Für Menschen und Musik
Gemeinde Basel (IGB) Abschied von Marcel Lang. Nochmals vereinte und einte er Menschen aus allen Glaubens- und Denkensrichtungen. Nochmals erfuhren Familie, Freunde und Schüler die Sa nftheit, Offenheit und Klarheit, die Marcel Lang ausmachte, in einer würdigen Abdankung.
Konzertsänger und Interpret
1956 in Basel geboren und aufgewachsen, studierte er nach Schule und Banklehre an der Musikakademie Basel und dem dort angeschlossenen Opernstudio, welche er mit dem Lehrerdiplom abschloss. Es folgte ein Psychologiestudium. Mar-cel Lang hat im Hause seiner Eltern Heinrich und Rosi Lang viel von der ostjüdischen Kantorenkunst mitbekommen und eiferte bereits in jungen Jahren Kantor Israel Karmon in der IGB nach. Im Jahre 1982 wurde er schliesslich sein Nachfolger und blieb bis 1991 Kantor in der grossen Synagoge der IGB. Danach war er ständiger Kantor an der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Seit 2004 war er Kantor der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Daneben etablierte er sich als Konzertsänger mit einem Repertoire von Barock bis Romantik, trat in der Schweiz, Europa, Israel und Amerika auf. Und gleichsam wurde er bekannt als Interpret synagogaler Musik, von jiddischen oder Volksliedern, er erarbeitete ein immenses Repertoire an jüdischer Musik. Lang verfügte über ein enormes Wissen um die jüdische Musik, die Tradition der Chasanut und die jüdische Komposition. Er war ein Förderer des Basler Niggun und wirkte auch als Dirigent. Als Sänger fand er einen unverkennbaren Zugang, indem er die Stücke direkt, schlicht und klar interpretierte. All dies widerspiegelt sich auch auf seinen CD-Aufnahmen, die trotz Vielfalt einen eigenständigen Charakter haben und bisweilen zu Trouvaillen des jüdischen Gesangs gehören. «Main Schtejtele Bels», «Schma Koleinu» oder seine «Lieder jüdischer Avantgardisten» geben Einblicke in Langs breites Schaffen.
Botschafter des Judentums
Vielen war Marcel Lang vor allem als Chasan in der Synagoge bekannt. Als der zugängliche Kantor, der ohne Allüren, bescheiden, stets das Wort, das Gebet, die Melodie ins Zentrum stellte. Als Kantor, der die Synagogenchöre in Basel und Zürich intensiv betreute und weiterentwickelte. Als Kantor für die Menschen, als bescheidener, gewissenhafter Künstler und lebensfroher Mensch, der das Leben und die Menschen, seine Familie, seine Frau und seine beiden Kinder über alles liebte. Lang war der Freund in der Synagoge, der Botschafter des Judentums, der damit keine Mission verband, sondern Inhalte vermittelte und sich mit diesen kritisch auseinandersetzte. Sein Gesang war rein, schlicht, der Zugang authentisch und die Interpretation der Werke mit viel Gefühl für deren Entstehungsgeschichte. Er bewegte die Menschen durch die Musik, den Gesang und ebenso durch seinen schalkhaften Humor. Ohne Pathos oder Sentimentalität transportierte er die Musik in ihrer eigenen Integrität mit sanfter Stimme, einen wunderbaren Tenor, jedes Wort verstehbar. Genauso wie sein Zugang zu den Menschen war: stets ehrlich, mit einem Sensorium für andere.
Für die Einheit
Marcel Lang wusste mit und ohne Musik Brücken zu bauen. Bereits als junger Sänger förderte er Jugendchöre etwa im Jugendbund Bne Akiwa, führte geduldigst seine Bar-Mizwa-Schüler in das Leinen ein, engagierte sich frühzeitig im Heim für Behinderte Beth Chana, war stets da, wenn es darum ging, mit und durch die Musik neue Wege und Tore zu öffnen. Vor zehn Jahren engagierte er sich als Mitinitiant für die Gruppe Ofek, die neue Zugänge zum traditionellen Judentum suchte. Marcel Lang war ein jüdischer Denker, der hinterfragte, mit der Wahrheit rang und um sie focht.
Marcel Lang stand vor Gott und liebte die Menschen. Er führte den Ewigen in die Herzen der Männer, Frauen, Kinder, die ihm zuhörten. Er war ein Botschafter durch Gesang. Ein Gesang, der gerade auch durch seine Arrangements und Melodien etwa bei der Feiertagsliturgie «Emet» und vielen anderen Texten der Gemeinde einverleibt wurde und die Menschen an Feiertage bindet. Nun ist Marcel Langs Stimme verklungen. Er verstarb nach langer Krankheit letzten Schabbat, an dem er vor 40 Jahren seine Bar Mizwa feierte. Und nochmals einte er die Gemeinden und Gemeinschaften, die sich in tiefer Trauer an seinem Grabe voller Ohnmacht zusammenfanden. Als ob in Erfüllung zu gehen schien, wofür er zeitlebens engagiert war: d ie Einheit in der Vielfalt. Die Vielfalt durch Einheit. Menschen, die zusammenfinden. Im Judentum das Einende und nicht das Trennende finden.


