Melodien der Sehnsucht
Theodor Herzls sehnsüchtiger Blick von der Terrasse des Hotel Les Trois Rois auf den Rhein, eingefangen auf dem berühmten Foto aus dem Jahre 1904, sollte an diesem Abend Sinnbild und mehr sein. Als Baslerin im Exil und nicht als Ex-Baslerin sei sie mit ihrem Yakar A Cappella Choir nach Basel gekommen, sagte Dirigentin und Initiantin Nurith Cohn, die in Basel aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Unter dem Motto «Basel–Jerusalem–Basel» trug sie mit dem gemischten Chor religiöser Männer und Frauen traditionelle synagogale Gesänge vor. Im Mittelpunkt standen Kompositionen des Baslers Ludwig Epstein und des Berliners Louis Lewandowsky sowie traditionelle Melodien, die der Basler Synagogenchor am Schabbat und zu den Feiertagen singt.
Basler Tradition würdigen
Nurith Cohn wollte mit dem Programm, das sie bereits vor zwei Jahren in Jerusalem aufführte, die Basler Tradition der Synagogenmusik würdigen. 33 Sängerinnen und Sänger sind auf eigene Kosten nach Basel gekommen. Neben Konzertauftritten vollführte die Gruppe eine regelrechte Tour de Suisse durch Endingen, Zürich und Luzern – mit Ausflügen, Stadttouren und Museumsbesuchen. Am Schabbat gastierte der Chor bei Basler Familien und entdeckte unter kundiger Führung des Basler Historikers und Publizisten Simon Erlanger das jüdische Basel sowie die Geschichte, die zur Gründung des Staates Israel führte.
Ein begeistertes Publikum
Der Sonntag- und Hauptkonzertabend begann musikalisch mit Ludwig Epsteins «Betseit Israel». Nach der Einführung durch Emuna-Präsidentin Noemi Cohn folgte ein erster Höhepunkt mit Lewandowskys ergreifendem «Weal jedei adadecha» aus der Rosch-Haschana-Liturgie und das zu den Feiertagen beim Abendgebet vorgetragenen «Wehagen baaenu», wie es in Basel seit Jahrzehnten gesungen werden. Mit Naomi Schemers «Jeruschalajim schel sahav» und einem «Jerusalem-Medley» der beiden zuweilen überragenden Solisten Chaim David Berson und Gabriel Strenger verabschiedete sich der Chor in die Pause. Musikalisch sollte der zweite Teil des Abends nach der Anfangsnervosität des ersten Teils noch harmonischer und besser abgestimmt einige Trouvaillen vorsehen. Vor allem das traditionelle Basler «Schir hamaalot» zur Hawdala am Ausgang zu Schabbat, Ludwig Epsteins «Ein kelokeinu» und das «Adon olam» von Charles Osborne mit Gabriel Strenger leiteten zur Überraschung des Abends über. So wie einst Herzl auf den Rhein blickte, nahm der Jerusalemer Chor das Motiv musikalisch mit dem traditionellen «Z’Basel am mym Rhy» auf. Gesungen mit allen Strophen und perfekter baseldeutscher Aussprache begeisterte der Chor das Publikum und zeigte, mit wie viel Liebe zum Detail über Monate die Gesänge und Texte einstudiert worden sind. Begleitet an Klavier und Orgel wurde die Gruppe von Raymond Goldstein. Weniger fulminant allerdings brachte sich die erste Sekretärin der israelischen Botschaft mit einer völlig deplatzierten Ansprache über das politische Verhältnis Schweiz–Israel zu Beginn des Abends ein. Mit der gemeinsam gesungenen Hatikwa und einem Falafelbuffet endete der Musikabend im vollbesetzten Saal der Israelitischen Gemeinde Basel.


