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30. April 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 18 Ausgabe: Nr. 18 » April 29, 2009

Zwischen Kleinkrieg und «Nationsbildung»

April 29, 2009
Editorial von Andreas Mink

Skepsis. Getreu dem Motto von Franklin D. Roosevelt «Action, Action, Action» hat Barack Obama in den handlungsstarken ersten 100 Tagen seiner Präsidentschaft im März auch eine neue Strategie im Kampf gegen die Taliban und al-Qaida vorgestellt. Doch nach wenigen Wochen regen sich grundsätzliche Zweifel an dem Konzept. Auf den ersten Blick hat Obama die amerikanischen Ziele in Afghanistan und Pakistan deutlich reduziert. Fortgesetzte Kommando-Operationen und Luftangriffe in Pakistan sollen die Islamisten in die Defensive zwingen, während westliche Bodentruppen in die afghanische Provinz ausschwärmen, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen und Infrastrukturprojekte abzusichern. Das tönt vernünftig. Doch offensichtlich haben die USA erhebliche Probleme, in der Region die Initiative zu behalten. Muss Obama statt eines professionell geführten Kleinkriegs doch ein gewaltiges «Nationsbildungs»-Programm in Afghanistan und Pakistan auflegen und dazu den regionalen Urkonflikt zwischen Pakistan und Indien schlichten, wie der Ex-Pentagon-Geheimdienstler Colonel Patrick Lang in seinem Blog provokant fragt? Lang dürfte mit seiner Skepsis richtig liegen: Die westlichen Einsätze im Afghanistan und den pakistanischen Stammesgebieten fordern zivile Opfer, die das Vertrauen der lokalen Bevölkerungen in ihre Hauptstädte und die Natotruppen weiter erschüttern. Vor allem in Pakistan zeigt sich die Regierung von Präsident Asif Ali Zardari hilflos und inkompetent gegenüber den Taliban, die nach dem Swat-Tal auch in die nur 100 Kilometer von der Haupt-stadt Islamabad entfernte Provinz Buner vordringen.


Strategie. Dass die 500 000 Mann starke, mit amerikanischen Milliardenhilfen aufgepäppelte pakistanische Armee nicht in der Lage ist, Stammeskrieger mit Kalaschnikows zu stoppen, ist der eigentliche Schocker dieser Krise, die sich rasant zur gefährlichsten der Erde entwickelt: Das Militär im Lande ist nicht bereit, sich von der Frontstellung gegen den Erzfeind Indien auf den Kleinkrieg gegen die Taliban umzustellen. Zudem sympathisieren viele hohe Offiziere mit den Islamisten – schliesslich wären die Taliban oder die Lashkar e-Taiba in Kaschmir nie ohne die Geburtshilfe des pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI entstanden. So müssten die Amerikaner und ihre Verbündeten eigentlich nicht nur im Hinterland von Af-Pak operieren, wie die Region inzwischen in den US-Medien genannt wird, sondern auch die abgewirtschafteten Regimes in Kabul und Islamabad ersetzen, um eine zusammenhängende Strategie im Kampf gegen paschtunische Stammesmilizen und islamistische Kader zu realisieren.


Vernunft. Obendrein scheint niemand ausser Obama und seinem Af-Pak-Beauftragten Richard Holbrooke willens oder fähig, Indien, Pakistan und Afghanistan davon zu überzeugen, dass die Beilegung der diversen ethno-religiösen Konflikte der von der Region  über Kaschmir, die Paschtunengebiete bis nach Belutschistan im Interesse aller Beteiligten liegt. Dass die Islamisten nicht nur die Scharia einführen, sondern auf das pakistanische Nuklearpotenzial zugreifen wollen, sollte eigentlich genügen, die regionalen Mächte zur Vernunft und an den Verhandlungstisch zu bringen. Allein kann auch Obama wenig ausrichten.    





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