nun mal nichts»

Von Katja Behling, July 2, 2009
Im Hamburger Grindelviertel wurde das ehemals lebendige jüdische Quartier wieder aufgewertet und ein jüdisches Kaffeehaus eröffnet, das diverse Veranstaltungen bietet.
EIN ORT DER ERINNERUNG UND NOSTALGIE Café Leonar

Für Sonia Simmenauer und ihren Vater schloss sich an einem Abend im Januar 2008 ein Kreis: Nach fast 70 Jahren war im Vorjahr die Hamburger Talmud-Thora-Schule im Grindelviertel als jüdischer Kindergarten, Schule und Gemeindezentrum wiedereröffnet worden. Als kurz darauf eine alteingesessene Druckerei ihre schräg gegenüber vom alten Schulgebäude gelegenen Räumlichkeiten aufgab, packte Sonia Simmenauer eine Idee: Sie würde das ehemalige und einst so lebendige jüdische Viertel um die Schule, die ihr Vater bis zu seiner Flucht 1938 besuchte, wieder mit jüdischem Leben, mit jüdischer Kultur beseelen – und ein jüdisches Kaffeehaus als einen Ort für Kunst, Veranstaltungen und Gespräche eröffnen. Nach monatelangen Vorbereitungen war es so weit. Anfang letzten Jahres erwachte am Grindel, im Herzen des Universitätsviertels der Hansestadt, mit dem Café Leonar neues jüdisches Leben.  
Der Name des Kaffeehauses ist eine Hommage an die Geschichte der jüdischen Familie Simmenauer. Sonia Simmenauers Grossvater führte in Hamburg eine Firma, die «Fotopapier Leonar» hiess. Im Jahre 1938 rettete sich die Familie nach Frankreich. So wuchs Sonia Simmenauer als Tochter eines Arztes, der als Zwölfjähriger vor den Nazis hatte fliehen müssen, in Paris auf. Ihr Urgrossvater war einer der Gründer der Philharmonischen Gesellschaft in Hamburg gewesen und auch Sonia Simmenauer lebt für die Musik. Seit mehr als 20 Jahren leitet sie in Hamburg eine der weltweit bedeutendsten Agenturen für Kammermusikensembles. Zu den von ihr vertretenen Künstlern gehören das Alban Berg Quartett, das Juilliard String Quartet, das Artemis Quartett sowie der jüdische Violinist Gideon Kremer.
Nun blickt das Kaffeehaus Leonar, dem eine Buchhandlung angeschlossen ist und das von jeweils 8 Uhr morgens bis Mitternacht geöffnet ist, auf sein erstes Jahr zurück. Die Lesungen im von Architektenhand modern gestalteten Haus sind bereits eine Institution. Ob jüdische Geschichte, ein Workshop zum Thema jüdische Musik oder eine mehrwöchige Mammut-Lesung von Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten», die fiktive Autobiografie eines SS-Offiziers: das jüdische
Café bietet ein breit gefächertes Programm. Auch wer einfach nur Kaffee geniessen, das dort ausliegende aktuelle Heft des aufbau lesen oder Freunde treffen möchte, ist im Café Leonar richtig. In dieser Atmosphäre lassen sich Mussestunden auf das Angenehmste verbringen – wie im Kaffeehaus alten Schlages. Manche vergessen darüber die Zeit. Die Dichterin und Zeichnerin Else Lasker-Schüler, zu ihren Berliner Zeiten selbst regelmässig Gast dieser Ideenbörsen und Künstlerspielplätze namens Kaffeehaus, sprach von dieser Widersprüchlichkeit, als sie sagte: «Heimlich halten wir alle das Café für den Teufel, doch ohne den Teufel ist doch nun mal nichts.»    


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.





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