Unglaublicher Raubkunststreit
69 Jahre Warten. Gisela Bermann-Fischer war neun Jahre alt, als ihre Familie 1938, einen Tag vor dem «Anschluss», aus Wien flüchten und Kunstwerke zurücklassen musste. 69 Jahre später gewann sie einen jahrelangen Kampf: Sie erhielt 2007 von einem Liechtensteiner Gericht das 1903 entstandene Gemälde «Le Quai Malaquais, Printemps» des Impressionisten Camille Pissarro zurück, eines seiner letzten Werke. Gekauft hatte es 1907 in Berlin ihr Grossvater Samuel Fischer, der bedeutende Verleger, Kunde des Kunsthändlers Paul Cassirer.
Auktion. Die Enkelin und Tochter der Verlegerfamilie ist 80 Jahre alt und lebt in Zürich. Am 23. Juni lässt Gisela Bermann-Fischer das restituierte Pissarro-Gemälde bei Christie’s in London versteigern. Sein Wert wird auf anderthalb bis drei Millionen Franken geschätzt. Der Kampf ihrer Anwälte gegen die (Un-)Rechtsvertreter des von Hermann Göring eingesetzten Plünderers Bruno Lohse soll mehr als eine halbe Million gekostet haben.
Versilbert. Der Schwiegersohn Gottfried Bermann-Fischer übernahm 1932 die Leitung des Verlags. Doch 1933 wurden die Bücher der wichtigsten Autoren verbrannt, viele Schriftsteller flüchteten. Die Familie emigrierte 1935 aus Berlin nach Wien und floh 1938 in die USA. In Wien blieben die Bibliothek des Vaters, ein El Greco, ein Corinth, ein Gauguin und der Pissarro zurück. Die Nazis versilberten den Fischer-Besitz 1940 an einer Auktion in Wien. Mit den Jahren kehrten viele der geraubten Kunstwerke zur Familie zurück. Aber der Pissarro blieb verschwunden. Er war 1984 ganz kurz in der Fondation de l’Hermitage in Lausanne ausgestellt und im Katalog als «Teil einer Schweizer Privatsammlung» aufgeführt. Aber davon erfuhr die Erbin erst viel später. Den Pissarro und andere Gemälde fanden Staatsanwälte schliesslich in einem Safe der Zürcher Kantonalbank, als «Eigentum» einer von Lohse kontrollierten Stiftung in Liechtenstein, wo die Ermittlung ausgelöst und die Restitution vollzogen wurde.
Arroganz. Erben, die nicht über viel Geld verfügen, haben kaum Chancen, ihr Eigentum zu erkämpfen. Sie scheitern nicht selten an der unglaublichen Arroganz von Museumsdirektoren, die ihre Schätze nicht hergeben wollen. Dabei sind Kunstwerke, die von den Nazis geraubt oder unter Druck verkauft wurden, nach der «Washingtoner Erklärung» von 1998 den Eigentümern oder deren Erben zurückzugeben. In der Datenbank des Art Loss Register werden 70 000 der auf 650 000 geschätzten Juden gestohlenen Werke gesucht. Das Ende der Debatte über die Rechtmässigkeit der Rückgabe ist nicht abzusehen. Die Museen warten wohl darauf, dass auch noch die letzten Erben und mit ihnen die berechtigten Ansprüche sterben.
Bewunderung statt Vorwürfe. Julius Schoeps, früher Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam, plädierte letztes Jahr in einer deutschen Zeitung für eine Rückgabe ohne Wenn und Aber und einen Kauf des Pissaro-Gemälde durch das fehlbare Museum. Aber der britische Kunstexperte (und Kunsthändler) Sir Norman Rosenthal, Sohn jüdischer Flüchtlinge, fordert ohne Skrupel ein Ende der Restitution von Raubkunst. Das darf nicht sein. Der Diebstahl von Kunstwerken durch die Nazis darf nicht mit anderen Mitteln fortgesetzt werden. Erbinnen wie Maria Altmann – welche trotz hohen Alters die Rückgabe von berühmten Klimt-Gemälden der Wiener Sammlung Bloch-Bauer aus Wiener Museen erkämpfte – oder wie Gisela Bermann-Fischer verdienen Bewunderung und keine Vorwürfe.


