Gur, Wischnitz und Modzitz
Tel Aviv war bis vor etwa 50 Jahren die bevorzugte Residenz bekannter chassidischer Rabbiner und ihrer Gefolgschaft. Sie schufen eine Welt, deren Grösse und Qualität sich problemlos vergleichen lassen mit den Gemeinden in Zentral- und Osteuropa vor dem Holocaust. Zwischen den frühen dreissiger Jahren bis in die siebziger Jahre gab es mehr als 20 Admorim (chassidische Rebbes). Einige von ihnen waren berühmte Männer, die nach Israel einwanderten, wo sie ihre aus Osteuropa geretteten Dynastien am Leben erhielten. Dabei wählten sie Tel Aviv zu ihrem Zentrum, weil sie der Meinung waren, die Stadt eigne sich für den Wiederaufbau ihrer «Höfe».
Eine chassidische Stadt
Einige der Admorim galten als Zaddikim, aussergewöhnlich rechtschaffene Menschen, denen die Fähigkeit zugesprochen wurde, «Rettungs- und Erlösungsakte» zu vollziehen. In schwierigen Zeiten berieten sie sich gegenseitig sogar mit nicht religiösen Personen, die sie in ihrem Heimen aufsuchten. Nicht selten warteten auch nicht religiöse Einwohner von Tel Aviv auf die «Bürostunden» der Rebbes, um einen Segen oder einen guten Ratschlag zu erhalten. Es geziemt sich anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums vom Tel Aviv, einer Festung des israelischen Säkularismus, daran zu erinnern, dass die Stadt auch die erste chassidische Stadt des Landes war. Mit dem Tod der berühmtesten Admorim Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre begann dieser Titel aber seine Bedeutung zu verlieren. Hinzu kam, dass die Zahl der Chassidim zunahm, was ihren Bedarf nach neuen, grösseren Wohnvierteln und Studienzentren erhöhte. Schliesslich übernahm das benachbarte Bne Brak die Rolle des Zentrums der chassidischen Welt.
Tel Aviv erwies sich als speziell attraktiv für die Rebbes der Radziner Dynastie, die bis zum Zweiten Weltkrieg zu den grössten und wichtigsten in Osteuropa gehörten. Der Admor von Hosiatin immigrierte in den dreissiger Jahren nach Israel und lebte an der Bialik-Strasse. Yaacov Friedman, der Admor von Sadagora, errichtete seinen chassidischen Hof an der Kreuzung der Strassen Ahad Haam und Nachmani.
Rund 700 Gebetsstätten
Der nicht zuletzt für seine chassidische Musik bekannte Wischnitzer Rebbe Haim Meir Hager lebte an der Lilienblum-Strasse. Jeden Freitag pilgerten Hunderte von Menschen zu ihm, um seine Gebete und Gesänge zu hören. Der ebenfalls für seine Melodien berühmte Modzitzer Rebbe Shmuel Eliyahu lebte zuerst im Süden von Tel Aviv, bis seine Gemeinde grosszügigere Räumlichkeiten an der Ditzengoff-Strasse errichtete. Aber auch die Rabbiner Aharon Rokach (Belz) und Avraham Mordechai Alter (Gur) liessen sich in Tel Aviv nieder. In den fünfziger und sechziger Jahren zählte man in Tel Aviv nicht weniger als rund 700 chassidische Gebetsstätten. Allein die Gerer Chassidim betrieben mehr als zehn von ihnen. Heute sind es nur noch deren vier. Die Anwesenheit der Chassidim in Tel Aviv war geprägt von Respekt und Toleranz der säkularen Gemeischaft gegenüber.


