Toleranz war Trumpf
Es war ein glanzvoller Abend, denn viele treue Freunde und Gesprächspartner der jüdischen Gemeinschaft kamen nach Endingen, wie der Zürcher Statthalter und Präsident der Zürcher Sektion der Gesellschaft Schweiz-Israel Hartmuth Attenhofer und Giusep Nay, ehemaliger Bundesgerichtspräsident und Präsident der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz. Die aargauische und Surbtaler Prominenz aus der hohen Politik war zahlreich vertreten, dank Jules Bloch, Präsident der gastgebenden Israelitischen Kultusgemeinde Endingen, einer Kleingemeinde mit grosser Vergangenheit und gut vernetzter Gegenwart.
Geografische Heimat
Politisch war es der Abend der CVP-Referenten. Als erster begrüsste der Endinger Gemeindeammann Lukas Keller die Gäste. Die bewegte Epoche des ursprünglich erzwungenen Zusammenlebens vor Jahrhunderten habe die Endinger offener und toleranter gemacht. Es sei ihm eine Ehre, dass der SIG bereits zum dritten Mal in der «geografischen Heimat des Schweizerischen Judentums im Surbtal» tage. Landammann Roland Brogli, auch er ein CVP-Politiker, Finanzvorstand des Kantons Aargau, erinnerte sich dankbar an sein Elternhaus, in dem der Geist der Toleranz herrschte. Das Mass der religiösen Toleranz entscheide auf allen Kontinenten über Krieg und Frieden.
Rabbiner Moshe Rappaport wünschte der Versammlung, dass sie zum Glück des Einzelnen, zum Wohle des Staates und seiner Institutionen, vielleicht der ganzen Welt, vor allem aber zum Frieden zwischen den Menschen und zu ihrer Prosperität beitragen solle.
Die Toleranz war auch das Thema der ehrenvoll empfangenen Bundesrätin Doris Leuthard, aber die Magistratin ergänzte sie mit der Forderung, Grenzwerte zu setzen. Toleranz in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft heisse verstehen, akzeptieren und respektieren, aber auch, Grenzwerte festzulegen, Rahmenbedingungen zu setzen. Es brauche auch Regeln, um das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen konfliktfrei zu gestalten. Wie in Lessings «Nathan der Weise» müsse sich der Ringträger auch bei uns durch sein Verhalten als würdig erweisen. Die jüdische Gemeinschaft, sagte Doris Leuthard, «habe Geschichte geschrieben von Endingen aus über Baden und den Röstigraben hinaus in die ganze Welt». Nach ihrem Referat sagte die Bundesrätin zu tachles, das Antirassismusgesetz sei eine Errungenschaft, seine Abschaffung für den Bundesrat kein Thema.
Die erste «tour d’horizon» von Herbert Winter am Vorabend der DV (vgl. S. 8) zeigte, dass für den neuen SIG-Präsidenten der Fokus eindeutig in der Schweiz liegt, in der die jüdische Gemeinschaft lebt. Und es wurde zudem deutlich, dass er sich den echten Problemen stellen will. Und er bewies Selbstbewusstsein, als er aufzählte, welche Leistungen Juden für das kulturelle, wirtschaftliche und politische Leben der Schweiz erbracht haben, von der Uhrenindustrie im Jura bis zur Textilindustrie in St. Gallen, von Warenhausgründungen bis zu Charles Lewinsky für die Unterhaltungsbranche, Roger Schawinski für die Fernsehkultur und Arthur Cohn für die Filmindustrie, bis hin zum höchsten Amt im Staat mit Bundesrätin Ruth Dreifuss.
Erosionen in jüdischen Gemeinden
Herbert Winter sprach die leichte Erosion der jüdischen Gemeinden, aber auch das reich blühende jüdische Leben ausserhalb der Gemeinden an. Lebensweisen und Bedürfnisse hätten sich gewandelt, es gebe vermehrt gemischtreligiöse Paare, die für ihre Kinder eine Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft anstreben. Diese Diskussion müsse offen geführt werden. Es zeichne sich eine Polarisierung und Pluralisierung hin zu den liberalen oder den orthodoxen Flügeln ab, doch die Gemeinden müssten ein Haus für alle Jüdinnen und Juden sein.
Herbert Winter betonte, dass sich während des vergangenen Jahres eine kons-truktive Zusammenarbeit mit der Plattform der liberalen Jüdinnen und Juden entwickelt habe, über die er sich freue, weil dadurch die Position der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz gestärkt werde. Der Dialog mit den Behörden habe Priorität, und der SIG bringt sich auch aussenpolitisch ein. Leider bleiben unausgewogene Positionen gegenüber Israel weiterhin eines der zentralen Themen. Aber der SIG-Präsident stellte unmissverständlich klar, dass der SIG nicht das Sprachrohr der israelischen Regierung sei und grundsätzlich keine Stellung zu deren Politik beziehe, schon deswegen nicht, weil die Meinung darüber innerhalb der jüdischen Gemeinschaft nicht einheitlich sei. Doch beim Thema des Existenzrechts Israels gebe es kein Wenn und Aber.
Der SIG-Präsident erwähnte das Befremden und die Irritation wegen des Besuches des iranischen Präsidenten und wegen gewissen Stellungnahmen und Auftritten der offiziellen Schweiz. Auch gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus, beispielsweise während des Gaza-Konflikts, werde sich der SIG weiterhin mit Vehemenz einsetzen. In stürmischen Zeiten wie diesen, sagte Herbert Winter, gebe ein Treffen die Möglichkeit, Routine und festgeschriebene Rituale aufzubrechen und übergreifende Themen offen anzugehen.
Dreigeteiltes Judentum
Ein Feuerwerk zum Abschluss bot Michael Wolfssohn, 1947 in Israel geboren und Professor für Geschichte an der Bundeswehr-Universität München. Er sprach über «Israel und die Juden in Europa» und stellte die historische Tatsache fest, dass Israel seit 2500 Jahren nicht allein das Zentrum der jüdischen Welt sei. Nach der Zerstörung des ersten Tempels im Jahr 518 vor unserer Zeitrechnung kehrten längst nicht alle Juden nach Israel zurück, sondern zerstreuten sich über den Mittelmeerraum. Und seit der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahre 70 sei die Diaspora wichtiger geworden und damit das bürgerliche, «synagogale» Judentum mit seinen Höchstleistungen. Die Schriftlichkeit, der Talmud, so Wolfssohn, machte das Judentum zur «tragbaren Religion». Eine Umfrage, die der Historiker mit seinen Mitarbeitern vornahm, habe gezeigt, dass nur zwei Prozent der deutschen Juden sich mit dem Zionismus identifizierten. Erst die Schoah habe diesem einen «gewaltigen Rechtfertigungsschub» versetzt. Seither sei der Staat Israel die «Lebensversicherung» der Diaspora-Juden, die Gewissheit, nie mehr wie nach 1933 irgendwo um Aufnahme betteln zu müssen.
Das Judentum, sagte Wolfssohn in freier Rede, sei eine Religion des Wortes, nicht des Bildes. Es brauche die Zentralität nicht als Voraussetzung. Die Diaspora sei die erste bürgerliche Gesellschaft gewesen, die Avantgarde der Bourgeoisie, in der die Juden nur akzeptiert wurden, solange man sie brauchte. Seit der Zerstörung des zweiten Tempels seien alle jüdischen Leistungen in der Diaspora erfolgt. In Europa habe nach den Nazis «tabula rasa» geherrscht, Israel sei für die Diaspora eine Selbstverständlichkeit geworden. Ab 1977 habe sich die Stimmung wegen der Eroberung von Gebieten, die schon 1967 begonnen hatte, dramatisch verändert. In Europa gab es antiisraelische, antizionistische Effekte. Die zunehmende Distanzierung der Nichtjuden habe eine Zerreissprobe für die jüdische Diaspora bedeutet.
Nun gebe es ein dreigeteiltes Judentum, sagte Wolfssohn, Israel, die USA und Europa, wo es drei grosse Zentren gebe, nämlich Frankreich, Grossbritannien und wieder Deutschland. Europa müsse sich gegenüber den USA und Israel stärker verselbständigen. Das Judentum in der Diaspora sei weniger israelzentriert, ob es allen gefalle oder nicht. Es sei eine grosse Chance. Und Wolfssohn sagte zum Schluss, er wünsche den Schweizer Juden viel Selbstbewusstsein.


