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Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 07 Ausgabe: Nr. 7 » July 2, 2009

Kaffee als kultureller Nährboden

Von Shachar Pinsker, July 2, 2009
Die europäische Moderne wurde in grossstädtischen Kaffeehäusern geboren. Hinter Tassen und Kannen sassen häufig jüdische Denker und Autoren.
JÜDISCHER TREFFPUNKT Vor allem emanzipierte Juden fühlten sich von den städtischen Cafés angezogen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in Wien der Spruch im Schwange: «Die Juden gehören ins Kaffeehaus.» So unüberschaubar war damals die Präsenz assimilierter Juden in den Künstler- und Literaten-Cafés der österreichisch-ungarischen Kaiserstadt.
Heute trinkt man in Tel Aviv nicht nur den besten Kaffee der Welt. Die israelische Metropole kann auch auf eine blühende Café-Kultur stolz sein, wie sie andernorts kaum zu finden ist. Diese Tradition geht auf die 1930er Jahre und die Immigranten zurück, die damals aus Städten wie Wien, Berlin und Warschau nach Palästina kamen. So kann man heute in Tel Aviv im Buch-Café Hanasich Hakatan (Der kleine Prinz) oder im Tmol Shilshom (Gestern, Vorgestern) in Jerusalem ebenso Journalisten und Dichter beim Lesen oder in der Diskussion über Neuerscheinungen finden wie um 1900 im Wiener Café Central.
Dass sich Cafés in Wien, Tel Aviv und Jerusalem ungeachtet der zeitlichen und räumlichen Distanz in einem Atemzug nennen lassen, deutet auf ein grundlegendes Phänomen hin: die jüdische Beziehung zu Kaffeehäusern. Genauer gesagt rückt hier die Bedeutung von Cafés in der Herausbildung der modernen jüdischen Kultur in den Blick. Wie und auf welche Weise ist es dazu gekommen? Wann und wo wurden Juden so eng mit Kaffeehäusern assoziiert, ja identifiziert? Kann man das urbane Café als «jüdischen Ort» bezeichnen? Mit diesen Fragen habe ich mich bei meiner Untersuchung der Rolle der «literarischen Cafés» in der Entwicklung der modernistischen, jüdischen Literatur und Kultur in Europa befasst.
Wie der Kaffee selbst wurde das Kaffeehaus als Institution ursprünglich aus der Levante nach Europa importiert. Modell waren die Kaffeehäuser in Konstantinopel, die dann erfolgreiche Nachahmer in europäischen Städten wie Venedig, Oxford und London fanden. Obwohl die Historiker immer noch darüber streiten, gilt Oxford inzwischen meist als Standort des ersten Cafés auf den britischen Inseln. Dieses Etablissement hiess «The Angel» und wurde um 1650 von einem sephardischen Juden namens Jacob gegründet. Historiker wie Elliot Horowitz haben zudem nachgewiesen, dass Kaffee und Kaffeehäuser während der frühen Neuzeit eine bedeutende Rolle im jüdischen Leben etwa in Ägypten, Palästina und Italien spielten. Dies galt vor allem für Pietisten und Kabbalisten, die den Bohnenextrakt und seine Schankorte für nächtliche Rituale wie das Tikkun Hatzot (Wehklage über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem) benutzten.

Geburtsort der europäischen Moderne

Die Liebesaffäre zwischen Juden und Kaffeehäusern wird verständlicher, wenn man betrachtet, wie Cafés, die europäische Moderne und die neuzeitliche, säkulare jüdische Kultur Hand in Hand miteinander entstanden. Ob nun Kaffeehaus, Kawiarnia, coffeehouse, oder caffee genannt: Das Café stand seit dem 18. Jahrhundert im Mittelpunkt des urbanen, literarischen und künstlerischen Lebens in Europa. Hier kamen Gäste zusammen, um sich über Politik, Geschäfte, Wissenschaft und Literatur auszutauschen, die damals einen enormen Aufschwung nahmen. In dem von Jürgen Habermas entwickelten Konzept des «öffentlichen Raums» der Moderne nehmen Cafés eine zentrale Stellung ein: In diesen «Penny-Universitäten», wie es im London des 18. Jahrhunderts hiess, entstand die von Habermans identifizierte «literarische Bürgerlichkeit». Malcolm Bradbury und James McFarlane haben in ihre Untersuchung der literarischen Moderne in Europa zwischen 1890 und 1930 festgestellt, dass «literarische Cafés, Zeitschriften und Verlage die Entwicklung neuer Schreibstile beflügelt haben, die neuen Realitäten und Bedürfnissen entsprachen». Tatsächlich waren literarische Cafés wie das Café Griensteidl und das Central in Wien, das Café des Westens und das Romanische Café in Berlin sowie die Cafés auf dem linken Seineufer und dem Montparnasse in Paris unverzichtbar für die Geburt der europäischen Moderne.
Vor allem emanzipierte Juden fühlten sich von den städtischen Cafés angezogen. Als Juden waren sie in exklusiveren Örtlichkeiten sowie in den Clubs und Kneipen, in denen der Alkoholkonsum im Mittelpunkt stand, nicht immer willkommen. Dagegen bot sich die relativ neue Institution des Kaffeehauses als Ort für informelle Gespräche an, die sowohl Handel und Geschäfte betreffen konnten, als auch Politik, Kunst und Literatur. Dies galt nicht nur für die Kaffeehäuser in Wien oder Berlin, sondern auch für diejenigen in jüngeren russischen Städten wie Odessa, wo das Café Fankoni oder das Café Robinat russisch-jüdischen Autoren, Journalisten und Intellektuellen eine Heimat boten.
Eine besondere Anziehungskraft übten städtische Cafés auf jüdische Autoren aus, die als Immigranten, Exilierte oder Flüchtlinge in die jeweiligen urbanen Zentren gekommen waren. Der Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte gewaltige Wanderbewegungen, in deren Zug die Mehrheit jüdischer Schreiber und Intellektuellen in Grossstädten eintraf. Dabei spielte es zunächst keine Rolle, ob sie sich auf Hebräisch, Jiddisch, Russisch, Polnisch oder Deutsch ausdrückten. Ihnen dienten Kaffeehäuser nicht nur zum Kaffeekonsum oder als Treffpunkt, sondern häufig auch als Ersatz für Heimat und Gemeinschaft. Dazu sei Yitzhak Kumer zitier t, der junge Protagonist von Shmuel Yosef Agnons Roman «Tmol Shilshom» (nach dem das gleichnamige Jerusalemer Café genannt wurde). Kumer reist von seinem Stetl nach Lemberg, im Jahr 1908 die Hauptstadt der habsburgischen Provinz Galizien, und eilt in eines der dortigen Cafés. Der Erzähler erklärt: «Eine Grossstadt ist nicht wie eine kleine. In einem kleinen Ort verlässt man sein Haus und stösst sofort auf einen Freund. In einer Grossstadt können Tage, Wochen und Monate vergehen, ehe man einander trifft und so verabreden sich die Leute zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Platz im Kaffeehaus. Yitzhak hatte sich das Kaffeehaus als den exquisitesten Ort ausgemalt und er beneidete die Studenten, die jederzeit, zu jeder Stunde dorthin gehen konnten. Nun, da er in Lemberg eingetroffen war, machte er sich selbst auf den Weg dorthin.»
Einige Stunden später findet sich Yitzhak Kumer «in einem prächtigen Tempel stehen, in dem vergoldete Leuchter von der Decke und Lampen an jeder Wand hingen (…) Und über ihnen standen Kellner,(…) die silberne Kannen und Porzellantassen hielten, die nach Kaffee dufteten, sowie jedes nur denkbare Gebäck.»

Die Bedeutung literarischer Cafés

Die Erfahrungen des naiven, überwältigten Immigranten Yitzhak Kumer beruhen auf den Erlebnissen des späteren Literaturnobelpreisträgers Agnon. Kumer steht stellvertretend für die Lebenswege zahlreicher hebräischer und jiddischer Literaten dieser Epoche. Vielen von ihnen wurden in kleinen Stetln geboren und wuchsen dort auf. Dort erhielten sie eine traditionelle Erziehung, mit der ihnen das reiche, religiöse jüdische Schrifttum in Hebräisch und Jiddisch zugänglich wurde. Sie wurden überwältigt, als sie erstmals dem Leben in den Metropolen begegneten. Das Kaffeehaus war ein zentraler Schauplatz dieses «Kulturschocks».Im Berlin der Weimarer Ära ersetzte das 1916 gegründete Romanische Café das Café des Westens als bedeutendstes Literaten-Lokal. Die zahlreichen jüdischen, aus Russland, Polen und sogar Palästina nach Berlin gekommenen Intellektuellen und Künstler waren besonders vom Romanischen Café angezogen und machten es zum Zentrum einer publizistischen Szene, der hebräische und jiddische Zeitschriften wie «Milgroym/Rimon» (Granatapfel), «Albatros» und «In Shpan» (Im Gespann) entsprangen.Nicht nur der jiddische Autor A. N. Stencl beschrieb das Romanische als nahezu vollständig jüdisches Lokal: «Im Berliner Westen formierte sich eine Art jüdische Kolonie und das Romanische Café war ihr Parlament. Es summte wie ein Bienenstock vor berühmten jüdischen Intellektuellen und Aktivisten (…) mit jiddischen Autoren aus Kiew und Odessa.» Gleichzeitig erwähnen deutsche Zeitzeugen das Café als bedeutenden Treffpunkt für die Expressionisten und die Bewegung der «Neuen Sachlichkeit», übergehen jedoch die Präsenz hebräischer und jiddischer Schriftsteller. Wenn sie Juden überhaupt erwähnen, dann heben sie auf Else Lasker-Schüler ab, die unbestrittene Königin des Lokals, die ihre Jüdischkeit durch das Verfassen «hebräischer Balladen» auf Deutsch demonstrierte. Das Romanische war nicht schlicht eine «jüdische Lokalität», aber dennoch ein höchst bedeutsamer Ort für das spannungsreiche und fruchtbare Aufeinandertreffen nicht nur deutsch-jüdischer Autoren, sondern auch hebräischer und jiddischer Literaten wie Stencl, Ya’acov Shteinberg, Dovid Bergelson und Uri-Zvi Greenberg.Literarische Cafés wie das Romanische waren wichtige Örtlichkeiten für den jüdischen Modernismus in Europa. Dort bildeten sich neue künstlerische und literarische Gruppen, zudem wurden Zeitschriften gegründet. Die Kaffeehäuser dienten Autoren als Schreibstube, und etliche der herausragenden Darstellungen von Stadtlandschaften in der modernistischen Epoche konzentrierten sich auf das Café als Zwischenraum von Innen und Aussen, Öffentlichkeit und Privatsphäre, Männern und Frauen, Juden und Nichtjuden, Einheimischen und Immigranten. Lewis Mumford, der prominente Erforscher der städtischen Kultur, hat einmal geschrieben: «Eine Stadt lässt sich am besten als Ort definieren,(…) der die grösste Auswahl an Plätzen für eine gehaltvolle Unterhaltung bietet.» Für die Juden der Moderne war das städtische Kaffeehaus eine solche Lokalität: Ein Raum für Konsum, Gespräch, anregende Begegnungen, Kunst und Literatur. Und womöglich hat sich daran bis heute nichts geändert.    


Shachar Pinsker unterrichtet modernes Hebräisch und jüdische Literatur an der University of Michigan. Demnächst erscheint sein Buch «Literary Passports: The Making of Modernist Hebrew
Fiction in Europe».





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