logo
26. Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 26 Ausgabe: Nr. 26 » June 25, 2009

Was geschieht mit den Gräbern?

Von Alexander Alon, June 25, 2009
Auf dem Areal des geplanten Erweiterungsbaus des Zürcher Kunsthauses werden jüdische Gräber vermutet. Dies scheint auch eine jüdische Organisation aus dem Ausland zu interessieren.
DER GEPLANTE ERWEITERUNGSBAU VON DAVID CHIPPERFIELD Noch muss das Projekt mehrere Hürden nehmen

Bereits vergangenen Sommer berichtete tachles (vgl. tachles 34/08) über den Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses, der von der Stiftung Zürcher Kunstgesellschaft, der Stiftung Zürcher Kunsthaus und der Stadt Zürich geplant wird und der auf dem Gelände eines mittelalterlichen jüdischen Friedhofs gebaut werden soll. Nach wie vor scheint nicht klar, was mit allfälligen Grabfunden geschehen wird und wie das halachische Gebot der Totenruhe gehandhabt werden soll.

Auf dem jüdischen Friedhof, dessen Existenz durch historische Quellen belegt ist, wurden lediglich während etwa 100 Jahren, von den achtziger Jahren des 14. Jahrhunderts an, Bestattungen vorgenommen. Danach dürfte das Areal landwirtschaftlich genutzt worden sein. Allfällige Gräber befinden sich in einer Tiefe von etwa 5 bis 6,5 Metern. Da der Boden gegenwärtig zudem noch überbaut ist, sei eine Sondierung vor Baubeginn kaum sinnvoll, erklärte Dölf Wild, Leiter des Fachbereichs Stadtarchäologie in Zürich, gegenüber tachles. Die fragliche Fläche umfasse rund 2200 Quadratmeter. Wo sich hier tatsächlich Gräber befunden haben, sei ungewiss. Zudem könnten Hochwasser des Wolfbachs oder spätere Grabarbeiten beim Bau der Stadtbefestigung vieles beeinträchtigt oder zerstört haben.

Während die Stadt Zürich den Standpunkt vertritt, dass allfällig gefundene Gräber auf jeden Fall umgebettet werden müssen, hat die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ), die ursprünglich zugesichert hatte, dem Projekt keine Steine in den Weg zu legen, ihren Standpunkt letzten Sommer teilweise revidiert. Rabbiner Ebel von der ICZ erklärte damals gegenüber tachles, dass man bei einem allfälligen Fund differenzieren müsse, ob es sich dabei um «unbeschädigte, intakte Gräber» oder lediglich um «einzelne Gebeine» handle. Eine Umbettung sei halachisch gesehen nur im zweiten Fall zulässig. André Bollag, Co-Präsident der ICZ, hat gegenüber tachles zusätzlich präzisiert, dass sowohl bei Spezialisten in Israel noch ein halachisches Gutachten eingeholt als auch die Eigentumsverhältnisse des Grundstücks eruiert werden müssten. Wo allfällig gefundene Gebeine bestattet würden, war vergangenen Sommer gemäss Bollag ebenfalls noch unklar.

Die ICZ wartet ab

Seit vergangenem Sommer hat sich an den Positionen zwar nichts geändert, die Vorbereitungen für die Erweiterung sind in der Zwischenzeit aber vorangeschritten; so wurde in einem Wettbewerb das Projekt von David Chipperfield auserkoren. Vor Baubeginn sind aber noch zwei politische Hürden zu überwinden: Der Gemeinderat muss den Gestaltungsplan annehmen, der gemäss Urs Spinner, dem Sprecher des Hochbaudepartements Zürich, gegen Ende des Jahres vorliegen sollte. Ausserdem steht die Abstimmung über den Objektkredit durch den Gemeinderat und die Stimmbevölkerung an, voraussichtlich im Jahre 2011. André Bollag erklärt auf Anfrage von tachles denn auch, dass seitens der ICZ in dieser Angelegenheit ausser gewissen internen Abklärungen noch nichts unternommen wurde. Die Finanzierung des Projektes sei ja noch nicht einmal gesichert.

Wie schon bei ähnlich gelagerten Fällen im Ausland ist laut gut unterrichteten Quellen eine in London angesiedelte Organisation, das Committee for the Preservation of Jewish Cemeteries in Europe (CPJCE), auf die in Zürich vermuteten jüdischen Gräber aufmerksam geworden. Die Organisation ist gemäss ihrer Website darum bemüht, Friedhöfe in Europa vor «Schändung und Zerstörung» zu schützen. Geschäftsführer Rabbiner Abraham Ginsberg wollte gegenüber tachles jedoch nicht bestätigen, dass man in Zürich aktiv werde, und auch seitens der Stadtbehörden ist derweil keine entsprechende Kontaktaufnahme eingegangen. Dies liessen sowohl Urs Spinner als auch sein Kollege Nat Bächtold, der Sprecher des Präsidialdepartements, verlauten.

Rettung unter allen Umständen

Trotzdem ist das Gerücht durchaus ernst zu nehmen. In der Vergangenheit ist CPJCE nach eigenen Angaben unter anderem in Deutschland, Polen, Litauen, Frankreich, England und Tschechien aktiv gewesen. Auf verschiedene Weise – etwa durch direkte Gespräche mit den örtlichen Vertretern der jüdischen Gemeinden, aber auch mittels diplomatischem Druck und Mahnwachen vor Ort – hat das Komitee jeweils versucht, seinen nicht immer mit den lokalen Abmachungen konformen Standpunkt durchzusetzen – zuweilen mit Erfolg. Gemäss Ginsberg verfolge man das Ziel, einen jüdischen Friedhof unter allen Umständen zu «retten», um so die gemäss Halacha gebotene Totenruhe zu wahren. Technisch gesehen gäbe es dafür viele Möglichkeiten, meint Ginsberg, doch gegen Umbettungen spreche sich das Komitee strikte aus. Den Einwand, dass eine Umbettung unter bestimmten Umständen selbst aus der Perspektive des jüdischem Rechts durchaus statthaft ist, lässt Ginsberg nicht gelten. Im gleichen Atemzug widerspricht er auch der Kritik, CPJCE sei nur deswegen nicht zu abweichenden Standpunkten bereit, weil man vermeiden wolle, auf diese Weise Präzendenzfälle zu schaffen, welche die Arbeit des Komitees insgesamt behindern könnten.

Bei kleineren jüdischen Gemeinden Osteuropas, deren Bindung an die jüdischen Traditionen gering ist, kann eine solche kategorische Position von CPJCE durchaus sinvoll sein, wie ein nicht genannt sein wollender Kritiker des Komitees gegenüber tachles meint. Solche Gemeinden hätten aus Unwissenheit oder aus Mangel an politischer Erfahrung die Tendenz, allzu schnell den Forderungen der Behörden nachzugeben und nicht genügend auf dem halachischen Standpunkt zu beharren. Um das Traditionsbewusstsein dieser kleinen Gemeinden auf längere Sicht zu stärken, weiche das Komitee aber selbst in Gesprächen mit grossen, der Halacha verpflichteten Gemeinden nicht von seiner Haltung ab; dies sei auch dann der Fall, wenn das jüdische Recht durchaus Ausweichmöglichkeiten vorsieht, sie aber nicht unbedingt vorschreibt. Eine gründliche Analyse der Gegebenheiten vorausgesetzt, könne allerdings auch die unflexible CPJCE-Position sinnvoll sein, räumt der Kritiker ein.

Momentan gibt es keine Indizien dafür, dass das Komitee oder ihm nahestehende Kreise Druck auf das Rabbinat der ICZ, die offizielle Ansprechpartnerin der Stadt, oder auf die Rabbinate der anderen jüdischen Gemeinden Zürichs ausübe. Das Rabbinat der ICZ wollte sich in Sachen Kunsthaus allerdings nicht äussern, und auch Vertreter der IRG und der Agudas Achim waren nicht bereit, Stellung zu beziehen. Rabbiner Ruben Bar-Ephraïm von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch dagegen erklärte gegenüber tachles, dass auf das Rabbinat seiner Gemeinde kein Druck ausgeübt würde. Tatsächlich seien ihm sogar Präzedenzfälle bekannt, bei denen als Notlösung intakte Gräber umgebettet worden seien – selbstverständlich müsse man aber zuerst immer versuchen, einen anderen Ausweg zu finden. Auf jeden Fall ist zu bezweifeln, dass CPJCE eine gemeinsame Position mit der ICZ finden wird, die sich mehrfach bereit erklärt hat, mit den Zürcher Behörden zu kooperieren.





» zurück zur Auswahl