logo
19.Juni 2009, Wohnen Beilage Ausgabe: Nr. 25 » June 18, 2009

Geschichten aus der Vergangenheit

von Dania Zafran, June 18, 2009
Das einstige Wohnhaus des israelischen Nationaldichters Chaim Nachman Bialik in Tel Aviv wurde vor einem halben Jahr nach längerer Restaurationsphase wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
VOLLSTÄNDIG RESTAURIERTER AUSSENBEREICH Hier empfing Bialik seine Gäste

Die Bialik-Strasse in Tel Aviv ist eine der schönsten der Stadt. Bauhaus, eklektischer Stil oder Wohnblöcke aus den achtziger Jahren – architektonisch ist an dieser kleinen, ruhigen Strasse, einer Oase nahe der lärmigen Allenby, alles vertreten. Zurzeit werden hier diverse historische Gebäude renoviert oder sind bereits wieder für die Öffentlichkeit zugänglich, unter anderem das Rubin-Museum, ehemaliges Wohn- und Arbeitshaus des gleichnamigen Malers, das Bialik-Haus sowie das ehemalige Stadt- und Wohnhaus des ersten Bürgermeisters von Tel Aviv, Meir Dizengoff. In den Jahren vor der Staatsgründung liessen sich hier viele Intellektuelle und Künstler nieder, die Bialik-Gegend wurde zu einem wichtigen Treffpunkt für die geistige Elite und Kulturszene. 1922 hatte der grosse hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik am Ende der Strasse ein Stück Land gekauft, wo er sein späteres Wohnhaus bauen liess. 1924 zog Bialik mit seiner Frau Mania in die fertiggestellte Villa. Für Tel Aviv bedeutete der Zuzug des bedeutenden Dichters, Journalisten, Verlegers und Übersetzers enorm viel und war eine grosse Ehre. Meir Dizengoff versprach Bialik, die Strasse im Zentrum der Stadt nach ihm zu benennen, was noch zu Bialiks Lebzeiten geschah, zudem zügelte Dizengoff in das Stadthaus an den Platz neben Bialiks Villa, der fortan Bialik-Platz heissen sollte.

Verbindung von Ost und West

Hinter der derzeitigen Renovationswelle in der Gegend steht die enthusiastische Kuratorin und Direktorin des Bialik-Hauses, Ayelet Bitan Shlonsky. Sie möchte die Bialik-Strasse und vor allem das Bialik-Haus mit neuem Leben füllen und den Geist Bialiks wieder aufleben lassen.    
Nach Bialiks Tod im Jahre 1934 zog auch seine Witwe Mania weg und das Haus beherbergte während vieler Jahre die hebräische Schriftstellervereinigung. Danach war bis 1980 eine Kinderbibliothek im Haus untergebracht – im Andenken an Bialiks grosses Engagement für Kinder und seine reiche Kinderliederdichtung, die bis heute ein Teil des israelischen Kulturgutes isr. In der Zeit wurden die Originalwände im Haus überstrichen und das Prachthaus, mittlerweile im Besitz der Stadt Tel Aviv-Yafo, drohte, seinen einstigen Glanz zu verlieren. Auf die Initiative von Ayelet Bitan Shlonsky hin wurde das einstige Wohnhaus in den vergangenen drei Jahren vollständig renoviert und restauriert, und seit Januar ist das Gebäude der Öffentlichkeit als Museum und Kulturzentrum zugänglich. Seither besuchten bereits 40 000 Menschen das farbenprächtige, schillernde Haus – ein unglaublicher Erfolg für Ayelet Bitan Shlonsky. Auch zu Bialiks Lebzeiten war sein Wohnhaus nie nur Privatrefugium, sondern ein Ort der Begegnung. Das Haus stand an bestimmten Tagen der breiten Bevölkerung offen, Bialik empfing Hilfesuchende, die von ihm Unterstützung in diversen Belangen wollten, aber auch Künstler und Kulturschaffende zum intellektuellen Austausch.
Das Bialik-Haus ist im eklektischen Stil gebaut, vereint diverse Baustile in sich. Das Gebäude ist reich an Symbolik, die vor allem im Inneren des Hauses zum Ausdruck kommt. Die Fassade ist ein Mix aus Ost und West, ein Holzerker neben einem moscheenhaften Türmchen und Lotusblüten-Tapeten neben ägyptischen Säulen. Der Eingangsbereich im Parterre und die zwei angrenzenden Zimmer, Gäste- und Esszimmer, dienten Bialik als öffentliche Räume, in denen er seine Gäste empfing. Hier wurde alles originalgetreu restauriert, die blauen, grünen und roten Wände, die Keramikböden und die farbigen Säulen aus Bezalel-Plättchen mit den zwölf jüdischen Stämmen und den zwölf Sternzeichen drauf. Besonders zwei Keramik-Plättchen ziehen den Blick auf sich: Die Zeichnung der Judäa-Capta-Münze aus römischer Zeit, welche die Zerstörung des jüdischen Tempels darstellt, und als Gegenstück
eine Zeichnung der Juden, die aus der Gefangenschaft befreit werden.

Archiv bald öffentlich

Bialik war ein Mann der Öffentlichkeit, sonst hätte er den Gästeraum wohl nicht so gestaltet. Seine Vision von der Heterogenität des Judentums und die Betonung der Verschiedenheit der zwölf Stämme Israels kommen im einzigartigen Gästezimmer zum Ausdruck. Unter dem Eingangsbereich liegt das umfangreiche Archiv mit den Schriften Bialiks, das jahrzehntelang unter falschen Bedingungen gelagert wurde. Im Zuge der Restaurierungsarbeiten wurde die Lagerung des Archivs jetzt professionalisiert, es wurde ein Entlüftungs- und Entfeuchtungssystem eingebaut. Künftig soll ein Teil des umfangreichen Bialik-Archivs der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Im Esszimmer, wo noch immer die Originalmöbel stehen, fällt der Blick durch die Fenster hinaus auf die vom Dichter gepflanzten Erdbeer- und Mandelbäume im Garten.
Über eine Holztreppe gelangt man in den ersten Stock, zu Bialiks umfangreicher Bibliothek sowie zu seinem einstigen Arbeitszimmer und zum Schlafzimmer des Ehepaares. Da das Bett und andere Möbel nicht mehr vorhanden sind, wurde das Schlafzimmer in ein Kinderzimmer umfunktioniert. Eine Auswahl an Bialiks schönsten Kinderbüchern liegt den kleinen Museumsbesuchern bereit, aus jedem wurde eine Illustration gewählt, vergrössert und aus Holz gefertigt an die Wand gehängt. Original-Kinderzeichnungen aus den zwanziger Jahren, die Schulkinder einst für Bialik zeichneten, bestätigen, dass damals wie heute von Kindern gemalte Bilder gleich aussehen. Bialiks Manifest über Kinder und Erziehung hängt an der Wand; Kinder müssen gefordert und gefördert werden, davon war der Autor, der selber sein Leben lang kinderlos blieb, überzeugt.
Angrenzend liegt das ehemalige Arbeitszimmer des Dichters, auch da stehen sich Ost und West gegenüber, zeitlebens Themen Bialiks; in einer Ecke des hellen Raumes die Wasserpfeife, dann auf einem Tischchen das Schachbrett. Ein grosses Gemälde von Ehefrau Mania ziert die Wand, ein anderes zeigt den Dichter mit seinem langjährigen Freund Jehoschua Ravnitzky, mit dem er das «Sefer Haaggada», das Buch der Legenden, eine Anthologie rabbinischer Legenden, herausgab, die noch heute in Israels Schulen zum Standardwerk gehört.
Das Bialik-Haus dient heute auch als Kulturzentrum und organisiert nebst Führungen durch das Haus auch Lesungen verschiedener nationaler Autoren. Der Geist Bialiks und seine Überzeugung, das Haus auch der breiten Bevölkerung zugänglich zu machen, werden damit weitergetragen. 


Bialik-Haus, Bialik-Strasse 22, Tel Aviv, Telefon 00972 (0)3 525 45 30, Öffnungszeiten Montag–Donnerstag, 11.00–17.00 Uhr, Freitag und Samstag, 10.00–14.00 Uhr.





» zurück zur Auswahl