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Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » June 4, 2009

Im Fahrwasser der Toleranz

von Nicole Dreyfus, June 4, 2009
Amsterdam, der Teenager unter den europäischen Hauptstädten, war einst blühende Handelsmetropole und hat von seinem Selbstbewusstsein nichts eingebüsst. Offenheit und Akzeptanz gegenüber anderen bringen die Stadt noch immer zum Florieren.

DIE STADT AN DER AMSTEL Für viele Juden auch noch in den Dreissigerjahren ein Zufluchtsort

Im Regal stehen thailändische neben surinamischen Lebensmitteln, an der Theke gibt es indisches Gebäck, aus der Stereoanlage schallt Salsa-Musik, und die Kundschaft stammt aus aller Welt. Nirgends ist Amsterdam multikultureller als in den Tokos, den exotischen Lebensmittelläden. Auch sonst fällt auf, wie bunt gemischt die Bevölkerung ist. 37 Prozent der Amsterdamer sind nicht in den Niederlanden geboren. Menschen aus 166 verschiedenen Nationen leben, wohnen und arbeiten in Amsterdam. Ein Grossteil der Ausländer stammt aus Marokko und der Türkei, aber auch Einwohner der ehemaligen Kolonien, grösstenteils aus Indonesien, Surinam und von den Antillen, sind zahlreich vertreten. Einen eigenen Reiz hat die multikulturelle Atmosphäre zwar schon – der Bekanntheitsgrad der Stadt wird allerdings häufig nur am Rotlichtmilieu und an der Drogenszene gemessen. Zwar hat kaum jemand der Einheimischen Probleme mit der Existenz dieser «Subkulturen», denn diese Toleranz, die man den Amsterdamern und allgemein den Niederländern seit jeher nachsagt und die sich zudem wie ein roter Faden durch die Geschichte und durch die Gesetzgebung der Stadt zieht, sei nicht gespielt, so heisst es jedenfalls in der Vielzahl der Reiseführer über Amsterdam. Die Offenheit Amsterdams zieht auch viele Homosexuelle in die Stadt.
Seit jedoch vor fünf Jahren der Filmemacher Theo van Gogh von einem Islamisten ermordet wurde, ist das friedliche Zusammenleben auf eine neue Weise bedroht. Zunehmend kommt an der schlechten Integration und den hohen Arbeitslosenzahlen unter Immigranten Kritik auf. Wenn im Amsterdamer Stadtteil Slotervaart über Nacht Autos in Flammen stehen, so erstaunt das den Europäer wenig. Er kennt solche Szenen aus den Pariser Vororten. In Amsterdam sorgen Unruhen dieser Art aber für Unbehagen. Man ist es sich in der Grachtenstadt kaum gewohnt, rassistische Zwischenfälle erdulden zu müssen.

Ein neues Jerusalem

Das Venedig des Nordens ist seit Jahrhunderten für die Toleranz gegenüber Andersgläubigen bekannt. Die Stadt war einer der ersten Orte, die Juden zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Niederlassungsfreiheit gewährte. Viele jüdische Flüchtlinge aus Spanien und Portugal fanden in Amsterdam vor der Inquisition Zuflucht. Ihr Beitrag an das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben der Niederlande ist bis heute erkennbar. Der Philosoph Baruch Spinoza ist einer der berühmten jüdischen Söhne der Stadt. Zwischen 1671 und 1675 entstand zudem die grösste sephardische Synagoge Europas, die bis in unsere Zeit in ihrem authentischen Zustand gehalten wurde. Gar so original, dass der Prunkbau auch heute noch ohne Licht und Heizung auskommt. Ein Meer von Kerzen ziert die Holzränge und erst an warmen Sommertagen werden dort Gottesdienste abgehalten. Während des Jahres hält die heute kleiner gewordene sephardische Gemeinde ihr Gebet in einem Nebenraum ab. Das pompöse klassizistische Bauwerk, das die Amsterdamer Esnoga nannten, diente als Gebetsort der sephardischen Gemeinschaft. Zur gleichen Zeit erlaubten die Stadtherren auch ostjüdischen Flüchtlingen, sich in Amsterdam niederzulassen. Bereits im 18. Jahrhundert stellten die aschkenasischen Juden die Mehrheit der jüdischen Gemeinschaft dar. Ihr Gotteshaus stand nur wenige Meter von der sephardischen Synagoge entfernt. Um die Synagogen herum entstand das jüdische Viertel. Auf einem Spaziergang durch dieses im Krieg zerbombte Gebiet sind Wohnhäuser, wie sie nach 1945 in Deutschland gebaut wurden, kaum zu übersehen. Wo einst Talmud und Midrasch gelehrt wurden, erinnern heute einmal mehr nur noch Gedenktafeln an die hohe Dichte der jüdischen Institutionen östlich des Dams.
Die Stadt an der Amstel war für viele Juden auch noch in den Dreissigerjahren ein Zufluchtsort. Kaum jemand hätte gedacht, dass die neutralen Niederlande durch die Wehrmacht eingenommen würden. Auch Anne Franks Familie unterlag diesem Trugschluss. Die Toleranz der Stadt konnte für einmal ihre jüdischen Bewohner nicht vor dem Grauen retten. Von den 140 000 Juden, die zur Zeit der Nazi-Invasion in den Niederlanden lebten, wurden 107 000 in Konzentrationslager gesteckt. Einige Tausend holländische Juden fanden Unterschlupf. Doch nur die Hälfte von ihnen entkam und legte den Grundstein der jüdischen Nachkriegsgemeinde Amsterdams. Damit konnte das jüdische Leben seine Kontinuität, wohl aber mit tiefen Einschnitten, bewahren. Heute ist die jüdische Gemeinde in Amsterdam eine der pulsierendsten Europas. Im südlichen Vorort Amstelveen haben sich viele jüdische Familien in einer heterogenen Gemeinde niedergelassen. Jüdische und arabische Restaurants stehen Tür an Tür und zeugen von der multikulturellen Vielfalt des Landes.
Drogenkonsum, Abtreibung und Sterbehilfe schliesst die viel gepriesene Amsterdamer Toleranz mit ein. Angesichts der Integrationsprobleme von Ausländern wird in der öffentlichen Diskussion jedoch in letzter Zeit häufig die Ansicht vertreten, dass diese allgemeine Toleranz manchmal nur eine Wegsehtaktik sei. Die Niederlande sind weltweit das einzige Land, das den öffentlichen Verkauf von bis zu fünf Gramm Cannabis toleriert. Der Handel allerdings ist illegal, er bleibt nur ohne Strafverfolgung – ein Widerspruch, der unter dem Begriff «gedogen», Duldung, bekannt geworden ist. Man will mit dieser Drogenpolitik eine Trennung der Märkte für weiche und harte Drogen bewirken. In Amsterdam kann man in etwa 100 Coffeeshops Softdrugs erwerben und konsumieren. Auf der Menükarte der meist intensiv duftenden Etablissements finden sich darüber hinaus Fruchtsäfte und Shakes, aber kein Bier oder Schnaps – für den Ausschank von Alkohol bedarf es einer anderen Lizenz.

Mehr Fahrräder als Menschen

Theoretisch müssten sich Radfahrer an die Strassenverkehrsordnung halten und so beispielsweise auch nach zu viel Konsum von Heineken- oder Amstel-Bier das Rad stehen lassen. In der Praxis sieht das anders aus, und viele beschreiben den Radverkehr in der Stadt als «organisiertes Chaos». Zusammenstösse zwischen Drahteseln sind häufig; weit gefährlicher ist es aber, wenn sich Fussgänger auf die Radwege verirren und einem rasch in die Pedale tretenden Zeitgenossen vor die Räder laufen.In den Sechzigerjahren gab die Stadt mehrere Hundert kostenlose weisse Fahrräder ab. Man konnte sie sich nehmen, an den Zielort fahren und dort einfach für den nächsten Benutzer stehen lassen. Sämtliche Räder – wen wundert es – waren innerhalb weniger Tage verschwunden, viele wurden später aus den Grachten gefischt. Von Zeit zu Zeit werden neue Versuche gestartet, Fahrradflotten für die Einwohner von Amsterdam anzuschaffen. So im Jahr 1999, als 250 weisse Fahrräder, die mit einem elektronischen Schlosssystem und mit massiven Rädern und Reifen ausgestattet waren, bereitgestellt wurden – um sie für Diebe weniger attraktiv zu machen. Doch auch diese Aktion war ein Misserfolg. Aber selbst wenn die Stadtväter damit das Rad nicht neu erfinden konnten, mit ihrer Politik der gelebten Toleranz fahren sie trotz Schwierigkeiten bis heute gut.    ●


Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.





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