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19.Juni 2009, Wohnen Beilage Ausgabe: Nr. 25 » June 18, 2009

Möbel aus Schrott

von Katja Behling, June 18, 2009
Israelische Designer kreieren aus Schrott und Abgenutztem höchst innovative Wohnideen. Der Trend passt in eine Zeit wachsender ökologischer Sensibilität und ökonomischer Krisenstimmung.
DESIGNERSTÜCKE VON JUNCTION Originelle Möbel aus Objekten, die ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet wurden

Was dem einen sein Müll, ist dem anderen sein Rohstoff. Ob Plastikkasten oder Herdplatte – immer mehr Designer führen Altmaterialien aus der Wegwerfgesellschaft neuer Verwendung zu. Und beweisen dabei viel Gespür für Innovation und Fantasie. Junktion, das ist ein junges Team israelischer Designer, das für seine Produkte Gegenstände benutzt, die anderen nichts mehr wert sind. Der Name ist Programm: Aus «Junk» mach neu, neu in Funktion und Ästhetik. Durch originelles Design ihrem ursprünglichen Zweck entfremdet, werden abgelegten Alltagsgegenständen erstaunliche Gebrauchsmöglichkeiten für eine Zweitkarriere eröffnet. Aus Koffern werden Medizinschränkchen, Teekannen erleben ihr Revival als Lampe, aus Herdplatten und Kochfeldern entstehen Zifferblätter für originelle Wanduhren. Hier wird ausdrücklich das berühmte Gestaltungs-Prinzip nicht nur der Bauhaus-Anhänger ins Gegenteil verkehrt – hier heisst es: «Form does not follow function.»

Grüner Lifestyle

Gegründet 2008 in Tel Aviv, basiert das Unternehmen Junktion auf der Grundidee der Kreativitätstheorie: Altes mit neuen Augen sehen und in ungewohnten Zusammenhängen. Die Junktion-Wohnprodukte passen nicht nur in eine design-verliebte Welt. Mit ihrem Konzept von Recycling und Nachhaltigkeit kommen sie in Zeiten von Weltwirtschaftskrise und Öko-Bewegung wie gerufen, leisten sie doch einen Beitrag zur Diskussion um bessere Ressourcennutzung und Abfallvermeidung. Die Möbelindustrie rechnet mit einer steigenden Nachfrage, denn effektive Bewirtschaftung der Rohstoffe, wiederverwertbare Materialien, umweltschonende Herstellungsprozesse und schadstoffarme Verarbeitung sind gefragt. Recycelte Möbel und Wohnprodukte passen zum modernen grünen Lifestyle und einem jungen Lebensgefühl. Zwar sind die ursprünglich verwendeten Materialien oft alles andere als umweltfreundlich, aber weiterverwendet landen sie wenigstens nicht vorschnell auf dem Müllberg. Und das Beste – nach Müll, Notlösung oder Resteverwertung sieht keines der Junktion-Produkte aus.

Form folgt nicht Funktion

Impulse gibt es in Hülle und Fülle, der Erfindergeist der Designer kennt offenbar kaum Grenzen: Ein altes Fahrrad wird zum Sitzmöbel – aus dem Ledersattel, den Pedalen sowie Reifen und Ständer basteln die Designer einen Barhocker. Der grosse Aluminiumkochtopf braucht nur eine weiche Textilabdeckung, um als Schemel zu dienen. Das gläserne Bullauge der Öffnungsklappe einer Waschmaschine fungiert als edle Salatschüssel. Ensembles aus Kupferrohrstücken und Wasserhähnen als Haken mutieren zur Wandgarderobe. Poppige Kunststoff-Fernsehkästen aus den siebziger Jahren leben als Bildschirm-Leuchten fürs Wohnzimmer weiter. Die Kabelschnur alter Tele-fonapparate ersetzen die Designer gegen ein Stück Duschschlauch aus Metall, nun schwebt der klobige Hörer mit Lämpchen in der Sprechmuschel dreissig Zentimeter über der Wählscheibe: fertig ist die Schreibtischlampe. Für Glanz und Licht in der Küche sorgt ein vielarmiger Kronleuchter, dessen Glühbirnen in reflektierenden, silbrigen Teekännchen stecken. Die «kitchen people», witzige Kleinskulpturen aus Küchenutensilien wie Schneebesen, Spülbürste und Teelöffel, wirken beinahe wie eine Hommage an den Schweizer Künstler Jean Tinguely, der ab Mitte der fünfziger Jahre mit seinen beweglichen Plastiken aus Draht, Blech, Fundstücken und allerlei Schrottteilen Weltruhm erlangte. Auch Synagogengestühl – ein Hammer ersetzt das kaputte Stuhlbein – sowie neu verkleidete Sichtschutz-Paravents, wie sie früher in Krankenhäusern üblich waren, entstehen im Studio der israelischen Tüftler. Nahezu profan – weil kaum mehr als funktionell umgewidmetes Ausgangsprodukt erkennbar – wirken hingegen die weissen Kerzenständer: Man muss schon genau hinsehen, um darin Keramik-Teile aus dem Elektrofachhandel zu erkennen. Natürlich machen die findigen Designer auch bei sich selbst und ihrer Eigendarstellung nicht halt. Das Firmen-Logo prangt stilecht auf einer Obstkiste – «Anything can be beautiful» – «Alles kann schön sein».


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