Terror aus dem Knast
Das FBI hat in der vergangenen Woche vier US-Bürger verhaftet, die dabei waren, Anschläge auf eine Synagoge und ein jüdisches Gemeindezentrum in der Bronx sowie auf Kampfflugzeuge der Nationalgarde auszuführen. Die Behörden hatten James Cromitie, Onta und David Williams sowie Laguerre Payen zuvor monatelang beobachtet und zahlreiche Gespräche aufgenommen, in denen die Männer ihrem Hass auf Juden und die amerikanische Afghanistan-Politik Luft machten. FBI-Agenten verschafften ihnen den – in Wirklichkeit harmlosen – Sprengstoff und boten an, Luftabwehrraketen zu besorgen. Die Männer sind Afroamerikaner und wegen kleiner Raubdelikte und Drogenhandel vorbestraft. Den Behörden zufolge waren sie in der Haft zum Islam übergetreten.
«Gefängnis-Islam»
Getroffen haben sich die vier in der Masjid-al-Ikhlas-Moschee in Newburgh am Hudson. Die Kleinstadt liegt rund 90 Autominuten nördlich von Manhattan entfernt. In der weiteren Umgebung finden sich zahlreiche Haftanstalten. Salahuddin Mustafa Muhammad, der Imam der Newburgher Moschee, ist auch als Gefängnisseelsorger tätig, hat die vier jedoch erst als gelegentliche Besucher seiner Gottesdienste kennengelernt. Der Fall ist ein weiteres Beispiel für lokale Terrorzellen in den USA, die keine Kontakte zu al-Qaida oder anderen islamistischen Gruppen in Übersee unterhalten. Diese Grüppchen formieren sich gelegentlich in Gefängnissen, wo der Islam seit einigen Jahren zahlreiche neue Anhänger findet. Einer Studie zufolge sind sechs Prozent der 185 000 Insassen von Bundesgefängnissen Muslime. Die überwiegende Mehrheit sind Afroamerikaner, die jedoch sehr unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen anhängen. Über Jahrzehnte dominierten in den Grossstädten und Haftanstalten Amerikas die sogenannten Black Muslims der 1930 gegründeten «Nation of Islam»-Sekte, deren afrozentristische Theologie sich in weiten Teilen vom traditionellen Islam unterscheidet. Ihr heutiger Führer ist der wegen seiner antisemitischen Äusserungen bekannte Louis Farrakhan. In letzter Zeit nimmt unter dem Einfluss von muslimischen Einwanderern auch unter Afroamerikanern die Zahl regulärer Sunniten und Schiiten zu, während in den Haftanstalten eine simple Hybridform Anhänger findet. Dieser «Gefängnis-Islam» ist besonders bei afroamerikanischen Banden beliebt, dient aber Experten zufolge eher dem inneren Zusammenhalt der Gruppen. Die grosse Befürchtung des FBI, dass schwarze Gangs in den USA systematisch mit islamistischen Terroristen zusammenarbeiten, ist bislang noch nicht Realität geworden.
Auf eigene Faust
Der Imam von Newburgh hat eine für afroamerikanische Muslime charakteristische Entwicklung durchlaufen. Salahuddin Muhammad wuchs vaterlos in Harlem auf und stiess dort mit 13 Jahren zu Farrakhans Nation of Islam. Während einer zwölfjährigen Haftstrafe in Sing Sing studierte er Theologie und wurde später zum Imam ordiniert. Der 58-Jährige arbeitet derzeit an seiner Doktorarbeit am renommierten theologischen Seminar in Hartfort, Connecticut. Es steht ausser Zweifel, dass Imam Muhammad mit den vier von Newburgh sympathisiert, die aber auf eigene Faust gehandelt zu haben scheinen. Dass sich angehende Terroristen ohne Anbindung an das Ausland oder kriminelle Strukturen innerhalb der USA zusammentun, erschwert jedoch die Arbeit der Ermittlungsbehörden. Das FBI ist daher nach «9/11» dazu übergegangen, Spitzel in muslimische Gemeinden und Moscheen einzuschleusen. Auch Cromitie und seine Mitverschwörer haben sich seit dem vergangenen Oktober mit einem FBI-Informanten getroffen, der ihnen anbot, Waffen und Sprengstoff zu beschaffen und dies schliesslich auch getan hat. Diese Vorgehensweise provoziert immer wieder den Vorwurf, die Behörden würden zur Radikalisierung kleiner Gruppen beitragen und sie zu Taten anstiften. Rechtlich fällt diese Kritik jedoch kaum ins Gewicht: Obwohl Strafverteidiger in mehreren Verfahren gegen heimische Terroristen auf die Rolle von FBI-Informanten verwiesen haben, machten sie damit auf die jeweiligen Jurys keinen Eindruck.


