Mourchidat – neue Wege zum Islam
Im Herzen der Altstadt von Rabat bahnt sich eine Revolution an. Hier steht hinter den Mauern der Medina, wo Händler Imitationen von Gucci-Sonnenbrillen neben den traditionellen Bzeghir-Pfannkuchen feilbieten, das Seminar Dar al-Hadith al-Hassania. Vor dem Gebäude sprudelt ein Springbrunnen, daneben blühen üppige Bougainvillea-Büsche. Drinnen geht es strenger zu: Hier sitzen 200 junge Leute in konzentrierter Stille in langen Reihen nebeneinander und lauschen ihrem Lehrer Hussein Ait Said. Die Studenten tragen lange Roben und vor jedem liegt ein Koran. Doch ein Viertel von ihnen hat Handtaschen mitgebracht und in der fünften Reihe schauen unter einer Robe weisse Stöckelschuhe hervor: Hier wird der zweite Jahrgang von weiblichen Islamgelehrten ausgebildet. Die marokkanischen Muslime nennen die jungen Frauen Mourchidat, weibliche Wegweiser.
Mourchidat haben erstmals im April 2006 von sich reden gemacht, als die marokkanische Regierung mit grossem Aufwand die Graduierung des ersten Jahrgangs weiblicher Seelsorgerinnen verkündete. Ihre Ausbildung ist Teil einer breiteren Reforminitiative, mit der Mohammed VI. seit 2004 zu einer Liberalisierung des Islam in seinem Königreich beitragen will. Die Mourchidat sollen Frauen in religiösen Fragen beraten und ihnen bei der Ausbildung, aber auch in Gefängnissen beistehen. Muhammad Mahfudh, der Direktor des Seminars, nennt dies «ein aussergewöhnliches Experiment in der muslimischen Welt».
Der Islam ist die Staatsreligion Marokkos, das am westlichen Rand der arabischen und der muslimischen Welt liegt und nur durch die zehn Kilometer breite Strasse von Gibraltar von Europa getrennt ist. Aber die 35 Millionen Einwohner werden von einem Monarchen regiert und nicht einem Imam. Das Land war ein früher Verbündeter der USA im «Krieg gegen den Terror» und hat als einziges arabisches Land einen Trauergottesdienst für die Opfer von «9/11» abgehalten. Doch am 16. Mai 2003 haben Selbstmordattentäter in Casablanca 45 Menschen ermordet und die Gefahr demonstriert, die der erstarkende islamische Fundamentalismus auch in Marokko darstellt. In Europa waren 80 Prozent der seither als Terroristen verhafteten Muslime Marokkaner. Die konservative Istiqlal-Partei mag die Parlamentswahlen im Herbst 2007 gewonnen haben. Aber nur 37 Prozent der Bürger sind an die Wahlurnen gegangen. Der Negativrekord zeigt, wie weit die Ablehnung des politischen Systems im Lande verbreitet ist. Die Fundamentalisten nutzen dies nach Kräften aus, um neue Mitglieder zu gewinnen.
Die Kunst der Koran-Rezitation
Im Dar al-Hadith al-Hassania machen die Studentinnen ihre Morgenpause. Mehr als 400 Frauen haben sich für die 50 Ausbildungsplätze beworben. Sie mussten eine Prüfung und ein Interview bestehen sowie einen akademischen Abschluss vorlegen. Darüber hinaus wird verlangt, dass die Studentinnen ein Leben im Zeichen des Korans führen, mit dem Text zutiefst vertraut sind und Tawjid beherrschen, die Kunst der Koran-Rezitation. Männer müssen den Text komplett auswendig können, Frauen nur die Hälfte. Mit der Aufnahme an das Seminar ist ein monatliches Stipendium von 4000 Dirhams verbunden, etwa 400 Euro. Ein Viertel dieses Betrags wird üblicherweise für die Unterbringung in einem Wohnheim aufgebracht. Die jüngste Kursteilnehmerin ist 22 – ihre Kommilitoninnen nennen sie «Baby Mourchidat» –, die älteste 40 Jahre alt. Auf dem Lehrplan stehen Islamstudien, Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften sowie Recht, Management und Computer. Zudem sind täglich drei Stunden für Hausarbeiten vorgesehen.
«Wir wollen Leute mit dem Koran vertraut machen, aber wir setzen uns für Flexibilität in religiösen und sozialen Fragen ein», sagt die 29-jährige Studentin Halima Kachkach. «Unsere Gesellschaft hat so viele Probleme – soziale, politische.» Neben ihr sitzt Zakia Haddad, die an der Universität in Fez Englisch mit einem Magisterabschluss studiert hat. Ihr Vater ist pensionierter Ladenbesitzer, ihre Mutter Hausfrau. Zakia hat fünf Geschwister. Sie hat nach ihrem Studium als Bürokraft bei einer Zeitung und als Aushilfslehrerin gearbeitet, gleichzeitig hat sie eine Koranschule besucht und fünfeinhalb Jahre damit verbracht, das heilige Buch auswendig zu lernen. Bei ihrem Bewerbungsgespräch für Dar al-Hadith al-Hassania musste sie Abschnitte vortragen, während die Prüfer Aussprache, Betonung und Modulation begutachteten. Da alle Studentinnen ausserhalb des Seminars untergebracht sind, lebt Zakia zurzeit mit ihrer Schwester in Rabat.
Im Seminar studieren Männer und Frauen Seite an Seite, aber nur die Männer dürfen später Gläubige beim Gebet anleiten. Stört das Zakia? «Nein, das erklärt sich aus unserer Religion», antwortet sie, «das schockiert uns Frauen nicht und wir fühlen uns deswegen auch nicht zurückgesetzt». Wie verhalten sich die Männer im Seminar den Frauen gegenüber? «Da ist eine Distanz, sie achten auf ihr Benehmen», sagt Zakia. Sie hat von ihren Kommilitonen bislang auch zumindest keine offene Kritik an der Anwesenheit weiblicher Seminaristen gehört. Dann hält sie inne und lächelt: «Vielleicht sagen sie das nur hinter unserem Rücken.»
Viele Analphabeten
Seit der Unabhängigkeit Marokkos im Jahr 1956 haben Frauen grosse Fortschritte erzielt, aber die Gesellschaft des Landes ist immer noch geteilt: In den Städten führen Frauen ein modernes Leben, geniessen eine gute Ausbildung und machen Karriere im Wirtschaftsbereich oder der Politik – etwa ein Viertel der Freiberufler ist heute weiblichen Geschlechts. Aber insgesamt sind immer noch fast 70 Prozent der Frauen Analphabeten. Auf dem Land gilt dies laut der letzten Erhebung aus dem Jahr 1999 für 89 Prozent der Marokkanerinnen, gegenüber 41 Prozent der Männer. In abgelegenen Landesteilen bleibt Frauen, die von ihren Männern geschlagen oder verlassen werden, nur ein Ausweg: Ein örtlicher Imam kann Worte «mit spiritueller Wirkung» für ihren Gatten auf einen Zettel schreiben. Frauen bewahren diese Papiere auf und hoffen, dass sie die erwünschte Wirkung erzielen und ihr Mann sein Verhalten ändert.
«Ehe es die Mourchidat gab, konnten sich Frauen mit ihren Sorgen an niemanden wenden», sagt Rajaa Naji el Mekkaoui. Die Expertin für Familienrecht an der Universität Mohamed V. in Rabat ist eine der Architektinnen des Mourchidat-Programms: «Das führt dazu, dass Frauen anderswo nach Antworten suchen und sich an fundamentalistische Imame wenden. Das ist eine grosse Gefahr für unsere Gesellschaft. Wenn sie fragen, ob sie arbeiten dürfen, sagen die Imame: Nein. Und wenn Frauen wissen wollen, wie sie sich kleiden sollen, dann lautet die Antwort: Du musst dich von Kopf bis Fuss verhüllen.» El Mekkaoui ist überzeugt davon, dass die Mourchidat für Frauen eine befreiende Kraft darstellen und dem Radikalismus entgegenwirken.
Das Projekt geht auf das Jahr 1999 zurück und nahm 2003 Form an. Als Mohammed VI. vor zehn Jahren die Nachfolge seines repressiven Vaters Hassan II. antrat, versprach er eine neue Ära der Demokratie und der Offenheit nach der 38-jährigen Diktatur. Sein erster Schritt war die Schliessung des Harems, in dem damals etwa 40 Frauen lebten. Dann kam die Ablösung des gefürchteten Innenministers Driss Basri, der Hassans Sicherheitsdienste 20 Jahre lang geleitet hatte und der der meistgehasste Mann des Landes war. Der neue König positionierte sich als Fürsprecher der Frauen und genehmigte 2004 Modifikationen des «Moudawana»-Familienrechtes. Darin wurde unter anderem das Heiratsalter von 15 auf 17 Jahre angehoben. Entscheidend für die Entwicklung der Mourchidat war jedoch ein Ereignis im Jahr 2003. Damals brach der König in radikaler Manier mit der Tradition und lud mit el Mekkaoui erstmals eine Frau ein, den Vortrag zu Ramadan in seinem Palast in Rabat zu halten. Im Publikum sassen muslimische Geistliche, Mitglieder des Kabinetts, führende Militärs und ausländische Diplomaten. Nie zuvor hatte eine Frau den Festsaal betreten dürfen, geschweige denn dort gesprochen.
Ich habe el Mekkaoui in ihrem Haus an der Avenue Jacaranda in einem der vornehmeren Viertel von Rabat besucht, wo sie mit ihren vier erwachsenen Kindern lebt. An der Wand ist ein Foto des historischen Ereignisses zu sehen. Darauf steht die zierliche Akademikerin in weisse Gewänder gehüllt vor dem König und Imamen aus aller Welt. Das Bild macht deutlich, wie explosiv der Gedanke, Frauen religiöse Macht zu verleihen, angesichts der im Islam institutionalisierten männlichen Dominanz ist. «Viele Leute verstehen nicht, warum ich an der Zeremonie teilgenommen habe», erklärt el Mekkaoui: «Wir sind an den Gedanken gewöhnt, dass die Religionsgesetze Frauen verbieten, das Priesteramt zu übernehmen. Aber sobald eine Frau diese Hürde nimmt, wird die Idee immer mehr akzeptiert werden.» El Mekkaoui vergleicht ihren Vortrag mit dem Öffnen eines Fensters: «Danach war es leichter, das Mourchidat-Programm zu starten, weil die Leute sich an Frauen in einem religiösen Kontext gewöhnen konnten.» Zudem sollten die neuen Priesterinnen nur mit Frauen arbeiten. Obwohl el Mekkaoui für ihre moderate Haltung bekannt war, regte sich dennoch enormer Widerstand bei konservativen Imamen, so die Juristin.
Doch in Marokko liegt die Macht immer noch beim Monarchen und seiner unmittelbaren Umgebung. Das Parlament spielt nur eine Nebenrolle. So kam zwei Beratern von Mohammed VI. eine entscheidende Rolle beim Mourchidat-Projekt zu: Der bekannte Islamgelehrte Abdelhadi Boutaleb und der Minister für Islam-Angelegenheiten Ahmed Toufiq sprachen sich für Frauenrechte aus. Toufiq bezeichnete den Islam schon Ende 1999 gegenüber marokkanischen Frauenverbänden als «Botschaft der Erneuerung und der Reform» und zitierte Koran-Verse, die von der Gleichheit der Geschlechter sprechen: «Es ist wahr, dass ein Vogel zum Fliegen zwei Flügel braucht.»
Ich hatte Gelegenheit, Toufiq in seinem Ministerium gleich neben dem königlichen Palast in Rabat zu treffen. Ein untersetzter Mann Mitte 50, ist der Gelehrte ein mutiger Reformator. Er hat jüngst in der Londoner British Library erläutert, «warum Muslime die Demokratie begrüssen sollten». Toufiq setzt grosse Hoffnungen auf die Mourchidat: «Ihre Rolle kann weit über derzeitige Erwartungen hinauswachsen – sogar über die bisherigen Aufgaben von Imamen an unseren Moscheen.» Toufiq arbeitet daran, die Studienplätze für Frauen am Seminar in Rabat auf 150 und damit auf die der Männer zu erhöhen.
Predigt und Seelsorge
Nach ihrem Abschluss wird jede Mourchidat einer Moschee zugewiesen. Dies kann überall in Marokko sein, obwohl Toufiqs Ministerium bemüht ist, die Frauen in der Nähe ihrer Familien anzusiedeln. Die Mourchidat bieten Frauen geistlichen Rat und Unterweisung im Koran, aber sie sprechen auch problematischere Fragen in den Beziehungen der Geschlechter an: Sex, Gesundheit, das Verhalten gegenüber einem gewalttätigen Ehemann. Frauen würden nicht im Traum daran denken, darüber mit einem Imam zu sprechen. Die weiblichen Geistlichen müssen lange Stunden inner- und ausserhalb ihrer Moscheen arbeiten und erhalten einen Monatslohn von 5000 Dirham (etwa 500 Euro).
Dies gilt auch für die 30-jährige Samera Masouk in Rabat, die täglich zwölf Stunden arbeitet und neben ihrer eigentlichen Moschee auch Verpflichtungen an 67 anderen in der Hauptstadt zu erfüllen hat (in Rabat gibt es 300 Moscheen, die kleinsten befinden sich in Wohnhäusern). Masouk besucht Mädchen in ihren Schulen, Frauen in Krankenhäusern, betreut 200 Insassen in einem nahe gelegenen Frauengefängnis und weibliche Häftlinge nach ihrer Entlassung. Daneben muss sie den kulturellen Erwartungen ihrer Gesellschaft gerecht werden und ihrem eigenen Mann – er ist Schneider – eine gute Frau sein: «Mein Mann kocht nie», sagt sie lachend. So bereitet Masouk, ehe sie morgens zur Arbeit aufbricht, Fisch oder Hühnchen als Abendessen zu. Sie räumt ein, mit ihrem Mann «Diskussionen» über ihre Tätigkeit geführt zu haben: «Er fragt mich, warum ich erst nachts um elf nach Hause komme …»
Masouks Kollegin Zireb Hidra arbeitet eineinhalb Stunden südlich von Casablanca an der Imam Abderahunane-Moschee. Die dortige Gegend ist Welten entfernt von den Villenvierteln, Diskotheken und den feinen Hotels im Westen der Stadt. Hidra hat mit dem ersten Mourchidat-Jahrgang im April 2006 graduiert. Sie lebt in Casa¬blanca mit ihrem Vater, einem pensionierten Fabrikarbeiter, und ihrer Mutter, die mit 16 geheiratet und vier Söhne und fünf Töchter zur Welt gebracht hat. Hidra leistet zusätzlich freiwillige Arbeit an zwei Moscheen in ihrer Nachbarschaft. Die 39-Jährige war gut in der Schule und wollte in Rabat Philosophie studieren. Aber ihr Vater hat ihr dies untersagt, weil er Hidra nicht eine Stunde weit fahren lassen wollte. So studierte sie Religion in Casablanca. Schliesslich konnte sie sich doch durchsetzen und das Seminar in Rabat besuchen. Inzwischen sind ihre Eltern sehr stolz auf Hidra. Das gilt auch für ihre ¬ganze Nachbarschaft, wo die Geistliche grosses Ansehen geniesst.
Das wird in einem Wohnhaus nahe der Moschee greifbar. Hier wimmelt es von Frauen. Über 100 drängen sich in bunten Roben, Hijabs und Socken in den Wohnräumen oder sitzen im Schneidersitz auf dem Boden. Hidra muss praktisch durch die Menge gezerrt werden, um endlich auf einem Stuhl Platz zu nehmen. Das Durchschnittsalter der Frauen liegt bei 35, aber es sind auch Töchter und Grossmütter unter ihnen. Die meisten von ihnen sind Hausfrauen und haben sich mit Erlaubnis ihrer Männer den Nachmittag freigenommen. «Mein Leben ist viel besser, seit wir eine Mourchidat haben», sagt eine Frau und kämpft mit den Tränen: «Wenn mich Sorgen drücken, kann ich zu ihr gehen.»
Islamisten für die Frauen
Hidra beginnt mit Zitaten aus dem Koran und die Frauen fallen in Trance. Sie zitiert leidenschaftlich und flüssig, aber ihre eigentliche Rolle ist die einer Sorgentante. So bittet sie nach ihrer Predigt zum Thema «Was verboten und was erlaubt ist» um Fragen. Eine Frau sorgt sich um ihre Periode, die zwei Tage länger als sonst andauert. (Der Islam verbietet menstruierenden Frauen den Moscheen-Besuch.) Hidra antwortet umgehend und die anderen Frauen applaudieren: «Gehen Sie zu einem Arzt und finden Sie heraus, was mit Ihnen los ist.» Viele Fragen gelten Ehemännern und Brüdern. Eine junge Frau will wissen, ob sie bei ihrem dominierenden Bruder ausziehen kann. «Nein», antwortet Hidra, «bleib bei ihm, kümmere dich um ihn und dann wird er schon freundlicher werden.» Auch hier gibt es Applaus. Nur auf einen Rat reagieren die Frauen schockiert: Hidra erklärt ihnen, dass der Koran den Genuss von Pferdefleisch verbietet, das in dieser armen Nachbarschaft recht beliebt ist. Marokko ist nicht das einzige islamische Land, das traditionelle Geschlechterrollen infrage stellt. In der Türkei gibt es inzwischen rund 450 weibliche Prediger. Viele Marokkaner betrachten die Mourchidat jedoch als «Regierungs-Propaganda». Dies gilt besonders für die Mitglieder der islamistischen Bewegung Verein für Gerechtigkeit und Wohlfahrt. In Marokko existieren zwei islamistische Organisationen: Die Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung nimmt an den Wahlen teil. Gerechtigkeit und Wohlfahrt wird zwar von der Regierung toleriert, jedoch von den Wahlen ausgeschlossen, da sie die Monarchie ablehnt. Allerdings haben beide Gruppen die Anschläge von «9/11» öffentlich verdammt – allerdings im gleichen Atemzug mit dem «amerikanischen Terrorismus», wie sie es nannten. Die Spezialistin Marvine Howe erklärt, dass Gerechtigkeit und Wohlfahrt eine «enorme Bedeutung in Marokko zukommt: Die Gruppe ist die stärkste politische Kraft im Lande, obwohl sie nicht einmal eine wirkliche Partei ist». Howe hat das grundlegende Buch «Morocco: The Islamist Awakening and Other Conflicts» geschrieben.Auf ihre Weise unterstützt Gerechtigkeit und Wohlfahrt feministische Ideale. Die Gruppe betrachtet die ursprünglichen Lehren des Propheten als den Weg zur Befreiung der Frauen, lehnt westliche Emanzipationsmodelle jedoch als Vorbild ab. Die 37-jährige Maryem Yafont, eine Sprecherin der Gruppe, erklärt: «Wir haben in Moscheen über 20 Jahre lang Erziehungs- und Ausbildungsprogramme für Frauen betrieben.» Yafont betrachtet die Aktivistinnen ihrer Gruppe als «informelle Mourchidat»: «Wir sind davon überzeugt, dass die Initiative der Regierung eine Reaktion auf unsere Arbeit mit Frauen in Moscheen darstellt.» Yafont glaubt, dass die Regierung mit ihrem Mourchidat-Programm die Arbeit ihrer Gruppe untergraben will. Gleichzeitig versuche die Regierung aber, auch auf dem Gebiet der Religion insgesamt die Initiative an sich zu reissen, um das Feld nicht ihren Gegnern, den radikalen Islamisten, zu überlassen. Es sei beschämend für die Regierung, dass sich etliche Mourchidat aus dem ersten Jahrgang später der Gruppe Gerechtigkeit und Wohltätigkeit angeschlossen haben: «Jetzt stellen die Behörden Untersuchungen an, um herauszufinden, ob Studentinnen uns nahestehen», so Yafont. «Das bedeutet, dass die Frauen im Seminar dies geheim halten müssen.»Marvine Howe betrachtet die Mourchidat als politisches Phänomen, aus dem alle Kräfte in der marokkanischen Gesellschaft Vorteile gewinnen wollen: Der König bemühe sich, sowohl den Westen als auch die rasch wachsende islamistische Bewegung zufrieden zu stellen: «Er will sagen können, ‹ich tue etwas für den Fortschritt der Frauen›, während er sie in das religiöse System einbindet. Und die islamistischen Gruppen schätzen die Mourchidat, weil ihre Mitglieder darin vertreten sind. Das Projekt ist wie ein Schleier – verschiedene Leute benutzen es für verschiedene Zwecke», so Howe. Zum Abschied besuchen wir noch einmal das Seminar Dar al-Hadith al-Hassania. Hier bereitet sich Zakia Haddad nach einer Pause auf den Unterrichtsbeginn vor. Gleich wird sie vor einer grossen Gruppe männlicher Seminaristen im Vortragen des Korans geprüft. Aber sie ist nicht nervös. «Zwischen einem Imam und einer Mourchidat gibt es einen grossen Unterschied: Frauen sind geduldiger und sie sind grosszügiger», sagt sie lachend. «Weil Frauen Mütter sind, geben sie mehr. Das ist die Rolle, die uns Gott gibt: Wir sind wie Mütter für unser ganzes Volk.» ●
Sally Williams ist Journalistin. Sie lebt in England und schreibt über Frauenthemen für den «Independent», den «Daily Telegraph» und andere Zeitungen.


