logo
Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 06 Ausgabe: Nr. 6 » June 4, 2009

Arabischer Preis für jüdische Dichterin

Toby Axelrod, June 4, 2009
Das gibt es nur in den Niederlanden: Die jüdische Aktivistin Tuvit Shlomi gewinnt unter einem Pseudonym den renommierten El-Hizjra-Preis für arabische Kultur.
TUVIT SHLOMI Erfolgsrezept Pseudonym

Tuvit Shlomi ist 28 Jahre alt, arbeitet am Israel-Informationszentrum der Niederlande und gehört einer orthodoxen Gemeinde in Den Haag an. Ausserdem hat sie jüngst den renommierten El-Hizjra-Preis gewonnen, der die Kultur der arabischen Immigranten in den Niederlanden fördern soll, vor allem derjenigen aus Marokko. Shlomi betätigt sich seit geraumer Zeit als Dichterin. Um sicherzustellen, dass die literarische Qualität ihrer Texte beurteilt wird und nicht die Herkunft der Autorin, hatte Shlomi zwei Gedichte unter dem Pseudonym Wallada bint al-Mustaqfi eingereicht. Die reale Dichterin al-Mustaqfi lebte im 11. Jahrhundert in Andalusien und gilt als Vorreiterin des Feminismus.
Wie Shlomi der Nachrichtenagentur JTA erklärte, konnte sie sich «vorstellen, dass die Juroren auf einen israelischen Namen mit Ablehnung reagieren würden». Die Auszeichnung würdigt Arbeiten junger Dichter in Holländisch, Arabisch und in Berbersprachen. Shlomi wurde in der Kategorie der über 26-Jährigen für ihre Gedichte «Der Traum ist tot» und «Bereit für den Winter» geehrt. Sie hat die Verantwortlichen vor Annahme des Preises über ihre wahre Identität informiert.

Alle Kulturen akzeptieren

Abderazak Sbaiti, der Direktor des El-Hizjra-Zentrums für arabische Kultur, gibt sich erfreut über Shlomis Bewerbung: «Das demonstriert, wie multikulturell die Niederlande sind.» Er betonte überdies, dass seine Institution bei der Preisvergabe nicht auf den kulturellen Hintergrund der Bewerber achtet, sondern «alle Kulturen akzeptiert».
Erik Lindner, einer der Juroren, hält Shlomis Bedenken bezüglich ihres israelischen Namens für unbegründet und erklärt, Preise würden für Stil und Sprachkunst verliehen, nicht für Themen oder Namen. Als Tochter einer Holocaust-Überlebenden und eines in Israel geborenen Vaters bezeichnet sich Shlomi als «bewusst jüdisch». Obwohl sie im holländischen Utrecht geboren wurde und einer orthodoxen Gemeinde angehört, hält es die junge Poetin gar nicht für ungewöhnlich, sich um einen Preis für die Kultur Marokkos zu bewerben: «Ich fühle mich anderen mediterranen Kulturen verwandt – sie erinnern mich an meine eigene.»

Gedichte entstehen spontan

Ihr Gedicht «Der Traum ist tot» rührt aus Shlomis innerem Ringen um den Traum von Israel und die dortige Realität. Zahlreiche Verwandte von ihr leben im jüdischen Staat: «Da geht es mir um die Suche nach einem Zuhause, um einen Lebenssinn, um das wirkliche Israel. Ich stelle meine Ein-drücke zur Diskussion», so Shlomi, die seit ihrer Kindheit Gedichte schreibt. Sie sagt: «Gedichte werden in den unglaublichsten Momenten geboren, wenn man schläft oder durch ein Mikroskop schaut oder zur Strassenbahn läuft. Ich kann nicht einfach beschliessen, ein Gedicht zu schreiben. Im Gegenteil: Das Gedicht klopft bei mir an.» Sie freut sich sehr über die Anerkennung ihrer Arbeit: «Ich hoffe sehr, dass ein Verleger das mitbekommt und denkt: Dieses Mädchen bringe ich heraus!»


» zurück zur Auswahl