Die Zeichen der Zeit
Herausforderung. Das 21. Jahrhundert ist von religiöser Vielfalt und Säkularisierung geprägt. Eine Entwicklung, die auch die jüdischen Gemeinden in der Schweiz vor Herausforderungen stellt. So kommt immer wieder die Frage auf, ob die Einheitsgemeinden, deren Strukturen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammen, in ihrer heute existierenden Form überhaupt noch zeitgemäss sind. Ihre Idee geht von Voraussetzungen aus, die in der heutigen Zeit nicht mehr gegeben sind – das moderne, in die Gesellschaft integrierte Judentum definiert sich neu und hat andere Erwartungen an die Einheitsgemeinden als dies früher der Fall war.
Aufbruch. Mit der Basler Bewegung Ofek (auf Hebräisch: «Weite, Horizont»), die vor zehn Jahren ins Leben gerufen wurde, starteten ihre Initiatoren bereits Ende der neunziger Jahre den Versuch, auf die Zeichen der Zeit zu reagieren und dem modernen Judentum eine neue Heimat zu geben. Ofek als Pionierin des nicht orthodoxen jüdischen Lebens reagierte damals auf ein Bedürfnis – heute spielt der Verein, der aus der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) heraus entstanden ist und ihr nahe steht, eine bedeutende Rolle im jüdischen Leben der Stadt – weitere Bewegungen wie Migwan oder Od Mashehu folgten und ziehen heute zahlreiche Menschen an. In Zeiten, in denen es im Privatleben kaum mehr Grenzen zur Mehrheitsgesellschaft gibt und die Zahl der Mischehen auf mehr als 50 Prozent steigt, versucht die jüdische Gemeinschaft vielfältige neue Formen zu finden, um den veränderten Vorstellungen von einem pluralistischen und lebendigen Judentum und religiöser Vielfalt gerecht zu werden. In gesellschaftlicher Hinsicht spielen die Einbeziehung nicht jüdischer Partner, die Integration der Kinder aus interreligiösen Beziehungen in die Gemeinschaft sowie die Akzeptanz Homosexueller eine bedeutende Rolle. Eine offene Diskussion über Themen, die für moderne Jüdinnen und Juden heute wichtig sind, ist ein Bedürfnis.
Risiko. Einheitsgemeinden wie die IGB stehen dieser Entwicklung nicht nur positiv gegenüber: Auch nach zehn Jahren wird Ofek nach wie vor nicht gestattet, egalitäre religiöse Anlässe auf dem Gelände der Gemeinde zu organisieren. Ergänzende Alternativen zum rein orthodoxen Gottesdienst sind auf dem IGB-Areal nach wie vor unerwünscht. Die Bewegung Ofek, die nach wie vor an einem Platz innerhalb der Einheitsgemeinde interessiert ist, fühlt sich zurückgestossen. Die Gemeinden gehen daher mit ihrem Verhalten das Risiko ein, dass die immer stärker werdenden jüdischen progressiven Gruppen weiter kooperieren und zu einer tragenden Kraft und echten Alternative zur halachisch geführten Einheitsgemeinde werden. Ihre Mitgliederzahlen könnten noch weiter sinken, sollte ein grösserer Teil der Gemeinde sich nicht akzeptiert fühlen.
Mut. Um konstruktive Lösungen zu finden, braucht es vor allem Mut. Die Orthodoxie müsste es wagen, trotz ihrer heute noch vermeintlich stärkeren Position gemeinsame Wege zu suchen – ohne Angst vor schwindender jüdischer Identität, die sich heute mehr durch Faktoren wie Geschichte, Kultur und Herkunft definiert als durch die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde. Es geht darum, die von innen erwachsenen Bedürfnisse der Mitglieder ernst zu nehmen, Ungleichheiten zu akzeptieren, Unterschiede anzuerkennen, um schliesslich zu einer echten Einheit zusammenzuwachsen. Ein zukunftsträchtiges Modell auch im Sinne der Juden, die ihr Judentum zeitgemäss im Rahmen ihrer Einheitsgemeinde leben möchten, könnte aus politischem Mut und religiöser Toleranz erwachsen.


