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5. Juni 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 23 Ausgabe: Nr. 23 » June 4, 2009

Gewalt inner- und ausserhalb der Stadien

von Valerie Wendenburg, June 4, 2009
Die jüngsten Ausschreitungen im Schweizer Fussball stellen die Verantwortlichen erneut vor Herausforderungen. Neue rechtliche Massnahmen werden diskutiert, und künftig müssen nicht nur die gewaltbereiten Fans, sondern auch die Vereine mit Konsequenzen rechnen.
HEFTIGE AUSSCHREITUNGEN Gewaltbereite FCB-Fans forderten am 17. Mai die Zürcher Polizei heraus

Seit vielen Jahren tritt in regelmässigen Abständen Gewalt in und um Fussballstadien auf, stets werden striktere Massnahmen gefordert – und dennoch scheinen die Verantwortlichen aus Politik, den Vereinen und dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) nach wie vor nach Lösungen zu suchen, die tatsächlich greifen. Aktueller Auslöser war das Spiel am Sonntag, 17. Mai, im Letzigrund (FC Basel gegen FC Zürich), das mit Randalen endete. Der FC Basel muss nun mit juristischen Konsequenzen rechnen, diskutiert wird aber auch die Frage, wie der Gewalt künftig vorgebeugt werden kann.

Gegen Gewalt im Sport

Einige Kantone setzen bei der Fahndung nach Hooligans vermehrt auf das Internet, eine Methode, die von Datenschützern kritisiert und als «Internet-Pranger» verurteilt wird. Die Polizei allerdings vermeldet Erfolge: So hat die Kantonspolizei Luzern via Internet nach Gewalttätern gesucht – zwei von acht Männern meldeten sich daraufhin von selbst, ein dritter konnte dank Hinweisen identifiziert werden. Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich, gibt im Interview mit der NZZ aber zu bedenken: «Der Erfolg allein rechtfertigt die Mittel nicht. Er ist kein Freipass für die Polizei.» Diese greife auf diese Weise massiv in die Grundrechte einer Person ein und versuche aus Hilflosigkeit, mit einfachen Mitteln komplexe Probleme zu lösen. Es sei die Frage, ob die Problematik allein mit strafrechtlichen Mitteln in den Griff zu bekommen sei; der Pranger als Sanktionssystem gehöre an sich ins Mittelalter. Sportminister Ueli Maurer fordert neben dieser «De-Anonymisierung» von Hooligans im Internet weitere Massnahmen; so sollen Gewalttäter rund um Sportveranstaltungen von sogenannten Schnellgerichten abgeurteilt und mit hohen Geldbussen bestraft oder sogar inhaftiert werden. Der SFV begrüsst und unterstützt diese Forderung ausdrücklich. Mediensprecher Marco von Ah betont gegenüber tachles: «Der Schweizerische Fussballverband unterstützt die von Ueli Maurer skizzierte Verschärfung der Politik im Umgang mit gewaltbereiten und gewalttätigen Menschen im Zusammenhang mit Fussballspielen in der Schweiz. Wir sind überzeugt, dass am 23. Juni beim nächsten ‹Runden Tisch gegen Gewalt im Sport› mit Bundesrat Maurer sowie Repräsentanten der grössten Sportinstitutionen des Landes weitere Schritte in die richtige Richtung unternommen werden. Es braucht die enge Zusammenarbeit von Sportverbänden sowie -vereinen und politischen Behörden.»

Kooperationen gefordert

Auch der Sicherheitschef des SFV Ulrich Pfister spricht sich für eine stärkere Kooperation aus. Er merkt an, dass der Datenaustausch zwischen Polizei und Stadionbetreibern durchaus optimiert werden könne. So sei ein direkter Austausch von Daten – beispielsweise über registrierte Personen – aus Gründen des Datenschutzes teilweise nicht möglich, was dazu führe, dass Fans, die bereits vorübergehend festgenommen worden sind, andernorts erneut freien Zutritt zu Fussballspielen hätten. Auch hinke die vor gut zwei Jahren eingeführte Hooligan-Datenbank «Hoogan» der Aktualität hinterher: Bis gewaltbereite Personen, die im Umfeld von Fussballspielen von der Polizei erfasst worden sind, in die Datenbank eingetragen werden, läuft ein Verfahren, das mehrere Monate dauern kann. Neben der Diskussion um den Umgang mit Hooligans und deren Bestrafung setzen die Vereine vor allem auf Prävention. Aktiv zeigt sich in diesem Punkt unter anderem der FC Basel, der auf rassistische Ereignisse in einem Extrazug des FC Basel Ende August 2007 (vgl. tachles 51/07) reagierte und spontan eine Fachgruppe gegen Antisemitismus und Rassismus unter dem Motto «Hinschauen statt wegschauen» ins Leben rief. Diese Gruppe möchte sich nachhaltig gegen Rassismus, Extremismus und Neonazismus einsetzen. Joseph Zindel, Mediensprecher des FC Basel, sagt, dass die Gruppe «zurzeit sehr aktiv» sei. Allein in diesem Jahr seien nach Beratungen mit einem Mediator sieben weitere Treffen geplant, an denen auch Verantwortliche der Israelitischen Gemeinde Basel teilnehmen werden. Nähere Informationen werden noch nicht bekannt gegeben, da erst die «Ergebnisse» präsentiert werden sollen.
Wie bereits berichtet (vgl. tachles 46/08) ist auch der Bund bestrebt, eine nationale Koordination im Bereich Antirassismus im Schweizer Fussball zu bilden. Michael Chiller-Glaus, Leiter der Geschäftsstelle Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, betont gegenüber tachles, dieser Plan sei kontinuierlich weitergelaufen und so weit gediehen, dass alle nötigen Grundlagen gelegt seien: «Nun laufen die Bestrebungen darauf hinaus, die nötige Finanzierung zu sichern. Dazu sind die involvierten Organisationen in Verhandlungen mit potenziellen Sponsoren. Wenn alles klappt, kann das geplante Netzwerk gegen Ende Herbst seine Tätigkeit aufnehmen.»

Rassismus und Antisemitismus

Eine Koordinationsstelle macht Sinn, da Fremdenfeindlichkeit und Rassismus im Fussball nach wie vor eine Gefahr für die Sportkultur darstellen, wobei das Spektrum von diskriminierenden Verhaltensweisen bis hin zu tätlichen Übergriffen reicht. Auch der Weltfussballverband FIFA und ihr Präsident Joseph Blatter beobachteten in den vergangenen Jahren einen gravierenden Anstieg von offen geäussertem Rassismus, Antisemitismus und von Fremdenfeindlichkeit. Sorge macht die Tatsache, dass Gewalt nicht mehr nur innerhalb der Stadien aufkommt. Von Ah vom SFV sagt: «Die Gewalt in Stadien ist statistisch gesehen am Abnehmen, aber eine Verlagerung auf Plätze ausserhalb der Sportstätten ist auch ohne über einen langen Zeitraum geführte Statistik kaum von der Hand zu weisen.» Es scheint, als würden die Spiele für die Hooligans zunehmend als blosser Aufhänger für Konfrontationen mit gegnerischen Fans oder auch mit der Polizei fungieren. Von Ah ist der Ansicht, dass die Gewaltbereitschaft ein gesellschaftliches Phänomen sei. Deshab ist aus seiner Sicht die bereichsübergreifende Kooperation auf allen relevanten Ebenen umso wichtiger.
Die Schweiz steht mit den gewalttätigen Fussballfans keineswegs alleine da. So betonte der Vorsitzende der deutschen Innenministerkonferenz Ulrich Mäurer kürzlich: «Ich bin entsetzt über den Umfang der Gewaltbereitschaft, es sind teilweise Situationen wie in einem Bürgerkrieg.» In Deutschland treten immer mehr sogenannte Ultras in Erscheinung, mit deren Auftreten die Gewaltbereitschaft und Aggressivität beim Fussball zunimmt – allein die Hälfte der in Deutschland rund 14 000 potenziell gewalttätigen Fans werden der «Ultra-Szene» zugerechnet. Unter ihnen hat sich ein «schwarzer Block» gebildet, der sich – so Beobachtungen der Hamburger Polizei – zunehmend politisiert und vornehmlich Kontakte zum rechtsextremen Milieu unterhält.

Rechte Töne aus Holland

In Holland eskaliert die Situation zurzeit insofern, als Klischees von Juden und Jüdinnen als Projektionsfläche für Gewalt in Fussballstadien dienen. Das Israel-Informations- und Dokumentationszentrum CIDI und die Anne-Frank-Stiftung protokollieren antisemitische Äusserungen, und tatsächlich sind Sätze wie «Wir gehen auf Judenjagd» an der Tagesordnung, wenn der Gegner Ajax Amsterdam heisst – ein Verein, der einst etliche jüdische Spieler, Funktionäre und Zuschauer hatte. Der jüdische Präsident von Ajax Amsterdam Uri Coronel stört sich an den antisemitischen Gesängen, und er betont, dass die gesellschaftliche Resonanz des «Stadionantisemitismus» wachse. Die Clubs und die Politiker haben bereits Konsequenzen gezogen: Nach Ausschreitungen bei einem Spiel zwischen Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam wurde beschlossen, für die kommenden fünf Jahre bei Begegnungen der beiden Mannschaften keine Auswärtsfans zuzulassen. Ob drastische Massnahmen wie diese ihre Wirkung zeigen, oder doch besser auf Prävention und Aufklärung gesetzt werden sollte, ist offen – unbestritten ist aber, dass der europäische Fussball das Thema Gewalt und Rassismus noch nicht unter Kontrolle hat.





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