Demokratie als stärkste Kraft
TACHLES: Sind Sie eher ein Künstler oder ein Minister?
FAROUK HOSNY: Mehr ein Künstler – ich bin eigentlich ein Profikünstler und ein Amateurminister (lacht).
Kann ein Minister aus Leidenschaft die Dinge nicht vielleicht sogar klarer sehen als ein professioneller Politiker?
Als Laie geht man die Dinge wohl mehr mit Vorstellungskraft und Fantasie an. Als Profi arbeitet man für das Prinzip statt für die Sache.
Sind Sie deshalb vielleicht der dienstälteste ägyptische Minister?
Möglich ...
Sie sind persönlich so international orientiert wie Ihre Heimatstadt Alexandria. Der Nahe Osten hat sich ebenfalls im Vergleich zu früher sehr geöffnet. Wie kommt dies?
Wir haben in dieser Gegend schon immer mit dem ‹ausländischen› Element gelebt. Unser Familienarzt war jüdisch, der Bijoutier meiner Mutter war es auch. In unserer Stadt war man daran gewöhnt. Ausgrenzung ist etwas Absurdes, das wir überwinden müssen. Israel hat das Recht, zu existieren, genauso wie die Palästinenser – beide stammen von dort. Man muss dies einfach einmal akzeptieren. Aber die Politik verdirbt solche Ansätze laufend.
Wegen Ihres Einsatzes für die Öffnung Ihres Landes, für Frauenrechte und anderes mehr hatten Sie Konfrontationen mit Extremisten. Ist Konservativismus ein Teil Ägyptens?
Ja, sicher. Ich werde angegriffen. Aber ich lasse mich dadurch nicht beirren, denn ich bin grundlegend ein offener Mensch. Ich verbringe ja auch viel Zeit in Europa, in Paris oder in Rom. Mein Leben lang habe ich in Alexandria mit anderen Kulturen, Religionen und Mentalitäten gelebt. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass ich auf dem richtigen Weg bin, wenn ich sage, dass man den anderen und sein Recht, auf seine Art zu leben, akzeptieren muss.
Sehen Sie für Ihr Land eine laizistische Staatsform als Lösungsmöglichkeit für diese Probleme?
Ja, sicher. Staat und Religion müssten unbedingt getrennt werden, damit man gut zusammenleben kann. Wir müssen einen Weg finden, um an diesen Punkt zu kommen.
Sie haben sich aktiv am Projekt Aladin der UNESCO beteiligt, das unter anderem die Geschichte des Holocaust-in arabischen Ländern vermitteln möchte. Was war Ihr Beweggrund dafür?
Wir sollten aus der Geschichte lernen, und so viele konkrete Dinge sind niedergeschrieben worden. Wir wollen uns gegen jede Art schrecklicher Aggressionen einsetzen, die sich gegen die Menschheit richten. Als Muslim habe ich es in meiner Rede gesagt: Wer einen einzigen Menschen tötet, hat die Menschheit getötet; wer einem einzigen Menschen das Leben rettet, hat die Menschheit gerettet. Das steht im Koran. Allein schon die reinen, enormen Zahlen der Schoah-Opfer müssen es einem doch elend zumute werden lassen. Deshalb habe ich mich entschlossen mitzumachen.
Verstehen Sie, dass heute Ängste vor dem Islam vorhanden sind, etwa wenn ein Mahmoud Ahmadinejad den Holocaust leugnet?
Ja. Aber das ist die Politik. Auf diesem Feld verlangt man Konzessionen, um selbst Konzessionen machen zu können. Aber das hat mit der Realität nichts zu tun, und ich persönlich kann Realität und Politik nicht miteinander in Verbindung bringen.
In Israel konnte man es kaum glauben, dass Sie sich am Projekt Aladin beteiligten, denn Sie haben Israel oft kritisiert, und es gab ja jene Geschichte mit den israelischen Büchern, die sie lieber verbrannt als in ägyptischen Bibliotheken sehen wollten ...
... und die eine fabrizierte Geschichte ist. Ich bin ein kultivierter Mensch, und lassen Sie sich gesagt sein: Ich persönlich war es, der all diese Bücher hat restaurieren lassen. Das ist nun zwölf Jahre her!
Es gab da auch noch eine andere Geschichte über ein jüdisches Museum in Kairo, das sie gemäss Berichten verhindern wollten.
Auch diese Berichte sind Politik. In der Realität bin ich im Begriff, das jüdische Museum in Ägypten in die Tat umzusetzen. Die Juden sind schliesslich Teil der Geschichte Ägyptens, und das ist auch der Grund, weshalb ich alle Synagogen wiederherstellen lasse. Es gab zehn davon, sechs sind bereits restauriert, und der Rest wird folgen. Ich habe ebenfalls die ganze Dokumentation der Genisa konservieren lassen.
Wissen das die Israeli?
Es ist mir völlig egal, ob sie es wissen oder nicht. Ich mache einfach meine Arbeit, und zwar aus der Überzeugung, dass man das Richtige tun soll. Sehen Sie, wenn Sie die ägyptischen Pharaonentempel besichtigen, finden Sie dort immer das Zeichen des Ra mit den zwei Kobras. Genau diese Zeichen finden Sie auch in den ägyptischen Synagogen. Sie sind Bestandteil der ägyptischen Geschichte.
Gibt es in der jüdischen Geschichte auch Elemente, die für Sie schwierig zu akzeptieren sind, etwa den Auszug der Juden aus Ägypten?
Nein, obwohl es mir keine spezielle Freude macht, dass Sie ausgezogen sind, denn sie waren doch Freunde, Brüder und vieles mehr. Es war ein Fehler, sie aus Ägypten zu vertreiben. Es gibt noch heute überall auf der Welt viele Juden, die sich mit Ägypten verbunden fühlen, so etwa der frankophone, in Kairo geborene jüdische Schriftsteller und Poet Edmond Jabès, der 1991 in Paris verstarb. Er fühlte sich genauso als Ägypter wie als Jude.
Können Sie als Künstler sich vorstellen, dass man zwischen ägyptischen und
israelischen Künstlern Brücken bauen könnte? Gibt es sogar solche Projekte?
Ja, ich habe dazu eine Idee, die bei der UNESCO angesiedelt wäre, die dafür eine hervorragende Plattform bieten würde. Aber derzeit ist dies sehr schwierig, weil sich alle gegen die Intellektuellen stellen. Ich kandidiere ja derzeit als Vertreter Ägyptens bei der UNESCO, und falls ich dieses Amt bekomme, könnte ich es dann wohl besser anpacken. Ein solches Projekt könnte durchaus dem Frieden dienen.
Dafür findet man aber Ihre Gemälde in internationalen Galerien.
Ja, und in Museen. Ich hatte Ausstellungen unter anderem im Metropolitan
Museum, in Houston, Paris, Rom, Tokio und an vielen anderen Orten.
Malen Sie denn noch immer?
Ja, natürlich, das ist mein wirkliches Leben. Ich muss diese Energie ausleben.
In Israel avancierte der Film «The Band’s Visit» zu einem der grössten Filmerfolge. Eine Komödie über die Odyssee einer ägyptischen Polizeikapelle durch Israel. Kennen Sie ihn, können Sie sich vorstellen, ihn in Ägypten zu zeigen?
Ja, ich habe ihn gesehen und sehr gemocht, und man möchte, dass ich ihn in Ägypten präsentiere. Aber es gibt, wenn man klug handeln will, für solche Dinge einen richtigen Moment, und wenn ich diesen Film propagiere, dann will ich, dass die Bevölkerung, die Masse ihn akzeptiert. Wenn es zwischen Israeli und Palästinensern zu einem Frieden kommt, ist der richtige Moment dafür da, die Kultur einzusetzen.
Genügt ein Frieden zwischen Israeli und Palästinensern denn überhaupt, müsste man nicht in einem grösseren Massstab Syrien, Saudi-Arabien, bis hin zu Iran, miteinbeziehen?
Dazu braucht es sozusagen eine dritte Dimension, für die ich eine eigene Strategie habe. Ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich die Probleme zwischen den arabischen und den israelischen Intellektuellen angehen könnte, denn ich habe ja auf der arabischen Seite sehr gute Verbindungen zu ihnen wie auch zu den Künstlern. Diese Rolle möchte ich künftig spielen.
Die Künstler sind also schneller als die Politiker?
Nicht nur schneller, sondern auch ernsthafter und ehrlicher (lacht) ... Die Bevölkerungen sowohl auf der arabischen wie auf der israelischen Seite wären doch für einen Frieden durchaus bereit. Den Ärger verursachen die Extremisten auf beiden Seiten.
Also ein Problem der Ideologien und der Politiker?
Die Politik stellt sich doch wirklich gegen das menschliche Empfinden. Wenn es auf diesem Parkett einmal mehr Realitätsbezug, Ehrlichkeit und Transparenz gibt, ist das Problem schnell gelöst.
Also ein Problem zwischen Palästinensern und Israeli, aber nicht eines zwischen Muslimen und Juden?
Der Islam ist etwas total anderes, und der Islam anerkennt die jüdische Religion. Der Islam kennt den Judaismus vielleicht nicht gut, aber er anerkennt ihn.
In Europa, das Sie ja sehr gut kennen, gibt es mittlerweile eine Angst vor dem Islam. Können Sie diese nachvollziehen?
Es ist eigentlich keine Angst vor dem Islam, sondern eine Angst vor gewissen Muslimen. Der Islam ist eine Religion wie andere auch, aber auch er hat einen Anteil an Extremisten, welche die Religion verpolitisiert haben. Davor haben die Leute Angst. Das liegt nicht an den Europäern, sondern es liegt an uns, dagegen anzukämpfen.
Sie sind vielleicht ein sehr mutiger Mann, aber auch islamische Politiker haben wohl zum Teil vor diesem Extremismus Angst.
Wenn Sie so wollen – ja. Aber sie müssen ja, wenn sie etwas tun, auch immer darauf schauen, wie Europa darauf reagiert, wie es sich mit den Menschenrechten oder der Demokratie verträgt und so weiter. Aber das ist nicht der Punkt. Sie sind einfach zu wenig entschlossen, eine Lösung zu finden, und es fehlt dieser Welt an mutigen Männern.
Und was kann dagegen getan werden?
Den Dialog suchen, die Annäherung, die Versöhnung. Und die Annäherung kann auch über die Kultur erfolgen, wie ich es in meinem Plan vorsehe, und die Versöhnung muss unter anderem zwischen den Religionen, zwischen den Menschen und der Natur, zwischen den Armen und den Reichen erfolgen.
In Ägypten gibt es eine sehr starke Opposition gegen die aktuelle Regierung Hosni Mubaraks, die zu offen und zu tolerant sei. Wie stehen Sie dazu?
Opposition ist auf der ganzen Welt ein Bedürfnis. Wenn sie fundamentalistisch gelagert ist, mag dies gefährlich sein, und bei uns ist sie das. Es ist sehr schwierig, hier das Gleichgewicht zu wahren, aber bis heute ist es uns gelungen.
Glauben Sie, dass letztlich die Demokratie stärker ist als der Fundamentalismus?
Die Demokratie ist immer die stärkste Kraft, um ein Land zu führen. Und in einer Demokratie braucht es zwar die Opposition, aber auch eine Regierung, die sehr klug handeln muss, um gegen diese Widerstände zu bestehen.


