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19. Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 25 Ausgabe: Nr. 25 » June 18, 2009

Was ist in Eli Yishai gefahren?

June 18, 2009
Avirama Golan zur Lage in Israel

Was ist mit Eli Yishai geschehen, dem Vorsitzenden der Shas-Partei? Wer seine Karriere verfolgt hat, ist heute schockiert über seine rechtsgerichtete und ultraorthodoxe Wende. Yishai scheint die konservativste ultranationalistische und antiliberale Politik zu vertreten. Sprechen wir von demselben Yishai, der sich vor 20 Jahren – ein scheuer und sympathischer junger Mann – zusammen mit anderen brillanten, energischen und weltoffenen Altersgenossen in Arieh Deris Schatten verkrochen hatte?



Neben Yishai waren da unter anderem der Anwalt Sinai Gilboa, Vize-bürgermeister von Petah Tikva, sein Assistent Yehuda Avitan (inzwischen ebenfalls Anwalt) und der Jerusalemer Bauunternehmer und Computerfachmann Akiva Aton. Sie repräsentierten einen neuen, faszinierenden Lebensstil, in dem Bildung und Aufklärung nicht mit dem religiösen Glauben im Widerspruch standen, sondern vielmehr harmonisch mit der traditionellen sephardischen Welt der Juden aus Nordafrika und dem Nahen Osten zusammengingen.

Sie erbrachten den Beweis, dass es möglich ist, in der alten Synagoge in der Nachbarschaft zu beten, von dort zur Arbeit und an die Universität zu gehen, mit den Leuten von Meretz und den sogenannten Tauben der Arbeitspartei zu kooperieren, den Frieden zu unterstützen und die Hand des Rabbiner Ovadia Yosef zu küssen, dessen halachische Version des Grundsatzes «Gebiete für Frieden» von linken Intellektuellen begeistert zitiert worden ist.

Als Deri ins Gefängnis wanderte, zerstreute sich die Gruppe in alle Winde. Einzig Yishai überlebte in der Politik. Sein derzeitiges Verhalten – die Forderung, Arabern die Staatsbürgerschaft zu verweigern, seine eindeutig «falkenhafte» Weltanschauung und vor allem seine Verpflichtung den Siedlern gegenüber – löst Erstaunen aus. Es tritt eine Sehnsucht nach der früheren Shas-Partei und nach Deri auf, der vom damaligen Regierungschef Itzhak Rabin mitten in der Nacht zu Konsultationen eingeladen wurde, der während des Golfkriegs von 1991 die Durchsetzung der militaristischen Ideen der Regierung verhinderte und der die Zensur für Filme und Theater abschaffte.

Die deprimierende, konservativ-ultrareligiöse Umwälzung, die Yishai durchgemacht hat, ist keine persönliche Angelegenheit. Vielmehr ist sie das Ergebnis einer vorsätzlichen sozioökonomische Massnahme. In den frühen achtziger Jahren stammten die Shas-Wähler aus den Armenvierteln der Gross- und Entwicklungsstädte. Sie standen dem durchschnittlichen säkular-traditionellen Israeli näher als den Ultraorthodoxen.

In den Siedlungen, deren Förderung und Ausweitung Menachem Begin versprochen hatte, lebten Hanan Porat und seine Freunde, Juden europäischen Ursprungs mit gehäkelten Käppchen auf dem Kopf. Die durchschnittlichen Unterstützer von Shas, die in den staatlich-religiösen Schulen unter Rassismus litten, fühlten sich entfremdet und ausgeschlossen.

Mit der grosszügigen Unterstützung der offensichtlich zentristischen Demokratischen Bewegung für Veränderung (Dash) beschloss die Regierung Begin in den späten siebziger Jahren, so viele Siedlungen wie nur möglich zu bauen. Neben einer Wirtschaftspolitik der Privatisierung, die den Armen Unterstützungzukommen liess – effektiv wurde damit die Zerstörung des Wohlfahrtsstaates eingeleitet –, offerierte die Regierung Begin preisgünstige Wohnungen und ein bequemes Leben in den Gebieten. Die Regierungen Ariel Sharon und Ehud Olmert bekräftigten diesen Prozess und definierten ihn klar als sozioökonomisch orientiert.

Das Resultat war eine profunde Veränderung des Siedlungskonzepts. Die «klassischen» Siedler diktieren nach wie vor die Politik, und die Söhne und Enkel der ersten Shas-Unterstützer wohnen in Jerusalemer Vororten wie Givat Zeev und Neve Yaacov oder in der Westbank-Siedlung Betar Illit – in allen jenen Orten, in die man aufgrund des immer teureren Lebensstandards innerhalb der «grünen Linie» fliehen konnte. Neben der Verbesserung des Lebensstandards verhalf das neue Domizil ihnen zu einer besseren Identität als Pioniere. Nicht zufällig sagte Deri zehn Jahre nach dem Beginn dieses Prozesses, die Shas-Leute seien die «wahren Zionisten».

Mit Hilfe dieser sektiererischen Identität war es für die Rabbiner und Prediger von Shas ein Leichtes, die Rückkehr zu Religion und Ultraorthodoxie zu fördern. Gleichzeitig wurde die Hauptrichtung der nationalreligiösen Misrachi von einem immer stärkeren sogenannten Hardali-Strom überschwemmt («hardali» ist das hebräische Kurzwort für eine Kombination von ultraorthodox und nationalreligiös). Sie alle trafen sich am Patriarchengrab in Hebron und am Grab der Rachel in Bethlehem und vereinigten sich gegen «die Linken» und gegen «die Araber».

Die Übernahme des Extremismus durch die Führungsschicht der Siedlerbewegung nach der Räumung der Siedlungen in Gaza (die vor allem die Armen betraf, welche dort ihre Wohnbedingungen merklich verbessert hatten) riss auch jenes Publikum mit, das sich der Bewegung erst kürzlich angeschlossen hatte. Heute gehen die meisten Shas-Wähler nicht mehr am Morgen in die Synagoge und am Nachmittag zum Fussballspiel. Sie sind vielmehr aktive Siedler oder Brüder, Cousins oder Freunde von Siedlern. Ihre Frauen tragen Kopftücher, ihre Kinder sind in allen Beziehungen Ultrareligiöse, und alle sind sie rechtslastig.

An dieses Publikum richten sich Eli Yishai und sein Rabbiner. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, wollen sie doch nicht riskieren, ohne Partei zurückzubleiben. Binyamin Netanyahus Regierung erntet die Früchte, welche die Regierung Begin-Dash gesät hat. Die Linke, welche das Aufkommen dieser Politik zugelassen hat, kann sich bisher nicht erklären, was in Eli Yishai gefahren ist.    



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