Ein wenig wie damals
Selbst bei strömendem Regen schrecken die Leute, die für den Einlass ins Anne-Frank-Haus anstehen, nicht vor dem Warten zurück. Täglich stehen die Besucher vor dem Häuserblock an der Amsterdamer Prisengracht Schlange. Ein Grossteil der Wartenden vor dem Haus sind Jugendliche. Was ist es, was die Menschenmassen in dieses Haus zieht? Was ist die Motivation eines 16-Jährigen, an diesen geschichtsträchtigen Ort zu kommen?
Drinnen im Haus hat es trotz der Massen Platz. Die einen besichtigen erst die ehemaligen Büro- und Gewürzlagerräume von Otto Franks Firma Opekta, andere gehen Richtung Hinterhaus, um in Annes ehemaligem Zimmer in Andacht stehen zu bleiben. Später inspizieren sie die Wände, die Anne einst mit Filmfotos zugekleistert hat oder sie lauschen einfach der Atmosphäre, die die meisten Besucher fühlen.
Sie könne nicht beschreiben, was sie fühle, wenn sie hier durch die Räume schlendere, sagt eine spanische Touristin. Sie frage sich ständig, warum Anne Frank hier leben musste und es keinen Ausweg gegeben habe. Etwas weniger dramatisch, aber nicht minder emotional schildert es eine Amerikanerin, die wie die meisten Besucher während ihres Amsterdamtrips auch noch vor dieser «Attraktion» Halt machen wollte: «Das ganze Haus ist viel bewegender als ich dachte. Vor allem, wenn ich in diesen dunklen und kalten Räumen stehe, wird mir bewusst, wie es damals gewesen sein muss.»
Die meisten Besucherinnen und Besucher wissen, dass Platz im Haus Mangelware war. Aber erst, wenn sie drin sind, können sie sich die Qual, welche die Untergetauchten durchlebt haben müssen, auch vorstellen. Im Gespräch mit vielen jungen Leuten wird klar, dass einige das Tagebuch der Anne Frank nicht oder noch nicht gelesen haben. Viele «kennen es einfach» oder haben sonst davon gehört. Wie die zwei jungen Männer aus den USA. Mit dem Besuch des Hauses sei man plötzlich anders mit der Geschichte konfrontiert, als man es gewohnt sei. «Es ist alles viel weniger faktenlastig als bei uns in der Schule, und dafür versteht man mehr, was eine Person hier gefühlt haben muss», sagt der eine. Dem anderen gefällt das Haus besser als das Holocaust-Museum in Washington. Es sei halt kein gewöhnliches Museum. Es ist für die beiden, wie für viele andere auch, die persönliche Geschichte der Anne Frank, die berührt. Nun werde auf einmal klar, was vor der Festnahme passiert sei, sonst kenne man aus den Büchern ja nur das danach, heisst es bei vielen.
In der Tat wird aber auch die Geschichte des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden anders gelehrt als im restlichen Europa oder in den USA. Das bestätigt auch Annemarie Bekker, Kommunikationsbeauftragte des Anne-Frank-Hauses: «In den Niederlanden ist Annes Tagebuch oft der erste Zugang eines jungen Menschen zur dramatischen Geschichte des Zweiten Weltkriegs.» In der Schule sei das Tagebuch nämlich Pflichtlektüre. Eine Engländerin in den 40ern weiss Bescheid: «Als ich in die Schule ging, war der Holocaust nie Unterrichtsthema», doch dies habe sich womöglich geändert. Erwachsene sind gut über Annes Leben informiert. Aber der Besuch lässt auch sie oftmals traurig oder erschüttert zurück. Zwei deutsche Frauen können es «immer noch nicht fassen, was damals alles passierte und warum sich niemand dagegen wehrte».
Toilette beeindruckt auch
Die Eindrücke und Motivationen der Besucher sind unterschiedlich. Da sind die französischen Schüler, die nicht die geringste Lust hatten, das Haus zu besuchen, weil ihnen schon im Voraus gesagt wurde, man dürfe nicht zu viel davon erwarten. Die meisten waren dann aber doch beeindruckt, weil ihnen die Erfahrung, eingeschlossen zu sein, durch den Besuch im Haus schlagartig bewusst wurde. «Von nun an haben wir viel mehr Respekt vor diesem Thema», sind sie einhellig der Meinung, wogegen einige doch bereits vorher von dieser «Thematik» des Zweiten Weltkrieges «etwas genug hatten». Auch in der Diskussion mit einem spanischen Ehepaar wird klar, dass die Erwartungen an das Haus sehr unterschiedlich sind. Der Mann versteht nicht, weshalb Otto Frank nach Auschwitz sein Leben nur noch dem Tagebuch seiner Tochter widmete. «Ich hätte das wahrscheinlich nicht gemacht, denn auf irgend eine Art und Weise verrät das die Tochter», wobei ihm während des Rundgangs klar wird, dass Anne ja Journalistin werden wollte und schon relativ früh die Absicht hatte, ihre Niederschrift zu veröffentlichen. Dann meint der Spanier noch: «Man muss das ja einmal gesehen haben.» Am eindrücklichsten ist das Haus wohl für Kinder, wenn sie realisieren, wie es im Hinterhaus einmal zu und her gegangen sein muss. Eine irische Mutter kommt mit ihren beiden kleinen Töchtern hierher und erklärt ihnen alles. «Wir haben zusammen das Tagebuch gelesen, und plötzlich merkt man, wie einfach es ist, nett miteinander zu sein.» Die beiden Mädchen beeindruckt das Haus sehr. «Irgendwie fühle ich mich hier nicht wohl, es macht mich traurig», sagt die Kleinere der beiden. Und die Grössere, ein neun Jahre altes Mädchen, empfindet alles viel grösser als erwartet. Das erstaunt angesichts ihres Alters kaum. Aber letztendlich, meint das Mädchen, müsse sie gestehen, die Untergetauchten hatten wirklich eine «fancy toilet».
Der Ansturm auf dieses Haus und das Interesse, das man ihm zuteil kommen lässt, hat auch nach bald 60 Jahren nicht nachgelassen. Wöchentlich strömen Schulklassen, Eltern mit ihren Kindern und junge Menschen ins Hinterhaus. «An manchen Tagen besuchen bis zu 3000 Menschen das Museum», sagt Annemarie Bekker. Die meisten Besucher stammen aus den USA. Sie machen 18 Prozent aller Eintritte aus, dicht gefolgt von niederländischen und englischen Besuchern, die zwölf beziehungsweise elf Prozent der Besucher stellen. Auch Bekker ist der Meinung, dass es die meisten hierher zieht, damit sie einen anderen Zugang zum Zweiten Weltkrieg kriegen: «Es ist viel weniger die Identifikation, welche diese immense Faszination der Jugendliche auslöst; wobei sich wohl mancher Teenager bezüglich der Probleme mit den Eltern wiedererkennt. Aber ich denke, es geht
in erster Linie darum, etwas so Fremdes doch so nah zu sehen», ist Bekker überzeugt. Zudem sei dieses Haus ein Symbol für den Holocaust und das berühre die Menschen.
Haus vor Abriss gerettet
Am 4. August 1944 verhafteten die «Grüne Polizei» und die Gestapo Anne Frank und die sieben Untergetauchten des Hinterhauses. Alle Bewohner wurden in Konzentrationslager deportiert. Wer das Versteck der Familie Frank verriet, ist bis heute nicht amtlich bestätigt. Buddy Elias, Annes Cousin, der heute in Basel lebt, geht davon aus, dass es Mitglieder der holländischen Nazipartei gewesen sein müssen. «Einer von ihnen, der Otto Frank bereits vor dem Untertauchen erpresst hatte, hat es mündlich zugegeben. Dies wurde von seinem heute noch lebenden Sohn und auch von seinem Bruder bestätigt. Ich glaube fest an diese Theorie», sagt Elias. Otto Frank kehrte als einziger Überlebender nach Amsterdam zurück. Seine Firma Opekta, mit deren Einzug an die Prinsengracht 263 im Jahr 1940 die Geschichte des Verstecks begann, hatte die Zeit überstanden. Ihr neuer Leiter war Johannes Kleinman, der zusammen mit Victor Kugler, der heute 100-jährigen Miep Gies und Bep Voskuijl den Untergetauchten half. Otto Frank zog sich im Jahr 1953 endgültig aus der Firma zurück und widmete sich zunehmend dem Tagebuch seiner Tochter. Frank und Kleinman setzten sich fortan für die Erhaltung des Hauses ein. Die angrenzenden Gebäude sollten wegen Baufälligkeit abgerissen werden, was die Stabilität des ehemaligen Hauses der Versteckten gefährdet hätte. Die Firma Opekta konnte allerdings die Mittel zur Erhaltung der Liegenschaft nicht länger aufbringen und zog um. Unter dem Druck der Öffentlichkeit und mit einer Spendeninitiative, die der damalige Amsterdamer Bürgermeisters Gisbert van Hall leitete, wurde schliesslich das Haus vor dem Abriss gerettet. Nach der Publikation von Annes Tagebuch und dem Erfolg der Geschichte wollten immer mehr Leser das Haus besichtigen. Kleinman führte immer wieder Besucher durchs Haus. Bis zu seinem Tod im Jahr 1959 amtete er als Vorstandsmitglied des Anne-Frank-Hauses. Miep Gies und Bep Voskuijl waren bereits 1947 aus dem Betrieb der Opekta ausgeschieden. Victor Kugler emigrierte im Jahr 1955 nach Kanada.Seit 1960 nun ist das Haus ein Museum und stösst auf grosses Interesse. Im ersten Jahr besuchten lediglich 9000 Menschen das Museum. Zehn Jahre später wurden bereits 180 000 Besucher jährlich gezählt. Im Jahr 1970 musste das Haus für ein paar Monate geschlossen werden, damit notwendige Arbeiten ausgeführt werden konnten, weil es den grossen Besucherströmen nicht mehr gewachsen war. Anlässlich der Neueröffnung schrieb Otto Frank: «Bei der Restaurierung des Hauses ging es darum, das Vorderhaus zu modernisieren, um es als internationale Begegnungsstätte für Jugendliche nutzen zu können, das Hinterhaus jedoch so weit wie möglich im ursprünglichen Zustand zu belassen.» Nach der Verhaftung der Untergetauchten war das Hinterhaus komplett ausgeräumt worden. Deshalb entschied sich Otto Frank nach dem Krieg, dass die Räume leer bleiben sollten. Damit die Besucher sich dennoch ein Bild vom Versteck und dem Alltag im Verborgenen machen konnten, liess er 1961 Modelle der Räume anfertigen. Gerade aber die Leere in den Räumen schafft diese Beklemmung. ●
Nicole Dreyfus ist Journalistin und lebt in Zürich.


