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15. Mai 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 21 Ausgabe: Nr. 20 » May 19, 2009

Kleine Gemeinde mit grosser Vergangenheit

von Gisela Blau, May 19, 2009
Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund führt seine Delegiertenversammlung dieses Jahr wieder in Endingen durch. Die kleine Gemeinde mit der grossen Vergangenheit empfing zuletzt 1998 die jüdische Vertretung aus der ganzen Schweiz.
SYNAGOGE IN ENDINGEN Ein herrlicher Tempel, erbaut im Jahr 1852

Das Surbtal ist seit der mittleren Steinzeit reich an Siedlungsgeschichte. Nach dem Mittelalter, als es nach Mord, Vertreibung und Verbannung keine jüdische Besiedlung der Schweiz mehr gab, erlaubten zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert nur die beiden Surbtaler Gemeinden Endingen und Lengnau eine dauerhafte, wenn auch räumlich beschränkte Niederlassung für Juden.  
Diese Gnade war nicht gratis. Ab 1696 mussten die Juden alle 16 Jahre für teures Geld einen «Schutz- und Schirmbrief» erkaufen. Sie durften auch nicht mit Christen unter einem Dach wohnen. Deshalb gibt es in Endingen Häuser mit zwei Eingängen. Noch heute sind mehrere dieser «Judenhäuser» mit ihren doppelten Haustüren erhalten. Die Familien, die sich hier niederliessen, die Bloch, Bollag, Braunschweig, Dreifuss oder Guggenheim hiessen, haben und geben sich gerne den Pioniernimbus der britischen Flüchtlinge auf der «Mayflower», die als «Pilger» an der Ostküste Nordamerikas siedelten.  

Ein Glücksfall

Die Tagsatzung der «Acht Alten Orte» 1678 in Baden erlaubte den Juden diese Niederlassung in «Entingas» (Endingen) und «Leginwanc» (Lengnau), wie die Dörfer in der ältesten Urkunde aus dem Jahr 798 hiessen, als sie vom Thurgauer Grafen dem Kloster St. Gallen geschenkt wurden. Was für jüdische Migranten ein Glücksfall war, bedeutete für die hohen Herren ein Geschäft wie andere auch. An der gleichen Tagsatzung erhielt beispielsweise das winzige Dorf Gottlieben am Bodensee, einst ein wichtiger Salzhafen, von den regierenden Orten das Marktrecht und durfte ab 1692 jährlich zwei Jahrmärkte durchführen.
Die Juden in der Grafschaft Baden, zu der die beiden «Judendörfer» gehörten, waren nun direkt dem Landvogt unterstellt. Sie durften kein Land besitzen und kein Handwerk ausüben. Ihnen blieben nur die Geldausleihe, das Hausieren sowie der Viehhandel. Auch die Familie von Jules Bloch, dem langjährigen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen, die im Wesentlichen nur aus seiner sowie der Familie seines Bruders Max und den Familien ihrer Kinder besteht, ist in der sechsten Generation in Endingen ansässig und Nachfahre einer Dynastie von Viehhändlern. Urgrossvater, Grossvater und Vater kauften und verkauften Vieh. Auch Jules Bloch besitzt noch ein Händlerpatent.

Eine beeindruckende Synagoge

1750 durften die Surbtaler Juden zwischen Lengnau und Endingen einen Friedhof anlegen, eine erhöhte, ruhige Insel inmitten alter Bäume. 2500 Menschen liegen dort begraben, auch die Grosseltern von Bundesrätin Ruth Dreifuss. Schändungen gab es während der Holocaust-Debatte in den neunziger Jahren.
In Endingen gibt es keine katholische und keine evangelische Kirche. Aber es gibt eine gewaltige Synagoge mit einem Treppengiebel wie ein Schloss. Sie wurde Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut, als die Juden mehr als die Hälfte der rund 2000 Einwohner stellten. Und sie verfügt über eine Uhr mit Glockenschlag, die einzige im Dorf. Hier «nimmt der Synagogenbau der Neuzeit in der Schweiz seinen Anfang», schreibt der Architekt Ron Epstein in seinem umfassenden, vom Fotografen Michael Richter kongenial bebilderten Band «Die Synagogen der Schweiz» (Chronos-Verlag). Die Synagoge von Lengnau entstand bereits 1750, jene von Endingen wurde 1764 erbaut. Sie zeigen «in der formalen Gestaltung ihrer Innenräume klare Anlehnungen an die damals übliche Architektur
europäischer Synagogen. Die äusseren Teile jedoch entsprachen der Tradition damaliger schweizerischer Architektur» (Ron Epstein).

Bemühungen um Gleichstellung

Die Endinger feierten ihre Gottesdienste vorher in gemieteten Betsälen. Der letzte von 1754 muss in einem derart schlechten Zustand gewesen sein, dass sich der Zürcher Fraumünsterpfarrer Johann Caspar Ulrich, der Chronist jüdischen Lebens in der Schweiz, äusserst abfällig darüber äusserte. Der ersten Synagoge folgte keine
100 Jahre später eine neue, grössere, die notwendig geworden war, weil die Gemeinde gewachsen war. Sie war grösser als jene in Lengnau. Der Neubau kostete 20 000
Gulden, sie wurden laut einem Bericht der «Allgemeinen Zeitung des Judentums» vom
17. März 1852 über den «herrlichen Tempel» durch den «Verkauf von 50 Doppelstühlen (Männer- und Weiberabteilung) und 12 Logenstühlen gedeckt, wobei sich noch ein Überschuss von 4500 Gulden ergab. Dieses Resultat ist für die Gemeinde umso erfreulicher, als die Stühle meistens von Leuten aus dem Mittelstande angekauft wurden.»
Die Einweihung der neuen Endinger Synagoge am 26. März 1852 erfolgte im Jahr, in dem die jüdischen Männer im Kanton Aargau begannen, Militärdienst zu leisten, und vier Jahre nach der Gründung des Bundesstaats und der Einführung der ersten Verfassung, die den jüdischen Männern keinerlei Freiheiten zugestand. Der linke Flügel des Aargauer Liberalismus wurde in seinen Bemühungen um die Gleichstellung von jüdischen und christlichen Männern nur von den Kantonen Waadt, Neuenburg und Genf unterstützt, wie der Historiker und Politiker Josef Lang schreibt (Der Widerstand gegen die Juden¬emanzipation in der Zentralschweiz, in: Aram Mattioli Hg.: Antisemitismus in der Schweiz 1848–1960.): «Die Tatsache, dass etlichen Kantonen, vor allem den katholisch-konservativen, die Gleichberechtigung der beiden christlichen Konfessionen aufgezwungen werden musste, führte bei den meisten Freisinnigen zur Befürchtung, mit der gleichzeitigen Emanzipation der Juden könnte die Bundesverfassung in der Volksabstimmung scheitern.»  

Ungleichstellung bis 1983

Erst 1874 wurde die Judenemanzipation im Rahmen der Totalrevision der Verfassung auf Bundesebene eingeführt, nicht zuletzt auf Druck aus dem Ausland. Nun verpflichtete der Bund den Kanton Aargau, die Einwohnergemeinden Neu-Endingen und Neu-Lengnau zu schaffen, in denen die Juden die gleichen Rechte wie die Christen haben sollten. Gegen die Einbürgerungsverfügung des Aargauer Parlaments erhoben die beiden christlichen Altgemeinden Beschwerde beim Bundesgericht. In der Folge zogen die meisten jüdischen Familien nach Baden und Zürich, die jüdische Bevölkerung nahm ab. Trotz besten Einvernehmens der jüdischen mit den christlichen Dorfbewohnern blieb
eine Restmenge von Diskriminierung erstaunlicherweise bestehen: Bis 1983 blieben die Juden Bürger des Gebildes Neu-Endingen, wurden in einem separaten Register geführt und durften an den Versammlungen der Ortsbürgergemeinde nicht teilnehmen, obwohl sie seit Generationen ansässig und integriert waren. Diese Ungleichstellung wurde erst 1983 korrigiert.  Auf der offiziellen Homepage von Endingen wird stolz auf die jüdische Vergangenheit des Dorfes hingewiesen. Die «Heimkehr» der Bundesrätin Ruth Dreifuss im Jahr 1993 wurde als Volksfest gefeiert, für das der Dorfbäcker die süsse Spezialität «Dreifüssli» kreierte. An der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds werden die Honoratioren des Dorfes als Gäste und Freunde teilnehmen, Seite an Seite mit der Vertretung der Kantonsregierung und der Aargauer Bunderätin Doris Leuthard.    





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