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03. Juli 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 27 Ausgabe: Nr. 27 » July 2, 2009

Neue Ideen für die ICZ

von Gisela Blau, July 2, 2009
Die Organisationsstruktur der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) soll an die aktuellen Bedürfnisse der Mitglieder angepasst, überdacht und überarbeitet werden. Eine Gruppe von Mitgliedern hat dazu ein Positionspapier verfasst.
JÜDISCHE VIELFALT Die Einheitsgemeinden müssen ihren Weg in die Zukunf überdenkent

Schwere Turbulenzen haben einen grösseren Teil der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) in den letzten Jahren beschäftigt. Strukturell besonders bedeutsam waren die Unebenheiten während der Rabbinersuche. Nun amtiert ein neuer Vorstand, der neuen Wind und neue Transparenz in die Gemeinde-angelegenheiten bringen will. Aber die laufenden Anforderungen des Dienstleistungsbetriebs ICZ liessen noch nicht viel Zeit für Diskussionen mit den Gemeindemitgliedern über zeitgemässere Strukturen. Ein erster Anlauf im Frühjahr 2009, die Integration der modern-orthodoxen Gemeinschaft Tiferet, scheiterte am offensichtlichen Unwillen der Gemeinde, und es zeigte sich, dass erst ein neues Dach geschaffen werden muss, bevor über den Status einzelner Gruppen entschieden werden kann (tachles berichtete).

Neue Wege

Bereits im vergangenen Herbst setzte sich eine Gruppe von Gemeindemitgliedern aus zwei Generationen und mit unterschiedlichen Lebensentwürfen zusammen, um gemeinsam neue Ideen für eine zeitgemässe Struktur der Einheitsgemeinde zu entwickeln. Resultat war ein Positionspapier mit dem Titel «Neue Wege unserer Einheitsgemeinde», das umgehend dem ICZ-Vorstand zugeleitet und seither auch unter einer grösseren Anzahl der Mitglieder verbreitet wurde.
Die zehn Verfasserinnen und Verfasser (alphabetisch Edgar Abraham, ICZ-Vorstandsmitglied, Valérie Arato, Marc Bloch, Evelyn und Michel Bollag, ehemaliger Rabbinatsassistent, Rachel Manetsch, Katia und Samuel Rom, Werner Rom, ehemaliger ICZ-Präsident, Tal Trost Ben Hamo) befassen sich mit der Frage der jüdischen Identität in der heutigen Zeit und mit den Problemen der ICZ. Für sie war der Anlass gegeben, als das israelische Oberrabbinat, das viele Schweizer Juden fälschlicherweise und ohne dessen Anspruch als eine Art «jüdischen Vatikan» betrachten, in Israel eine riesige Anzahl von Übertritten zum Judentum der beiden anerkannten und mit der ICZ eng verbundenen israelischen Rabbiner Druckmann und Avior aberkannte. Als eines der unmittelbaren Probleme orteten die Verfasser den Wegfall der Rechtssicherheit in Sachen Übertritte für die ICZ, ein Thema, das bei gemischt-religiösen Familienverhältnissen von immer grösserer Bedeutung ist.
Die beiden Pole im Judentum sehen die Verfassenden nicht mehr vorrangig im Spannungsfeld von orthodoxen und liberalen Auffassungen, sondern in der Konfrontation zwischen der charedischen Minderheit und dem bedeutenderen «Rest» des Judentums. Die grosse Mehrheit der ICZ, schreiben sie, gehöre zum «Mainstream» der sich als «traditionell» in verschiedenen Zuschnitten bezeichnenden Juden, und sie zitieren den langjährigen Präsidenten Sigi Feigel, der postuliert hatte, dass die ICZ ihren Mitgliedern «weder in die Kochtöpfe noch unter die Bettdecke» schaue. Das orthodox geführte Rabbinat, schreiben sie, «hat es zunehmend schwerer, sich in der Gemeinde die notwendige Glaubwürdigkeit zu schaffen, zu erhalten und zu begründen». Orientiert haben sich die Verfasser, die nach eigenen Aussagen alle an die Zukunft der Einheitsgemeinde glauben, an Gemeinden in Mexiko und den USA, vor allem aber an der zahlenmässig vergleichbaren jüdischen Gemeinde in Stockholm.

Heimat verschiedener «Stämme»

So entstand die Idee, die ICZ als Heimat verschiedener «Stämme» zu definieren, die vom egalitären «Schabbat Acheret» über die unorthodox «Traditionellen» bis zur modernen Orthodoxie und den orthodoxer lebenden Kreisen reichen könnten. In einer derartig diversifizierten Struktur könnten alle Mitglieder ihren Platz aussuchen und den ihnen passenden «Stamm» finden, sind die Autoren des Positionspapiers überzeugt. In dieser Struktur, sagen sie, könnte auch Tiferet eine Heimat finden.
Sehr viel Zeit bleibt nicht: «In zwei bis vier Jahren muss wegen der Pensionierung des gegenwärtigen Gemeinderabbiners und der Wahl eines neuen Amtsträgers die Diskussion um die spirituelle Ausrichtung der ICZ abgeschlossen sein, um die richtige Wahl zu treffen», sagt Mitverfasser Werner Rom. Nicht vergessen haben die Autoren das Postulat der Schaffung eines «Office for Religious Affairs (ORA)», das den Bedürfnissen der verschiedenen Richtungen Rechnung tragen soll.
Die Co-Präsidentschaft der ICZ  ist offen für Gespräche. «Alles, was das Wohlbefinden der Mitglieder betrifft, nehmen wir sehr ernst und wir wollen darüber reden», sagt Shella Kertész. «Die ICZ soll auch in Zukunft eine Einheit in der Vielfalt bieten.» André Bollag ist ebenfalls offen, aber wohlwollend skeptisch: «Wir sind eine orthodox geführte Gemeinde, obwohl nur etwa 20 Prozent der Mitglieder orthodox leben», sagt er. «Wir haben viele Mitglieder, die sich eine sogenannte Stellvertreter-Orthodoxie wünschen – sie plädieren (bewusst oder unbewusst) für eine orthodox geführte Gemeinde mit einem orthodoxen Rabbinat, ohne dass sie selber unbedingt nach den Regeln leben.» Er sieht Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung von theoretisch akzeptierten neuen Strukturen.

Beitrag zur notwendigen Diskussion

«Die Akzeptanz und die Umsetzung werden wir nur erreichen, wenn darüber diskutiert wird», ist Werner Rom überzeugt. «Unser Papier ist ein Beitrag, vielleicht unter anderen, zur notwendigen Diskussion, und wir sind gerne bereit, weiter dazu beizutragen. Wir glauben, dass die Vielfalt im Judentum gelebt werden muss, und wir wollen einen Massnahmenkatalog fördern, indem wir Mitglieder darüber sprechen und auch Leute anhören, die Meinungen transportieren und Inhalte darstellen können, auch aus eigenem Erleben im Ausland. Jedoch eines dürfte klar sein – die vom Mainstream geforderte weltweite Anerkennung von Rabbinatsentscheiden ist eine Illusion. Wenn wir dies verinnerlichen, dann können wir darin durchaus eine Chance sehen.» Rom und seine Mitverfassenden sind sich klar darüber, sagt er, dass eine Lösung hart erarbeitet werden und erst noch umgesetzt werden muss.   

Generalversammlung der ICZ Montag, 6. Juli, um 19.30 Uhr im Gemeindehaus.





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