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Mai 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » April 27, 2009

Rund um das Mittelmeer

April 27, 2009
Kreuzweg der Kulturen und gerade für die jüdische Geschichte seit Jahrtausenden ebenso Schauplatz von Katastrophen wie friedlicher Prosperität: Der Mittelmeerraum bleibt dramatischem Wandel unterworfen, der nur in seiner Komplexität zugänglich und nicht auf schlichte Formeln reduzierbar ist. Wenn wir daher in der vorliegenden Ausgabe Schlaglichter auf Länder rund um das Mittelmeer werfen, stossen unsere Autoren ebenso auf Heimaten jüdischer Gemeinden wie auf solche, die ihnen nur noch als Orte der Sehnsucht oder Erinnerung zugänglich sind.

Wie der amerikanische Historiker Michael Fischbach erläutert, haben zwischen 1948 und 1970 etwa 800 000 Juden ihre Heimat in Nordafrika und der arabischen Welt verlassen. Viele sind vor Pogromen geflohen und mussten einen Grossteil ihrer Habe zurücklassen. Andere suchten nach einer besseren wirtschaftlichen Zukunft oder sie folgten dem Werben Israels. Auch viele dieser Juden mussten Eigentum aufgeben oder zu sehr schlechten Konditionen veräussern. Doch wie Fischbach darstellt, können sie bei ihrem Kampf um Rückerstattung und materielle Gerechtigkeit nicht auf die Hilfe ihrer neuen Heimat rechnen. Im Gegensatz zu europäischen Holocaust-Opfern sind die Juden aus dem Mittelmeerraum seit den fünfziger Jahren «Geiseln» des Palästina-Konfliktes: Israel will ihre Vermögensverluste den palästinensischen entgegensetzen.

Wie Fischbach an der Gegenüberstellung von Marokko und Libyen deutlich macht, kann sich ausgerechnet die Monarchie am westlichen Ende der islamischen Welt als liberale Avantgarde betrachten. Diesen Eindruck bestätigt die britische Journalistin Sally Williams in ihrem Beitrag über die Mourchidat, welche marokkanischen Frauen als Seelsorgerinnen beistehen. Wir freuen uns zudem über
einen Beitrag des marokkanischen Königs Mohammed VI., der die Haltung seiner Nation zum Holocaust und dem Frieden zwischen Juden und Arabern umreisst. Der Monarch unterstützt das neue, von muslimischen und westeuropäischen
Persönlichkeiten gegründete «Project Aladdin», das die arabische Welt und Nordafrika mit der Geschichte des Holocaust vertraut machen will.

Die Komplexität der mediterranen Gesellschaften wird auch bei den Beiträgen aus Alexandria, Istanbul und Saloniki deutlich. Während Jasmina El-Sonbati an der Nilmündung auf «fünf Rassen, fünf Sprachen und ein Dutzend Glaubensrichtungen» trifft – unter denen die jüdische fast verstummt ist –, so erkennt Sibylle Thelen am Bosporus einen neuen Trend unter Kulturschaffenden, die sich vom türkischen Nationalismus lösen und die multiethnische Vergangenheit gerade Istanbuls als Inspiration begreifen. Dass der Weg zu diesen Quellen über die Auseinandersetzung mit den Verbrechen an den Armeniern und den Ausschreitungen gegen Juden und Griechen in den fünfziger Jahren führt, verleiht der türkischen Spielart der «Vergangenheitspolitik» eine spezifische Brisanz. Dennoch fällt Thelens Bilanz weitaus positiver aus als die von Gundula Tegtmeyer, die nach ihrem Besuch in Thessaloniki nur ernüchtert resümieren kann: «Das Interesse am Schicksal ihrer jüdischen Mitbürger und an der grossen jüdischen Vergangenheit der Stadt ist unter den Bewohnern gering.» Das Bild zum Vorwort zeigt jüdische Flüchtlinge aus dem Mittelmeerraum im Jahre 1949 bei der Einfahrt im Hafen von Haifa. Das Frontbild zeigt die Meeresenge von Gibraltar mit Blick nach Marokko.    ●


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