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19.Juni 2009, Wohnen Beilage Ausgabe: Nr. 25 » June 18, 2009

Wohnen mit dem Genie

von Gisela Blau, June 18, 2009
Im Sommer und im Herbst 2009 führt eine Picasso-Route durch die Provence und die Côte d’Azur, von Avignon bis Antibes, mit speziellen, spektakulären Ausstellungen. Anlass ist die erst- und letztmalige Öffnung des Schlosses Vauvenargues bei Aix-en-Provence für das Publikum.
ATELIER IN VAUVENARGUES Monumentaler Buchband über Picasso-Wohnsitze

Das Gemäuer sei viel zu gross, viel zu dunkel, viel zu leer, sagte Daniel-Henry Kahnweiler zu Pablo Picasso, als er hörte, dass sein berühmtester Künstler das trutzige Schloss Vauvenargues in der Nähe von Aix-en-Provence gekauft hatte. Seinem Kunsthändler und allen anderen, die das gleiche sagte, erwiderte das Jahrhundertgenie beschwichtigend: «Ich werde es schon füllen!» Und das tat Picasso, der 1881 im spanischen Málaga geboren wurde und am 8. April 1973 in Mougins, Frankreich, starb.
Es soll bei einem  Dinner auf Schloss  Castille gewesen sein, als Picasso hörte, ein Schloss im Dörfchen Vauvenargues,  unweit  von Aix-en-Provence, sei zu vekaufen. Andere sagen, es sei nach dem Besuch einer Ausstellung in Aix gewesen. Jedenfalls lässt er sich anderntags hinfahren.  Als er die kleine Strasse passiert,  die  den Blick auf den Berg Sainte-Victoire  freigibt,  bemerkt er, dass er die Landschaften der  Gemälde von Paul Cézanne vor sich hatte.  Cézanne ist der Einzige, von dem Picasso stets respektvoll als von «Monsieur Cézanne» spricht. Die Aussicht überzeugt ihn. Pablo Picasso kauft sich einen  naturgrossen Cézanne. «Ich habe den Sainte-Victoire gekauft», berichtet der Künstler seinem Kunsthändler Kahnweiler nach Paris. «Welchen?» fragt dieser perplex. «Das Original!» sagt Picasso. Denn er hat zusammen mit dem Schloss gleich noch 1100 Hektaren Land erworben, meist Wald und eben die kahlen Abhänge des Sainte-Victoire – just auf der Gegenseite der Berghänge, die Cézanne so oft gemalt hat.
Picasso ist 77 Jahre alt, aber laut Fotografien berühmter Fotografen fit und gut in Schuss, muskulös und schlank. Er bezahlt 150 000 Schweizer Franken nach damaligem Geld und steckt nochmals halb so viel in die Renovation. Doch richtig wohnlich wird es hier nie. Kahnweiler erinnerte sich stets an das Atelier, in dem es immer zog. In Vauvenargues zog das Genie mit seiner zweiten Ehefrau Jacqueline Roque ein, einer Keramikverkäuferin im Atelier in Vallauris, in dem Picasso seine Passion für die Keramik entdeckt hatte. Er hatte sich mit seiner Gefährtin Françoise Gilot und dem gemeinsamen Sohn Claude in Vallauris niedergelassen, in einem vergleichsweise bescheidenen Haus. Hier kam die Tochter Paloma zur Welt. Mit zwei anderen Frauen hatte Picasso bereits zwei weitere, ältere Kinder, Paulo von der russischen Ehefrau Olga und Maya mit seiner Geliebten Marie-Therese Walther.

Unerwartete Wende

In Vallauris widerfuhr Picasso etwas, das er nie erwartet hätte: Eine Frau brachte den Mut auf, ihn zu verlassen. Sonst war es immer umgekehrt gewesen. Doch Françoise Gilot verliess ihr Genie, und als er alleingelassen war, schloss sich Picasso an die Verkäuferin Jacqueline an, die 45 Jahre jünger war als er. Doch auch für sie liess er sich nicht von Olga scheiden, weil er sein Vermögen nicht teilen mochte. Auch als Olga gestorben war, wartete das Genie noch ein paar Jahre, bis er die schöne, brünette Jacqueline heiratete. Sie brachte ihre Tochter Catherine mit, die heutige Besitzerin des Schlosses.
Der Künstler hatte versprochen, das Schloss Vauvenargues zu füllen. Zuerst platzierte er inmitten der bröckligen Stukkaturen und riesigen Möbel seiner Vorgänger, die hier eine Schule geführt hatten, seine Sammlung unter. Namhaft waren einige Cézannes und mehrere Gemälde von Matisse, den er als seinen eigentlichen Rivalen betrachtete. Aus der gemeinsamen Zeit, als sie mehr oder weniger parallel den Kubismus erfanden und sich den blutjungen Kunsthändler Kahnweiler aus Mannheim und Paris, der als einer der ersten an Picasso glaubte, zum Agenten wählten, gab es wohl auch ein paar Erinnerungsstücke. Doch nun liess sich Picasso im hellsten Raum des Schlosses nieder, um zu malen. Heute noch stehen hier seine Pinsel mit angetrockneter Farbe. Nicht einmal der Staub der vielen Jahre ist entfernt worden. Aber es gibt hier kein einziges Werk mehr zu sehen, nur eine vergleichsweise ärmliche Einrichtung.
Ein Werk gibt es: einen fröhlichen jungen Faun inmitten von Blattwerk, den Picasso auf die Wand über der frei steshenden altmodischen Badewanne im riesigen Badezimmer malte, «damit Jacqueline nicht alleine baden muss». Sie war so angetan von ihrem stummen Begleiter, dass sie wegen des ihn umgebenden Gebüschs eine grüne Gartenbank und drei altmodische grüne Metall-Gartenstühle und einen passenden kleinen runden Tisch kaufte und im Bad platzierte. Ausserdem gibt es noch ein schwerfälliges Doppel-Lavabo. Sonst nichts, kein Kästchen, keine Ablage. Nebenan, im poveren Schlafzimmer, steht die Nachttischlampe auf einem Holzklotz neben dem Bett, vor dem ein roter Teppich mit einem Picasso-Muster liegt.

Streit um Schloss und Villa

Es gibt unzählige Fotos aus Picassos Leben auf Schloss Vauvenargues, von den berühmtesten Fotografen ihrer Zeit. Lucien Clergue aus Arles, der Picasso in der Arena kennenlernte und viele Tausend Fotos von ihm schoss, erzählte bei einem Gespräch in Arles, dass Picasso auch in hohem Alter ein Schürzenjäger und Jacqueline eifersüchtig war. Doch der Maler hielt es kaum zwei Jahre im Schloss aus. Dann zog er nach Mougins, wo er starb. Er wurde in einem Gewölbe des Schlosses aufgebahrt, und als er im Park vor der Freitreppe beerdigt wurde, überzog später April-Schnee Cézannes  Landschaft mit einem weissen Leichentuch. Als sich Jacqueline 1986 in der Villa in Mougins erschoss, wurde sie neben ihrem Mann beerdigt. Kein Grabstein, kein Denkmal kennzeichnet den Ort, nur das einzige gepflegte Rasenrondell. Und eine seltsam unförmige Riesenfigur in Bronze, die die schöne Marie-Therese Walther darstellen soll.
Nach Picassos Tod entbrannte ein wüster Erbstreit. Der Staat Frankreich akzeptierte die Erbschaftsststeuer in Form von Kunstwerken und erhielt die erste Wahl. Der Rest ging an Jacqueline und die Kinder. Die Witwe erbte auch das Schloss und die Villa in Mougins, sodass die Liegenschaften nach ihrem Freitod ihrer Tochter Catherine zufielen. Diese diskutierte lange über eine Öffnung von Vauvenargues für das Publikum und investierte einige Millionen Euro in eine Renovation, um das Schloss einigermassen präsentabel zu machen. Doch die erste Öffnung wird auch die letzte sein. Das Dorf will keinen Massentourismus. So dürfen dieses Jahr 40 000 Besucher mit dem Tropfenzähler eintreten, immer 19 alle 30 Minuten. In Aix kann nachgefragt werden, ob es für den gleichen Tag noch freie Tickets gibt.
Doch das schöne Aix darf nicht verlassen werden ohne den vorgebuchten Besuch im Musée Granet, wo noch einige Monate lang die Ausstellung «Picasso Cézanne» Heerscharen von Besuchenden aus aller Welt anlockt. Eine berührende, berückende Schau von Symbiosen und Seelenverwandtschaften bei völlig anderer Lebens- und Malweise. Der Besuch gehört zum «Itinéraire Picasso» von Avignon bis Antibes (www.picassoenprovencecotedazur.com).
Einen wahrhaftig tiefen Einblick in Picassos Werk gewinnt man nach der Fahrt durch die liebliche Landschaft in den Bauxit-Brüchen von Les Baux en Provence, im «Tal der Hölle», in der «Kathedrale der Bilder». Dieses Jahr ist Picasso an der Reihe. Eine gigantische Lightshow projiziert wechselnde Gemälde in Übergrösse an die hohen Wände, und beim Gang durch die durch den Abbau entstandene Höhle glaubt man, mitten in den Gemälden zu stehen und sie verstehen zu lernen. Umgeben vom monumentalen «Guernica» wird der Mensch ganz klein.

Chagall und Soutine

Monumental ist auch die schlichte Kapelle in Vallauris, in Picassos Keramik-
Mekka. Chagall hatte seine «Message biblique» begonnen, Matisse malte eine Kapelle aus – Picasso fühlte den Wunsch, das Gleiche zu tun. So malte der bekennende Kommunist und Pazifist, dessen Friedenstaube von 1949 heute noch das Symbol des Friedens darstellt, noch unter dem Eindruck des Koreakriegs an einer Wand des Gewölbes ein dumpfes Bild vom Krieg. Die andere Wand erstrahlt in brillanten Farben, mit denen fröhliche Figuren den Frieden verkörpern. In der Nähe von Mougins führt Maya Picassos Tochter Flore, die einzige legale Enkelin, einen sehr abgelegenen Reitstall mitten im Grünen und ein Restaurant mit ausgezeichneter Küche. Die Kinder hatten ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater. Paloma hat die künstlerische Begabung geerbt und entwirft Schmuck und Accessoires.
Antibes dankt mit seiner Hommage im trutzigen Picasso-Museum nahe der malerischen Altstadt mit dem prächtigen provenzalischen Markt dem Maler, der gleich nach dem Krieg hier mehrere Werke malte. Auch hier empfiehl sich eine Buchung. Auf dem Weg zum Museum erfreut ein Weg mit den E-Mail-Kopien von Bildern berühmter Maler, die dem Licht dieser Küste verfallen waren und hier arbeiteten, wie auch Chagall und Chaim Soutine.
Wer alle Behausungen Picassos sehen möchte, auch jene, die unzugänglich für Besucher sind, kommt nicht umhin, den monumentalen dreisprachigen Bildband «Picassos Häuser» von Helge Sobik zu studieren (Feymedia Verlag). Die Fotos sind umwerfend. Ausser den Bildern, die zum kollektiven optischen Gedächtnis des einmaligen Genies gehören, enthält das Werk auch zahlreiche unbekannte Fotos. Sobik hat sorgfältig recherchiert und eine einmalige, originelle Sichtweise auf den Künslter Picasso als Privatmann und Bewohner von wechselnden vier Wänden geschaffen.


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