Mut zum Umbau
Die ausserordentliche Gemeindeversammlung der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) war für das Thema Umbau vorgesehen, fiel jedoch auf den Vorabend des Jom Hasikaron, an dem Israel und die Diaspora der Soldaten gedenken, die im Kampf für den Staat Israel gefallen sind. So erteilte Co-Präsident André Bollag zuerst Rabbiner Marcel Ebel das Wort für eine besinnliche Ansprache zum Gedenktag.
Keine Abstimmung über Tiferet
Beim Traktandum Mitteilungen aus Vorstand und Kommissionen konnte Bollag zunächst ICZ-Mitglied Kurt Nordmann zur erlangten Rabbinerwürde gratulieren. Auch Alain Gut, Präsident der Schulkommission, wartete mit guten Nachrichten auf: Die Zürcher Bildungsdirektorin Regine Aeppli erteilte die definitive Bewilligung für den Privatkindergarten der ICZ, der alle Auflagen des neuen Schulgesetzes erfülle. Wegen der Bedürfnisse der jungen Eltern, die oft beide berufstätig oder allein erziehend sind, bietet die ICZ in Kindergarten und Ganon vom Schuljahr 2009/10 an eine Tagesstruktur vom frühen Morgen bis 18 Uhr, am Freitag bis 14 Uhr.
André Bollag, der zum ersten Mal, aber mit viel Geschick und mit der nunmehr vom Co-Präsidium gewohnten Offenheit durch eine Gemeindeversammlung leitete, informierte, weshalb an diesem Abend nicht auch über eine befristete Assoziierung der modern-orthodoxen Gemeinschaft Tiferet abgestimmt werde. Der Vorstand und er persönlich seien aufgrund der konstruktiven Verhandlungen wohl zu optimistisch gewesen. Nach dem Orientierungsabend habe die Lagebeurteilung des Vorstands ergeben, dass das Resultat sehr knapp ausgefallen wäre und zu viele Mitglieder auf beiden Seiten unzufrieden gemacht hätte, was der guten Stimmung in der Gemeinde abträglich gewesen wäre. Wann das Geschäft erneut vorgelegt werde, wisse der Vorstand nicht. Aber er bleibe beim Ziel, dass die ICZ ein Zuhause für alle Juden in Zürich werden solle.
Ein mutiger Entschluss
Es war die richtige Überleitung zum Hauptgeschäft des Abends, den Umbau des Gemeindehauses. Es sollte sich zeigen, dass der Mut der damaligen Gemeinde, in politisch schwierigen Zeiten 1939 ein Gemeindehaus zu bauen, auch 70 Jahre später, diesmal in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, bei den heutigen Generationen ungebrochen vorhanden ist. Sicher nicht zuletzt deshalb, weil nach vielen früheren Anläufen endlich ein machbares, gut durchdachtes Projekt mit einer annehmbaren Finanzierung vorliegt.
André Bollag betonte, es gehe nicht um die Finanzierung des Umbaus, sondern um deren Finanzierung – Geld koste Geld. Falls die Gemeinde gestatte, allenfalls die bestehende Hypothek auf zehn Millionen zu verdoppeln, so würde dies jährlich etwa 150 000 Franken kosten. Das Einschiessen von acht Millionen Franken aus dem ICZ-Vermögen koste 80 000 Franken Mindereinnahmen aus Zinsen; viel Geld, aber im Verhältnis zum Budget von mehr als sieben Millionen Franken zu beurteilen. Die Einsparung der Mehrausgaben von jährlich drei Prozent würden in Sparrunden zusammen mit den Kommissionen erarbeitet, nicht durch eine Erhöhung der Steuern, aber beispielsweise durch die Überprüfung der Zuwendungen an aussenstehende Organisationen. Das Beispiel Tiferet habe gezeigt, dass die Mitglieder mit ihren Steuern primär die ICZ finanzieren wollen.
Klare Zustimmung
Paul Wyler, Präsident der neuen Baukommission, in der auch Co-Präsidentin und Co-Präsident sitzen, stellte nochmals das Projekt vor, das Marc Bloch anschliessend anhand der an alle Mitglieder versandten Broschüre im Detail erläuterte. Für das Kindergartenhaus liege bereits die Baubewilligung vor. Wyler sagte, in der heutigen wirtschaftlichen Krisensituation sei das Umbauprojekt schwierig zu verkaufen. Aber er appellierte mit seinem Lob für den beispielhaften Mut der ICZ von 1939 an die Gemeinde von heute, eine attraktive Infrastruktur mit jüdischem Leben zu füllen. Alle anderen geprüften Optionen wären viel teurer gewesen. Das vorgelegte Projekt mit professionell geschätzten Kosten von 17,3 Millionen Franken für die nächsten zehn bis 20 Jahre sei keine Luxusvariante und überfordere die Gemeinde finanziell keineswegs.
Für den Umbau des Saals, des Herzstücks des Gemeindezentrums, mit einem neuen Eventsaal anstelle der heutigen Empore, gibt es zweckgebundene Sponsorenzusagen von 4,5 Millionen Franken, wovon die René-und-Susanne-Braginsky-Stiftung den grösseren Teil finanziert, was mit viel Beifall quittiert wurde. Von einer anderen Stiftung erhofft sich die Kommission eine weitere Spende von rund einer Million, und auch andere Leute würden noch angefragt. Die von Paul Wyler angeregte Solidarisierung der Gemeindemitglieder mit einer halben Jahressteuer fand nicht überall Anklang. Rabbiner Ebel erinnerte daran, dass bei der Synagogenrenovation der Mut für einen richtigen Eventsaal gefehlt habe, sodass der heutige Gablinger-Saal viel zu klein sei. Paul Wyler und auch Samy Bollag baten namens der Kommission um das Vertrauen der Gemeinde. Einige wenige Anträge von Mitgliedern wurden abgelehnt. Zum Schluss war das Auszählen nicht nötig – knapp 300 anwesende Mitglieder zeigten sich so mutig wie ihre Vorfahren vor 70 Jahren und stimmten für die Renovation und die Erhöhung der Hypothek.


