Eine verpasste Chance
Man hat den Eindruck, dass die bevorstehende Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) in Endingen wie gewohnt friedlich, festlich und problemlos ablaufen wird. Aus der Distanz betrachtet ist aber die Situation des SIG als politische Vertretung der Schweizer Juden nicht so problemlos, wie es den Anschein macht. Zwischen dem SIG und seinen gleichgesinnten Partnern einerseits und dem Bundesrat, speziell dem EDA, anderseits,
haben im Rahmen der Nahost-Politik und der Anti-Rassismus-Konferenz in Genf laufend Reibereien stattgefunden; den Avancen der Schweizer Bundesräte gegenüber dem iranischen Präsidenten und Holocaust-Leugner wird in der jüdischen Gemeinschaft mit grossem Missmut begegnet; die offiziellen Beziehungen zwischen Israel und der Schweiz sind offenbar gegenwärtig so schlecht wie schon lange nicht mehr – das ist alles ein gerüttelt Mass an Zündstoff. SIG-Präsident Herbert Winter wird nichts anderes übrig bleiben, als in seinem wohlformulierten Rechenschaftsbericht diese betrüblichen Sachverhalte mit Bedauern zu registrieren.
Den Organisatoren der Versammlung wird bei der Programmgestaltung wohl nicht entgangen sein, dass auch Bundesrätin Doris Leuthard an der Tagung teilnimmt und zur Versammlung sprechen wird. Sie ist justament ein Mitglied der Landesregierung, die vom SIG sehr oft mit Kritik bedacht wird. Hat man beim SIG daran gedacht, der Magistratin allenfalls im Programm den Platz und die Zeit einzuräumen, die sie – falls konvenient – benötigen würde, um replizieren und interpretieren zu können? Wohl kaum, sonst hätte das SIG-Sekretariat – wie man hört – auf spezielle Anfrage der Magistratin nicht eine Redezeit von lediglich zehn Minuten zugestanden. Als vor Jahresfrist Doris Leuthard ihre Teilnahme zugesichert hatte, frohlockte die SIG-Leitung damit, ein Regierungsmitglied für die Aufwertung der Tagung gewonnen zu haben. Im faktischen Programm hat man aber die Bundesrätin mit vielen anderen in den langen Korso der Grussbotschaften versetzt.
Die Gretchenfrage ist, ob nach der zugesagten Präsenz von Doris Leuthard seitens des SIG-Präsidenten der Magistratin die Übernahme des eigentlichen Festvortrags mit der Thematisierung des historischen Dreiecksverhältnisses Schweiz – Schweizer Juden – Israel angetragen worden ist. Wenn die Bundesrätin in einer spannungsgeladenen Zeit spontan und trotz allem vorbehaltslos im SIG auftrifft, gehört sie an die Spitze der Rednerliste und nicht in die Etappe. Das heute vorliegende Endinger SIG-Programm ist eine Fehlkonstruktion. Sie meidet die politische Schweizer Aktualität und verpasst eine Chance.
Wenig gesprochen wurde bisher von Michael Wolffsohn aus München: ein brillianter Kopf und begnadeter Referent. Der SIG hätte vielleicht besser getan, seinen Vortrag über Europas Juden und Israel in einer speziellen Veranstaltung von jüdischen Gemeinden im Dreiländereck Schweiz–Deutschland–Frankreich, zum Beispiel in Basel, aufzuziehen. Wolffsohn ist zumindest die Ehre zuteil geworden, in der Einladung des SIG in der Presse als alleiniger Referent der Tagung aufgeführt worden zu sein. In einem Anflug an Respektlosigkeit haben die Organisatoren die Teilnahme von Doris Leuthard, die immerhin die Grüsse des Bundesrats überbringt, im Inserat ganz weggelassen. Rückfragen bei Protokollspezialisten, zum Beispiel beim Staatsschreiber des Kantons Zürich, haben ergeben, dass das vorliegende SIG-Inserat unfreundlich und protokollwidrig sei. Dies alles wird die Magistratin nicht sonderlich stören – mich stört es.
Michael Kohn ist ehemaliger Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds.


