Zehn Jahre Aufbruch und Bewegung
Die Bewegung Ofek (was hebräisch «Weite, Horizont» bedeutet) wurde vor zehn Jahren von Valerie Rhein sowie dem Ehepaar Marcel und Rivka Lang in der Hoffnung initiiert, den Grundstein für ein pluralistisches und aufgeschlossenes Judentum in Basel zu legen. Seither haben Menschen mit unterschiedlichstem Hintergrund ihre geistige Heimat und ihr soziales Umfeld bei Ofek gefunden. Zahlreiche der rund 200 Mitglieder sind gleichzeitig Mitglieder der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB); vielen von ihnen geht es vor allem um eine religiöse Öffnung der Basler Einheitsgemeinde. Die Begriffe Pluralismus und Toleranz prägen die Bewegung, die nun nach zehn Jahren einen Rückblick in die Vergangenheit und einen Ausblick in die Zukunft wagt: «Wo stehen wir und wohin gehen wir? Zehn Jahre Ofek: Rück- und Ausblick» heisst die Veranstaltung, die am kommenden Sonntag in der IGB stattfindet (siehe Kasten 1). In dieser Woche ist zudem das Jubiläumsbuch «Den Horizont im Blick – Zehn Jahre Ofek» erschienen (siehe Kasten 2), in dem die Historie der Bewegung dargestellt wird und Exponentinnen und Exponenten in und um Ofek Einblicke geben. Zudem werden verschiedene Szenarien in der Zusammenarbeit mit der IGB einerseits und neuen progressiven Gruppierungen wie Migwan oder Od Mashehu andererseits skizziert.
Die Vielfalt des Judentums
Die Ofek-Leitlinien, die in den Jahren 2000 bis 2002 festgelegt wurden, beginnen mit folgendem Bekenntnis: «Die Vielfalt des Judentums ist eine Stärke, zu der sich Ofek bekennt. Auf Thora, Talmud, Halacha, Minhag, Tradition, Geschichte, Wissenschaft und Kultur gründet sich jüdisches Leben unterschiedlicher Prägung.» Ofek ist nach eigener Aussage seit zehn Jahren unterwegs zu neuen Horizonten. Einige Ziele sind erreicht worden, andere Bestrebungen wurden noch nicht erfüllt. So können seit den Anfängen und bis heute kulturelle und gesellschaftliche Anlässe von Ofek innerhalb der IGB stattfinden; in diesem Punkt gibt es keinerlei Einschränkungen seitens der Gemeinde. Umgekehrt stellte Ofek bis heute die IGB nie als Treffpunkt kultureller und gesellschaftlicher Anlässe in Frage, obgleich es manchmal vielleicht weniger kompliziert gewesen wäre, wenn man die wieder aufkommende Diskussionen über die IGB-Kaschrut-Auflagen vermieden und sich andernorts getroffen hätte. Ofek aber bekennt sich immer wieder zur Idee der Einheitsgemeinde und fühlt sich, so die Verantwortlichen, mit seinem kulturellen und gesellschaftlichen Programm in der Gemeinde willkommen. Mit dem mittlerweile traditionellen Lerntag Jom Ijun ist es dem Verein gelungen, einen Anlass zu organisieren, an dem unabhängig vom religiösen Hintergrund gemeinsam gelernt wird – auf dem Gelände der IGB.
An Grenzen gestossen
Problematischer gestaltet sich das Entgegenkommen der Gemeinde bei religiösen Anlässen von Ofek, die trotz mehrfacher Vorstösse bis zum heutigen Tag nicht in der IGB stattfinden dürfen, obgleich die grosse Mehrheit der Ofek-Mitglieder auch in der IGB ist. Fakt ist dennoch, dass es in den vergangenen zehn Jahren nicht gelungen ist, einmal im Monat am Schabbat einen der zahlreichen leer stehenden Räume auf dem IGB-Areal für die Ofek-Gottesdienste zu nutzen. Im Ofek-Jubiläumsbuch wird die Enttäuschung über diese Situation zum Ausdruck gebracht: «An dieser Ausgrenzung von Mitgliedern der Einheitsgemeinde IGB, die sich für eine ‹andere› Observanz entschieden haben, hat sich (...) unter drei Rabbinern und drei Gemeindepräsidenten nichts geändert.» Kritik wird laut und Ofek meint zu erkennen, dass die IGB trotz ihres breiten Mitgliederspektrums keine religiöse Vielfalt duldet. Im Gegensatz zum aktuellen und vorherigen Präsidenten der IGB hat der Gemeinderabbiner Yaron Nisenholz tachles auf Nachfrage ausdrücklich darum gebeten, seinen Namen im Zusammenhang mit dem Ofek-Jubiläum nicht zu nennen.
Der Ofek-Vorstand, dessen erklärtes Ziel es ist, in dem Moment «überflüssig» zu werden, wenn jedes Mitglied seinen Glauben frei in der Einheitsgemeinde praktizieren kann, sieht sich von dieser Vision auch aufgrund dieser Zurückweisung noch weit entfernt. Gemeindepräsident Guy Rueff allerdings bemerkt gegenüber tachles, dass die IGB Ofek zum Jubiläum «nur das Allerbeste» wünsche und «hofft, die in den letzten Jahren immer bessere Zusammenarbeit weiter in gegenseitigem Vertrauen ausbauen zu können und so einem breiteren Publikum die Möglichkeit zu geben, seine Religiosität in einem seinem Bedürfnis entsprechendem Rahmen abhalten zu können und gleichzeitig die Werte der IGB kennenzulernen.» Rueff betont weiter, dass die vielfältigen kulturellen Anlässe von Ofek allen Gemeindemitgliedern zudem immer wieder die Möglichkeit gäben, in einem Rahmen ausserhalb der IGB neue Erkenntnisse zu gewinnen und so den Horizont zu erweitern. Es scheint, als wäre es auch nicht im Sinne der IGB, würde sich Ofek langfristig von der Gemeinde entfernen und stattdessen vermehrt mit progressiven Basler Bewegungen wie Migwan oder Od Mashenu kooperieren, was schon heute der Fall ist. Benjamin Rosenbaum, Präsident von Migwan, bestätigt gegenüber tachles die Zusammenarbeit beider Organisationen: «Wir haben eine sehr enge Beziehung, organisieren gemeinsame Anlässe und koordinieren unsere Aktivitäten miteinander.»
Eine positive Kraft
Auf die vergangenen zehn Jahre schaut der Vorstand auch mit Stolz zurück. So sagt Peter Jossi: «Die Bewegung Ofek wurde geboren aus der Wut und der Empörung – und verwandelte sich rasch in eine positive Kraft». Auch er hebt hervor, dass Ofek heute eine Rolle im Leben der Gemeinde spiele. René Spiegel, ehemaliger Präsident der IGB, bestätigt dies. Wenn die Gründung und Tätigkeit von Ofek die IGB in seiner Wahrnehmung auch nicht «geöffnet» habe, so befriedige sie doch «innerhalb der IGB und – gewissermassen als Brückenkopf zu den Nichtmitgliedern – einen Teil der sozialen, religiösen und spirituellen Bedürfnisse von jüdischen Menschen, die sich nicht der Orthodoxie und auch nicht der schweigenden Mehrheit zurechnen.» Auch Ofek-Präsidentin Valérie Rhein sagt gegenüber tachles, Ofek habe in den vergangenen zehn Jahren dazu beigetragen, dass man in Basel viele Facetten des Judentums leben könne. Sie betont: «Seit vielen Jahren besuchen ganz unterschiedliche Leute einmal monatlich einen Ofek-Schiur und ebenso häufig nehmen sie an einem egalitären, meist von Laien gestalteten Gottesdienst teil. Dieses gemeinsame Lernen und Praktizieren ist ein Prozess, der die Beteiligten und deren jüdische Identität nachhaltig prägt.» Für die Zukunft wünscht sich Rhein, die nun – ebenso wie Vizepräsidentin Catherine Fürst – von ihrem Amt zurücktritt, dass alle Jüdinnen und Juden der Region Basel kooperieren, sich respektieren, voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen und stärken. Ihren Rücktritt begründet sie damit, dass nach zehn Jahren nun die Zeit für ein neues Präsidium gekommen sei – wer dies sein wird, wird noch nicht bekannt gegeben. Für das Bestreben, bewussten liberalen Jüdinnen und Juden eine Heimat zu geben, wird Ofek – wie im Jubliäumsbuch nachzulesen ist – von zahlreichen Baslern gedankt. So schreibt alt Regierungsrat Ralph Lewin, der in den Anfängen von Ofek aktiv dabei war und den Verein heute als Sympathisant unterstützt: «Gäbe es Ofek nicht, man müsste sie erfinden.»
www.ofek.ch


