Chorreise in die Ukraine
Der alte Mann in Kolomea wünschte sich sehnlichst Tefilin (Gebetsriemen). Raymond Guggenheim, der seit Jahren Reisen in die Ukraine durchführt, bekam zwei Sets von Ron Epstein und brachte sie bei seinem nächsten Besuch ins alte jüdische Galizien mit. Sein Bericht über die rührende Freude des alten Mannes in dieser auf wenige Personen geschrumpften Gemeinde brachte Epstein, Tenor im Zürcher Synagogenchor, auf die Idee, diesen Gemeinden auch synagogale Musik zu bringen. So entstand das Programm einer Reise, auf der Guggenheim den Chor vom 14. bis 24. Mai in die Ukraine führen wird. Die Konzertpianistin Noemi Rueff wird die Tournee begleiten. Vorlage für das kyrillisch beschriftete Tournee-Plakat ist eine Fotografie der Journalistin und tachles-Mitarbeiterin Vivianne Berg.
Eine einmalige Tournee
Viermal tritt der Chor auf: In Odessa am Freitagabend-Gottesdienst in der Synagoge und am Sonntagabend zu einem grossen Konzert in der Philharmonie. «Der jüdische Bürgermeister von Odessa und die Spitzen des Kulturlebens werden uns einen Empfang geben», freut sich Ron Epstein. Nach Abstechern zu den Gräbern von Rabbi Nachman und des Baal Schem Tov erreichen die Sänger das ehemalige Czernowitz. Das Konzert findet nicht in der Synagoge statt, in der Joseph Schmidt einst Kantor war, denn diese ist heute ein Kino. So singen die Zürcher im Jüdischen Theater und werden von der jüdischen Gemeinde bewirtet. Natürlich steht auch Kolomea auf dem Programm, wo die Zürcher im Volkshaus auftreten. Der letzte Auftritt der Reise findet am Schabbat-Gottesdienst in der renovierten Synagoge von Lemberg (heute Lviv) statt.
Diese einmalige Tournee des erfolgsgewohnten Zürcher Synagogenchors wird für die Nachwelt festgehalten. Der Zürcher Filmemacher Walo Deuber, der auch Kinofilme schuf, wird den Chor begleiten und einen Dokumentarfilm über die Tournee drehen. Deuber drehte 1997 in der Ukraine die wunderbare preisgekrönte Dokumentation «Spuren verschwinden – Nachträge ins europäische Gedächtnis» über das Ende der jüdisch-galizischen Lebenswelt in der Schoa, mit literarischen Texten und den Zeugnissen Überlebender. 1998 drehte er im Auftrag der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) den Schulungsfilm «Jüdisch leben in der Schweiz». Die Kamera führt Joram Holtz, Absolvent von Filmschulen und Sohn des Chorsängers Walter Holtz.
Ein Wermutstropfen
Die Finanzierung der Reise ist dank Subventionen der ICZ und privater Mäzene gesichert, auch weil jeder Sänger rund zwei Drittel seiner Spesen selber bezahlt. Für die Produktion des Films, der später durch diverse Vorführungen Einnahmen generiert, wird noch Geld gesucht. Der einzige, grosse Wermutstropfen wird die Abwesenheit dass ICZ-Kantors Marcel Lang sein, der mit dem Synagogenchor noch die hervorragende CD «Kolenu» aufgenommen hat. Er ist zu krank, um «seinen» Chor in die Ukraine zu begleiten. An seiner Stelle soll nun der frühere ICZ-Kantor Bernard San mitreisen.


