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Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » June 4, 2009

Schreiben gegen das Schweigen

June 4, 2009
Das Werk der Amsterdamer Autoren Leon de Winter und Jessica Durlacher behandelt die Auswirkungen des Holocaust auch auf die Nachgeborenen. Das Schriftstellerpaar kämpft gegen das Vergessen und für interreligiöse Verständigung.
AUSZEICHNUNG FÜR DEN DIALOG Leon de Winter (l.) mit der deutschen Schauspielerin Iris Berben und dem einstigen deutschen Regierungssprecher Carsten Uwe Heye bei der Übergabe der Buber-Rosenzweig-Medaille 2006

In den letzten Monaten haben Spannungen im jüdisch-christlichen Verhältnis den Dialog zwischen Juden, Christen und auch Muslimen beeinflusst und ein neues Kapitel in der Geschichte des Bemühens um interreligiöse Verständigung eröffnet. Der Nahe Osten mit seinen Konflikten zwischen Israeli und Palästinensern, zwischen der Welt des Westens und der Welt des Islam, ist eines der interkulturell und interreligiös schwierigsten Terrains weltweit. Vor diesem Hintergrund war die Nahost-Reise des Papstes Mitte Mai, während der Benedikt XVI. die heiligen Stätten von Christen, Muslimen und Juden besuchte, von grosser symbolischer Bedeutung. Die Pilgerfahrt des katholischen Kirchenoberhauptes rückte die Beziehungen zwischen den Religionen als eine der grössten Herausforderungen der heutigen Welt einmal mehr in den Fokus der globalen Aufmerksamkeit. Auch viele Intellektuelle meldeten sich, nicht nur in deutschsprachigen Medien, immer wieder zu Wort. Darunter der streitbare Amsterdamer Schriftsteller Leon de Winter. Er setzt sich seit Langem für die interreligiöse Verständigung ein und wurde für sein Wirken bereits ausgezeichnet. Der Niederländer ist seit 2005 Träger der Buber-Rosenzweig-Medaille. Mit der Auszeichnung werden Persönlichkeiten, Institutionen und Initiativen geehrt, die sich um die Verständigung zwischen ethnischen und religiösen Gruppen verdient gemacht und insbesondere einen Beitrag für die christlich-jüdische Zusammenarbeit geleistet haben.

Einforderung von Toleranz

In der Laudatio hiess es, geehrt werde mit ihm «ein Schriftsteller, der mit Mut und Furchtlosigkeit und auf unkonventionelle Art die Schwachstellen der europäischen Gesellschaft» aufzeige. Vor Tabu-Verletzungen scheut Leon de Winter nicht zurück. Der internationale Bestsellerautor gilt nicht nur als grosser Erzähler und kultureller Brückenbauer, sondern auch als scharfer Kritiker des islamischen Fundamentalismus: Vor allem zu den Konflikten in seinem Heimatland wie den Morden an dem Politiker Pim Fortuyn und dem Filmemacher Theo van Gogh sowie zum Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen hat er in pointierten Texten Stellung bezogen. Leon de Winter tritt vehement als Verteidiger freiheitlich-demokratischer Werte westlicher Demokratien auf, als leidenschaftlicher Verfechter von Errungenschaften wie Presse-, Kunst- und Meinungsfreiheit. Als Kämpfer für die Werte offener, säkularisierter Gesellschaften, die «keine Sonderbehandlungen für Religionen gestatten können». Ein Paradebeispiel für eine solche offene, tolerante Gesellschaftsform sind die Niederlande. Doch die freiheitliche Gesellschaftsform und vor allem ihre Werte sind nicht selbstverständlich, sondern müssen immer wieder eingefordert und verteidigt werden. In einem Radio-Interview mit der «Deutschen Welle» ging Leon de Winter im Zusammenhang mit dem Karikaturenstreit seinerzeit unter anderem auf die seiner Meinung nach mangelnde Bereitschaft vieler Emigranten ein, sich westlichen Lebensgewohnheiten anzupassen: «Diese Einwanderer – ein Grossteil davon – haben sehr grosse Schwierigkeiten mit der Anpassung an die Kompromissgesellschaft und diese Kompromissfreudigkeit ist natürlich für Holland etwas sehr Wesentliches.»
Leon de Winter wurde 1954 in ’s-Hertogenbosch als Sohn orthodoxer, niederländischer Juden geboren. Mehr als zwei Jahre lang versteckten sich seine Eltern vor den Nazis an unzähligen Orten, immer wieder verraten, immer wieder auf der Flucht. Ohne ihren nächsten Angehörigen zuvor etwas davon gesagt zu haben, waren sie mit Hilfe einer Widerstandsgruppe aus Nonnen und Mönchen untergetaucht. Dass sie sich nie von ihrer Mutter, ihren Schwestern hatte verabschieden können, quälte seine Mutter bis zu ihrem Tod. Und kein einziges Familienfoto hatte den Krieg überdauert. Seine Onkel und Tanten und Cousins und Cousinen blieben für Leon de Winter genauso unsichtbar wie seine Grosseltern: Es ist kein einziges Bild von ihnen erhalten. Lebendig wurden sie, wenn seine Mutter von ihnen erzählte. Viele Jahre später wurde ihm bewusst, dass er diese Trauer selbst mehr und mehr zu übernehmen begann. Schon als Zwölfjähriger begann Leon de Winter mit dem Schreiben – um den frühen Tod seines Vaters zu begreifen und zu verarbeiten. Mitte der siebziger Jahre legte Leon de Winter einen ersten Band mit Erzählungen vor. Stets führt er die Figuren seiner Romane und Filme an den Fäden durch die Handlung, an denen wir alle hängen: Tradition, Religion, Familiengeschichte, Weltgeschichte. Und stets wählt der Autor die Flucht nach vorn, hat keine Scheu, sich zu zeigen, weder seine Angst, seine Wut, seine Sehnsüchte noch seine Liebe. Leon de Winters Romane sind komplexe Alltagsgeschichten, die das Faktische mit dem Phantastischen verbinden. Im Jahre 1990 erschien der Roman «Hoffmans Hunger», mit dem er wenig später auch in Deutschland den Durchbruch schaffte. «Hoffmans Hunger» ist die Geschichte eines holländischen Diplomaten im Osteuropa kurz vor dem politischen Umbruch des Jahres 1989. Dieses Werk ist sowohl die melancholische Geschichte einer jüdischen Familie als auch ein Reflexion über das 20. Jahrhundert mit allen seinen Grausamkeiten – viele halten «Hoffmans Hunger» für Leon de Winters bestes literarisches Werk. «Ich wollte einen Mann beschreiben, der voller Wut auf die ganze Welt ist, der sich mit Gott anlegen würde, wenn es einen gäbe», so Leon de Winter. Meist drehen sich seine Romane, mehrere davon wurden auch verfilmt, um Sinn suchende Männer mittleren Alters, für die die Themen Selbstfindung, Judentum, die Auseinandersetzung mit den Eltern, Tod, Trauer und Entfremdung eine grosse Rolle spielen.
Doch Leon de Winter profilierte sich nicht nur als erfolgreicher belletristischer Erzähler, sondern auch als kritischer Kommentator. In zahlreichen Meinungsartikeln, Kolumnen, politischen Kommentaren, Leitartikeln und Interviews hat er sich zum Weltgeschehen geäussert, insbesondere zum Verhältnis der Religionen. In seiner Kurzgeschichte «Wo ist Jack Bauer?», die Anfang Mai in «Die Literarische Welt» erschien, entwirft Leon de Winter ein Zukunftsszenario: Im Juni 2010 ist Barack Obamas Tante entführt worden, von einem muslimischen Kenianer aus dem Stamm seines Vaters. Obama muss sich entscheiden, was mit dem Mann passiert, der um ihren Verbleib weiss. In grosser Not entscheidet sich der Präsident, «der Führer der freien Welt», für das Unmögliche: die Folter. «Es geht um das Böse der Folter gegen das Böse des Todes», heisst es im Text. «Du hast nicht die Wahl zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln.» Der Titel der Erzählung spielt auf den TV-Helden der in den USA seit rund sieben Jahren äusserst populären Politthriller-Serie «24» an. Jack Bauer ist ein skrupelloser Anti-Terroragent, der die Welt retten oder den US-Präsidenten vor Anschlägen bewahren muss. Leon de Winters Jack-Bauer-Story erschien, aus dem Englischen übersetzt, in seiner deutschen Version zu Beginn einer Ära des Kurswechsels in Amerika: Schon kurz nach seiner Amtseinführung entsand US-Präsident Obama Signale der Entspannung in die arabische Welt und ging dafür auf mehr Distanz zu Israel. Anfang April hatte Leon de Winter in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung «Die Zeit» unter der Überschrift «Besessen vom Leid» das in seinen Augen obsessive Interesse Europas am Nahost-Konflikt einerseits und das im Vergleich dazu überraschende Desinteresse an den Toten in den Konfliktherden zwischen der Demokratischen Republik Kongo und dem Sudan andererseits angeprangert. Leon de Winters These: Europa hätschelt die Palästinenser und dämonisiert Israel, um sich von seiner Schuld am Holocaust zu befreien.  

Die Nachkriegsgeneration

Leon de Winters Frau Jessica Durlacher ist eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Niederlande. Sie arbeitete als Literaturkritikerin und Herausgeberin, bevor sie sich dem belletristischen Schreiben zuwandte. Sie wurde 1961 in Amsterdam geboren und ist die Tochter des deutschen Soziologen und Schriftstellers Gerhard Durlacher, der als einziger seiner jüdischen Familie den Holocaust überlebte – auch in Durlachers Romanen geht es um die Kinder von Überlebenden der NS-Zeit.
Durlachers Roman «Das Gewissen» entwickelte sich kurz nach Erscheinen 1997 zum bestverkauften Debüt in Holland und bekam mehrere wichtige nationale Auszeichnungen. Einfühlsam zeichnet Jessica Durlacher das Bild einer jungen, moralisch scheinbar gleichgültigen Nachkriegsgeneration und deren Konfrontation mit der Biografie ihrer Eltern. Auch in «Die Tochter» verhandelt Durlacher das Leben der Nachgeborenen im langen Schatten einer grausamen Vergangenheit, erzählt durch den Filter einer zum Scheitern verurteilten Liebesgeschichte. Ausgangspunkt ihres Schreibens war auch für Durlacher die eigene Biografie: Ihr Vater, der dem Tod in Auschwitz entkam, schrieb Berichte und Erzählungen über seine Erfahrungen und wurde in den Niederlanden ein wichtiger Zeitzeuge. In «Das Gewissen» beschreibt Jessica Durlacher, wie eine solche Vergangenheit die gesamte Familie prägt, in welcher Weise sich Kinder von KZ-Überlebenden schuldlos schuldig oder auch hilflos zornig fühlen gegenüber den traumatisierten Eltern – schuldig, weil sie selber alle Zukunftschancen haben, wie Max, einer von Jessica Durlachers Protagonisten, sagt. Geradezu besessen forschen Durlachers Figuren vor dem Hintergrund der traumatisierenden Vergangenheit nach ihrer Identität – wobei dies auch bedeuten kann, die Lebensgeschichte der Eltern von sich zu weisen, abzuwehren.
In ihrem 2006 erschienenen Roman «Emoticon» fächert die niederländische Autorin das Drama der israelisch-palästinensischen Konflikte auf. Sie legt den Finger exakt in die offene Wunde des Konfliktes. Das Buch thematisiert die schwierige Identitätssuche angesichts der Zerrissenheit des Nahen Ostens und kündet von feinem Gespür und Verständnis für beide Seiten: Eine Frau, Esther, Niederländerin und Tochter eines jüdischen Vaters, kommt mit der Palästinenserin Aischa ins Gespräch und erzählt der Fremden vom Sohn ihrer Freundin, der sich als Freiwilliger bei der israelischen Armee gemeldet habe. «Juden haben keine Ahnung, wie es bei uns zugeht», sagt Aischa schroff. «Alle finden, dass der Krieg aufhören muss», entgegnet Esther. Auch in «Emoticon» befasst sich Durlacher mit den bewussten und unbewussten Prägungen durch das Erleben der NS-Zeit. Esthers Vater war in Konzentrationslagern, wovon er seiner Tochter unaufhörlich erzählte, später studierte sie an der Universität die Tagebücher von im Krieg untergetauchten Juden. Ihre Freundin Lola, deren kalifornische Mutter ebenfalls Jüdin war, scheint hingegen frei von den Traumata der Vergangenheit aufgewachsen zu sein und sich kaum mit dem jüdischen Erbe auseinanderzusetzen. Esther aber wird sich nach und nach der Last ihrer Familiengeschichte bewusst und steht der gegenwärtigen politischen Situation im Nahen
Osten naiv, aber kritisch gegenüber.

Identitätssuche als Lebensthema

Es gibt Parallelen zwischen den Romanen von Jessica Durlacher und ihrem Ehemann Leon de Winter, der seinerseits die Brüche des jüdischen Gegenwartslebens literarisch thematisiert. Und es gibt auch Parallelen zu den Werken anderer als Nachkommen von NS-Verfolgten aufgewachsenen Schriftsteller. In einem vor einem Jahr von der Frauenzeitschrift «Brigitte» anberaumten Interview-Gespräch zwischen Jessica Durlacher und ihrer gleichaltrigen Schriftstellerkollegin Gila Lustiger, Tochter des jüdischen Historikers Arno Lustiger, entdeckten die beiden Autorinnen viele Gemeinsamkeiten. Beide seien im Alter von 13 Jahren magersüchtig geworden – in «Das Gewissen» heisst es, die 13-jährige Tochter hielte sich bei Tisch immer zurück, damit der Vater, ein KZ-Überlebender, der ständig hungrig sei, mehr zu essen habe. Sowohl Jessica Durlachers als auch Gila Lustigers Vater haben das KZ überlebt, aber nie darüber gesprochen. Der Ausweg aus der Spirale des Schweigens war für sie das Schreiben. «Mein Impuls zu schreiben war meine Ohnmacht gegenüber dem Leid meines Vaters», so Durlacher. «Schreiben war das einzige, was ich für ihn tun konnte.» Gila, die auf Deutsch schreibt, musste erst Frieden schliessen mit der Sprache, die die Sprache der Täter war. Wie ein roter Faden ziehen sich eine Erkenntnis und ein Lebensthema durch die Werke dieser Schriftsteller aus der Generation der Nachgeborenen: Wie schwierig – unmöglich? – es ist, eine Identität aufzubauen, die nicht in jener, Kind eines Opfers des Nazi-Terrors zu sein, aufgeht. Was ist beispielsweise die Geschichte einer unglücklichen Liebe gegen die Leidensgeschichte der Eltern? Es ist Schuld und es ist Zerrissenheit, die die Identität der Nachgeborenen bestimmt. Als jüdische Autoren machen Jessica Durlacher und Leon de Winter das Ringen um Identität auf vielfache Weise spürbar. Auf diese Weise haben sie das Schweigen gebrochen und Brücken geschlagen zwischen den Generationen – und den Religionen.     ●

Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.





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