Michael Jacksons Sehnsucht nach dem Schabbat
Wie jeder grosse amerikanische Künstler war auch Michael Jackson einzigartig. Vor allem lag sein Talent aber darin, die Einflüsse von Vorgängern und Zeitgenossen aufzunehmen und umzuformen. Nach seinem Tod drängen sich die Parallelen zu Elvis Presley auf, dem Jackson nicht nur durch die Heirat mit dessen Tochter Lisa Marie Presley Anfang der 1990er Jahre verbunden war. Gelang es Jackson von der afroamerikanischen Seite her, die «weissen» Pophitparaden zu erobern, hatte Elvis die schwarze Musik in Memphis und Mississippi aufgesogen und sich zu eigen gemacht. Allerdings hatte Jackson als Komponist, Arrangeur und Performer deutlich grössere Kontrolle über sein Werk als Elvis. Doch sein Herzinfarkt erinnert an die Medikamentensucht von Presley, der wie Jackson von einer dubiosen Schmarotzer-Clique umgeben war: Inzwischen wurde bekannt, dass Jackson täglich mindestens acht verschiedene Medikamente eingenommen hat, darunter intravenös hohe Dosen synthetischer Opiate. Wer ihm die Drogen verschafft und verabreicht hat, dürfte die Polizei von Los Angeles noch eine Weile beschäftigen.
Enge Freundschaften mit Juden
Jackson hat sich Lisa Marie zufolge sehr für die Tablettensucht ihres Vaters interessiert, der im August 1977 infolge einer Überdosis Beruhigungsmittel in seinem Badezimmer erstickt ist. Anscheinend hat Jackson schon vor 15 Jahren vorhergesagt, er werde «enden wie Elvis». Die Parallelen gehen jedoch weiter: Wie der «King of Rock´n´Roll» war der «King of Pop» seit vielen Jahren auf der Suche nach spirituellem Halt und hat sich dabei auch an jüdische Freunde und Berater gewandt. Während sich Elvis unter anderem vom Hollywoodfriseur Larry Geller in das Judentum einführen liess, pflegte Jackson eine enge Beziehung mit dem Prominenten-Rabbiner Shmuley Boteach und dem «Löffelbieger» Uri Geller. Mit den beiden hat der Künstler Ende der 1990er Jahre etwa die orthodoxe Carlebach Shul in Manhattan besucht und sich dort Augenzeugen zufolge mit dem Gottesdienst vertraut gezeigt. Jacksons ehemaliger PR-Manager Stuart Backerman hat nun in einem Interview erklärt, der Star habe ständig spirituelle Experimente betrieben, sich aber letztlich nie für eine Religion oder Sekte entschieden. Wie Backerman waren zahlreiche Berater und Mitarbeiter Jacksons jüdisch. Boteach hat seine Beziehung zu dem Popstar im Jahr 2004 im Zusammenhang mit den Kindesmissbrauchs-Vorwürfen gegen Jackson abgebrochen; vorher – und auch momentan wieder – hatte er aber keine Hemmungen, sich im Scheinwerferlicht neben dem Sänger zu sonnen.
2001 hat Jackson unter dem Einfluss von Boteach einen bewegenden Text zum Schabbat verfasst, in dem es unter anderem heisst: «Ich habe von Shmuley gelernt, dass am Schabbat alltägliche Tätigkeiten wie Kochen oder Einkaufen verboten sind, damit die Menschen das Alltägliche als aussergewöhnlich und das Natürliche als wundersam wahrnehmen (…) An diesem Tag kann jedermann das Gewöhnliche hinter sich lassen. Aber ich wünsche mir mehr als alles andere, einmal ganz normal zu sein. Daher ist der Schabbat in meiner Welt der Tag, an dem ich mein einzigartiges Leben verlassen und das Alltägliche erhaschen kann (…) Wenn es mir die Umstände erlauben, begehe ich daher den Schabbat mit Freunden. Dann gehen die Leute mit mir so um, als sei ich schlicht einer von ihnen – nur ein Mensch, der einen Tag mit Gott mit Ihnen teilt.»
Eine jüdische Ehefrau
Jacksons damaliges Interesse am Judentum mag auch damit zusammenhängen, dass seine zweite Frau Debbie Rowe nach eigener Erklärung jüdisch ist. Jackson und Rowe waren von 1996 bis 1999 verheiratet. Sie ist die Mutter von Prince Michael I und Paris Michael Katherine, zwei der drei Kinder Jacksons. Rowe hat ihr Sorgerecht für die beiden zwar aufgegeben, will ihre Kinder nun jedoch wieder zu sich holen. Derzeit sorgt Jacksons Mutter Katherine für alle drei. Rowe war sehr besorgt, als sich Jackson vor einigen Jahren den militanten Black Muslims zugewandt hat, während er wegen Kindesmissbrauchs vor Gericht stand. Die Black Muslims machen immer wieder durch antisemitische Bekundungen auf sich aufmerksam. Auch Jackson selbst hat 2005 mit der Bemerkung Schlagzeilen gemacht, Juden seien «Blutsauger». Dies entspricht nicht nur der Ideologie der Black Muslims, sondern einem gängigen Klischee unter Schwarzen, die eifersüchtig auf den Erfolg von Juden in der amerikanischen Gesellschaft sind. Die Black Muslims haben jüdische Mitarbeiter Jacksons wie seinen PR-Mann Backerman von ihm ferngehalten.
Der Ausnahmekünstler war damit auch in seiner Beziehung zum Judentum ein Mensch zwischen den Welten. Doch der Vorwurf der Anti Defamation League, Jackson habe «eine antisemitische Ader» gehabt, erscheint im Nachhinein eher als Versuch, von der Prominenz des Musikers zu profitieren. Uri Geller hat nach Jacksons Tod erklärt, dieser habe seine damalige Äusserungen sehr bereut und später, als Geller seinen Eheschwur erneuert habe, als Trauzeuge eine Kippa getragen. Wie so viele der Freunde und Weggefährten ist auch Geller überwältigt von Jacksons Tod und hält dessen Blutsauger-Äusserung für unerheblich: «Ich stehe noch vollkommen unter Schock. Ich hoffe, dass er als Tänzer im Gedächtnis bleiben wird – und wegen seiner Texte, seinen Songs und seiner Musik.»


