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29. Mai 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 22 Ausgabe: Nr. 22 » May 28, 2009

Ursachensymptomatik

May 28, 2009
Editorial von Yves Kugelmann

Das Symptom als Ursache. Das Ritual bleibt auch mit der neuen Geschäftsleitung (GL) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) unverändert. Die Delegiertenversammlung bleibt, was sie war: Das jährliche Zusammentreffen von Delegierten und Gästen an einem würdigen, feierlichen Eröffnungsabend und, am Morgen danach, das Herunterbeten des Immergleichen. Auch dieses Jahr war das Parlament der Schweizer Juden kein Ort der Debatte, der Politik, der Visionen. Doch die Vorzeichen haben sich geändert. Im Verband ist Ruhe eingekehrt, die Gremien vertrauen einander wieder, arbeiten zusammen und ziehen am gleichen Strick. Harmonie, nach der sich in den letzten Jahren viele gesehnt haben. Zusehends aber interessieren sich weniger Delegierte für den SIG, bekunden Gemeinden doch überhaupt Mühe, mit vollzähligen Delegationen in Zeiten anzutreten, in denen sich auch Verbände erneuern und allgemeinen Anforderungen anpassen müssten.
 
Die Harmonie von Endingen. Doch zu viel Harmonie wird dem SIG nicht bekommen, wenn darob die Themen der Gegenwart und Zukunft verpasst werden: gesellschaftlicher Wandel, Veränderung der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz und die nötige Reorganisation im Dachverband. SIG-Präsident Herbert Winter hat in seiner Eröffnungsrede deutlich darauf verwiesen. Jetzt muss er nach dem ersten Jahr, in dem er den Verband geeint und formiert hat, Traktanden und Themen setzen, sich und dem SIG mehr politisches Profil geben. Harmonie verkommt sonst zum Selbstzweck. Sie darf nicht Ziel, höchstens der Weg zum Ziel sein. Denn zwei Dinge waren noch nie sehr harmonisch: Politik und jüdische Vielfalt. Und genau Letztere macht den SIG aus. Vielfalt, die allerdings an ihre Grenzen stösst, wenn es um gelebte Vielfalt geht.



Das Paradox von Lengnau. Beim Mittagessen nach der DV sassen auch 33 Sängerinnen und Sänger des Yakar A Capella Chors, der für ein Konzert in der Schweiz weilte (vgl. S. 38). Religiöse Frauen und Männer aus Jerusalem, die synagogale Gesänge aufführen. Doch der SIG lehnte die vor Wochen erfolgte Anfrage der Schweizer Chorleiterin für einen Auftritt am Eröffnungsabend der DV von Endingen mit Verweis auf die Omer-Zeit mit der Begründung ab, ein gemischter Chor verletze die Gefühle der orthodoxen Vertreter im SIG. Ein absurder Entscheid, der eine vemeintliche Harmonie höher gewichtet, als das verlorene jüdische Selbstverständnis eines politischen Verbands. Denn mit dem Auftritt wäre nicht gegen die Halacha verstossen worden. Nicht fröhliche Synagogale Gesänge – gerade noch am Jom Jeruschalajim – sind erlaubt, nur der Gesang von Frauen alleine nicht. Wer dennoch nicht hätte hinhören wollen, hätte den Raum diskret verlassen können. Auch beim informellen Mittagessen von Donnerstag entschied sich die SIG-GL gegen einen Auftritt. Und dies nach einem Morgen, da wieder mal die Mittelbeschaffung für den Kampf gegen Antisemitismus sowie der Umgang mit Kritik an Israel im Zentrum standen und sozusagen im gleichen Atemzug die jüdische Mitte, die grosse Mehrheit des SIG, ausgegrenzt wurde.

Die Ursache als Symptom. Ganz umsonst war der gemischte Chor, der am Sonntagabend mit Erlaubnis des halachatreuen IGB-Rabbiners in Basel auftrat, dann doch nicht ins Surbtal gereist. Bei der nachmittäglichen Einweihung des Jüdischen Kulturwegs Lengnau–Endingen nach der DV setzte der Chor spontan den Schlusspunkt einer ohnehin beeindruckenden Feier vor den Augen vieler Delegierter und Rabbiner. Irgendwann muss der SIG mit der lähmenden falschen Rücksichtnahme auf fundamentalistische Strömungen aufhören. Es braucht keinen Mut dazu, aber Rückgrat.



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