Das Ende einer Ära
Vergangenen Mittwoch beschloss die Gläubigerversammlung der traditionsreichen Warenhauskette Hertie auf Empfehlung des Insolvenzverwalters die Einstellung des Geschäftsbetriebs. Noch in diesem Sommer sollen die verbliebenen 54 Warenhäuser geschlossen werden. Rund 2600 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Das Aus für die Marke ist auch der Schlussstrich unter ein Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Der Name Hertie ist eine Synthese aus dem Vor- und dem Nachnamen des Gründers Hermann Tietz. Der jüdische Kaufmann legte mit seinem Neffen Oskar den Grundstein für das Unternehmen, als er 1882 im thüringischen Gera ein Weiss- und Wollwarengeschäft eröffnete. Dabei blieb es nicht lange. Der Senior war in den USA tätig gewesen und importierte neue Geschäftsideen in die Heimat. Dem Kunden Bedarfsartikel in guter Qualität zu einem festen Preis unter einem Dach anzubieten, Gewinn weniger durch Marge als durch die Masse zu machen, war ein neues Konzept. Rasch expandierte das Unternehmen Tietz, das um 1900 bereits rund ein Dutzend Filialen in Städten wie Weimar, München, Karlsruhe betrieb. Der endgültige Durchbruch gelang dem Kaufhausbetreiber durch das konkurrenzlos breite Angebot während des Ersten Weltkriegs und gezielte Investitionen in das Geschäftsfeld Militärbedarf. Lieferengpässe versuchte die Besitzerfamilie Tietz zu lösen, indem sie ins benachbarte Ausland reiste und dort die gesuchten Waren besorgte.
Enteignetes Erfolgsunternehmen
1932 beschäftigte Hertie nach überstandenen Turbulenzen der Weltwirtschaftskrise bereits rund 20 000 Mitarbeiter. Ein Jahr später brachten die neuen Machthaber das erfolgreiche Unternehmen in die Bredouille. Die Banken wollten dem von Boykottmassnahmen betroffenen jüdischen Unternehmen keinen Kredit mehr bewilligen, was noch 1933 zu bedrohlichen Liquiditätsengpässen führte. Schliesslich setzten die Banken der Familie Tietz die Pistole auf die Brust: liquidieren oder «umstrukturieren». Die Hertie-Besitzer wurden ab 1937 von den Nationalsozialisten sukzessive enteignet. Die Familie Tietz verliess Deutschland – der erfolgreiche Markenname blieb.
Während des Zweiten Weltkriegs ging der Hertie-Geschäftsbetrieb weiter, obwohl viele der Häuser von Bomben getroffen wurden und andere Filialen als Lazarett für die Kriegsverwundeten dienten. 1945 hatten von zehn Berliner Geschäften drei überlebt. 1949 erreichten die Tietz-Erben in einem Restitutionsverfahren die Rückgabe der Geschäfte in München, Stuttgart und Karlsruhe. In den Jahren des Wirtschaftswunders der Bundesrepublik war Hertie bald wieder einer der führenden Konzerne unter den deutschen Kaufhausketten. Doch als sich mit zunehmender Mobilität der Kundschaft das Einkaufsvergnügen von den Innenstädten in die Supermärkte und Einkaufszentren auf der grünen Wiese verlagerte, blieb auch Hertie langfristig nicht verschont. 1993/94 übernahm der Konkurrent Karstadt die angeschlagenen Hertie-Häuser – der renommierte Name Hertie verschwand, die Probleme blieben. Der Angebotsvielfalt, der grossen Auswahl und den niedrigeren Preisen spezialisierter Grosskaufhallen hatten Allesanbieter wie Hertie trotz entsprechender Zukäufe langfristig nichts entgegenzusetzen. Vor allem die junge Kundschaft entwickelte im letzten Jahrzehnt ein neues Einkaufsverhalten. Anregungen holt sich der Kunde gern beim Schaufensterbummel, doch Service und Fachberatung, traditionell eine Stärke der Kaufhäuser, bezieht die Kundschaft zunehmend über das Internet. Die Einrichtung ersteht man im schwedischen Möbelhaus, den DVD-Player beim Elektronikriesen. Gestöbert wird online. Bücher und Weinkisten werden bis an die Haustür gebracht. Was dann noch fehlt, liefert die eBay-Gemeinde.
Keine Zukunft für das Kaufhaus?
Vor rund vier Jahren veräusserte der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor 73 Karstadt-Filialen an den Investor Daw-nay Day. Der britische Geldgeber besann sich auf die historischen Wurzeln des Unternehmens, zu dessen Portfolio so renommierte Häuser wie das Flaggschiff, das Berliner Kaufhaus des Westens (KaDeWe), gehörten – der Name Hertie tauchte 2007 wieder auf. Nun aber soll er für immer verschwinden. Die im Zuge der Hertie-Pleite laut gewordene Kritik am britischen Investor, der selbst in finanzielle Schieflage geraten ist, hält indes an. Denn schuld an der bevorstehenden Schliessung sei die «Gier» des Finanzinvestors, sagte eine Gewerkschaftssprecherin. Sie beschimpfte die Verantwortlichen von Dawnay Day als «Finanzhaie», die vom Einzelhandel nichts verstünden und mit überzogenen Mieten ihre Renditen hochschraubten. Ging es dem Investor, einem Immobilienriesen, überhaupt um die Rettung des Geschäftsbetriebs – oder nur um die Übernahme nun bald leer stehender Geschäftshäuser? Die zum Sündenbock gemachte Gegenseite konterte, es sei letztlich die Investition der Briten von 180 Millionen Euro gewesen, die das Unternehmen über Wasser gehalten habe. Sicher ist: Hertie ist kein Einzelfall. In den vergangenen Monaten gerieten weitere Warenhausketten in Schwierigkeiten, im April musste der Billiganbieter Woolworth Insolvenz anmelden. Nun rätseln Brancheninsider über das Schicksal der verbliebenen grossen Kaufhausmarken. Was wird aus Karstadt? Das Firmensterben im Einzelhandel geht weiter – die Ära des grossen Warenhauses neigt sich dem Ende zu.


