Konklusion jüdischer Kaffeehauskultur
Bob Dylans «Hurrican», Leonard Cohens «Suzanne» und dann ein Reigen französischer Chansons trällern aus den Lautsprechern im Café Mersand und vereinen sich mit dem unveränderten Dekor aus den fünfziger Jahren. Einer nach dem anderen: Georges Brassens, Jacques Brel, Gilbert Bécaud und Edith Piaf, Juliette Gréco, dann Serge Gainsbourg. Wo gibt es so was noch? Und dann folgt Deep Purples «Child in time», während sich der Geruch frisch gerösteten Kaffees mit jenem der Croissants und soeben gebackener Kuchen vermengt.
Die Angestellten sind jung. Eine Französin, Anfang 20, die aussieht wie eines jener Jeansmädchen aus den sechziger Jahren, Frisur von einst und gekleidet wie damals. Keck, mit französischem Akzent sprechend und wachen Augen. Unter den Gästen sitzen drei über 80-jährige Damen, sprechen Deutsch, alte Jeckes. Sie beschreiben lautstark die Welt und das Treiben ums Café mit messerscharfen Pointen. Daneben Studenten, Althippies und ein paar mittelalterliche Tel Aviver mit rauchiger Stimme, verlebtem Gesicht und Zeitungen in der Hand.
Bestandteil gelebter Kultur
Den Charme von einst hat das Café nicht verloren und die Authentizität bewahrt. Denn was war, wurde ins Jetzt transformiert. In Tel Aviv ist Kaffeehauskultur nicht nostalgisches Schwelgen in der Vergangenheit, sondern Bestandteil gelebter Kultur. Neben dem legendären Café Tamar an der Sheinkin-Strasse und dem Nassi Hakatan bei der King George, wo sich bis heute ebenso Künstler, Emigranten und Intellektuelle treffen, weichen auch in Tel Aviv die Cafés designten Scheinwelten, die nicht mehr der inneren Befindlichkeit einer Gesellschaft entspringen, sondern als importierter Kitsch einem ¬Bedürfnis aufgestülpt werden, das mit den Einwanderern aus Europa oder den orientalischen Ländern damals einem Selbstverständnis entsprang.
Das Café Mersand ist äusserlich unscheinbar. Wer dort nicht verweilt, Kaffee getrunken und sich zurückgelehnt hat, wird es übersehen. Denn Atmosphäre fängt man nicht beim Vorbeilaufen ein.
Tradition inmitten junger Menschen
Die Oase liegt an der Ecke Ben-Yehuda- und Frishman-Strasse, unweit des Meeres. Eröffnet wurde das Café 1955 vom deutschen Einwanderer Walter Mersand, der in der neuen Heimat die Kaffeehaustradition Berlins und Wiens vermisste. Deren Einflüsse prägten denn auch das Erscheinungsbild des Cafés, umgesetzt von einem ungarischen Architekten, wesentlich mit. Bei der Gründung erregte das Selbstbedienungskonzept Aufsehen, für Israel damals eine Neuheit. Das Café wurde schnell zu einer Hochburg der Jeckes. Mitte der sechziger Jahre übernahm Walter Mersands Sohn Mike die Führung des Cafés und verkaufte es vor ein paar Jahren an den Besitzer des Tel Aviver Cafés Bacio, Tregerman, der sich dafür entschied, das aus den mittleren Sechzigern stammende Ambiente und einzigartige Mobiliar des Mersand beizubehalten. Holztäfer an den Wänden, winzige Tischchen, niedrige Stühle und eine Resopal-Theke machen den Stil dieses Cafés unverkennbar.
Die drei Damen treffen sich seit Jahrzehnten jeden Tag im Mersand zu Kaffee und Kuchen. Tradition inmitten von jungen Menschen, die die Kaffeehauskultur neu erfunden haben. In Tel Aviv hat sie überlebt, die Kaffeehauskultur. Mit den Einwanderern hat sie sich neu erfunden und ihre Wurzeln in den fünfziger und sechziger Jahren belassen. Gehörte in Wien einst die Sahne, in Paris die literarische Lektüre dazu, so wird Tel Avivs Kaffeehauskultur durch gute Musik mit starken Texten charakterisiert, wie sie ganze Generationen prägte. Und da passen beim Verlassen des Mersand an einem sonnig-windigen Mainachmittag die Beatleszeilen, die noch bis durch den Strassenverkehr in den Abendhimmel nachklingen:
Let it be, let it be.
There will be an answer, let it be.
Let it be, let it be.
Whisper words of wisdom, let it be.
Let it be, let it be.
There will be an answer, let it be.


