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Mai 2009, 9. Jahrgang, Ausgabe 05 Ausgabe: Nr. 5 » April 27, 2009

Blühendes jüdisches Leben

Von Katja Behling, April 27, 2009
Der Bürgerkrieg ab 1936 machte aus dem Exilland Spanien ein Durchreiseland. Heute gibt es auf der katholisch dominierten Iberischen Halbinsel wieder ein reges jüdisches Leben.
ERINNERUNGEN AN DIE OPFER FRANCOS IN SPANIEN Unter Franco mussten die Juden ihre Religion offenlegen

Frankreich war das Ausgangsland der meisten, die während des Zweiten Weltkrieges über Spanien nach Portugal und von dort nach Übersee emigrierten. Spanien war 1933 bis 1936 eher Exilland, 1939 bis 1944 eher Transitland – dazwischen lag der Bürgerkrieg. Viele Emigranten, darunter Schriftsteller und Intellektuelle aus Deutschland, Österreich, Polen und Italien, kämpften als Freiwillige in den Einheiten gegen Franco, den viele als Dritten im Bund neben Hitler und Mussolini betrachteten. Auf Francos Geheiss mussten die Bürger ihre Religion angeben, was die Juden insofern stigmatisierte, als der Katholizismus als einzige Religionsgemeinschaft zugelassen sein sollte – in der Folge gab es eine Reihe von antijüdischen Schikanen und Einschüchterungskampagnen. Viele Familien konvertierten unter diesem Druck zum Christentum.
Gleichwohl gab es in Spanien eine bedeutende jüdische Präsenz: Ende des 19. Jahrhunderts sorgte sich König Alfons XII. um die Juden in Russland und erklärte, dass man in Spanien die Türen für sie öffnen werde. Vor dem Ersten Weltkrieg sprach sich unter anderem der damalige spanische Senator Angel Pulido für eine Wiederbelebung des jüdischen Lebens in Spanien aus – 1917 wurde nach 400 Jahren wieder eine jüdische Betstube eröffnet und damit gewissermassen eine Koexistenz der Religionen realisiert und praktiziert. Auch der Sturz der Monarchie 1931 hatte Impulse für die Rückbesinnung auf das Judentum zur Folge: Die neue Regierung distanzierte sich von der Judenverfolgung im Mittelalter und sprach sich für jüdische Einwanderung aus. Nach 1933 zog es viele deutsche Emigranten, darunter viele Künstler und Intellektuelle, vor allem nach Mallorca und Ibiza. Auf beiden Inseln entstanden regelrechte Künstlerenklaven – Walter Benjamin etwa lebte 1933 auf Ibiza. Andere Emigranten zog es nach Barcelona, das auch durch die geografische Nähe zu Frankreich attraktiv war und gute Lebens- und Überlebensmöglichkeiten bot. Letzteres versprach desgleichen die Hauptstadt Madrid, aber auch abgelegene Orte etwa auf den Kanarischen Inseln wurden für viele Emigranten zu einer neuen Heimat. Quantitativ blieb die Emigration nach Spanien hinter der in andere Länder zurück, die instabile innenpolitische Lage und der Bürgerkrieg spielten dabei eine grosse Rolle. So fürchteten die Emigranten die Durchreise durch Spanien, weil sie von der ideologischen Nähe des Franco-Regimes zum Dritten Reich wussten.

Flucht über die Pyrenäen

Der wichtigste und nach 1940 zeitweilig einzige Weg aus Frankreich nach Spanien führte über die Pyrenäen. In dem vom Vichy-Regime kontrollierten Grenzgebiet gab es nur wenige Grenzübergänge, über die man – mit echten oder gefälschten Papieren – regulär nach Spanien einreisen konnte. Doch da unmittelbar nach der Niederlage Frankreichs keine Ausreisegenehmigungen erteilt wurden und das Misstrauen der Emigranten gegenüber den Beamten gross war, wurde die Fluchtbewegung in die Illegalität abgedrängt. Die grosse Mehrheit, so Patrick von zur Mühlen in seinem Buch «Fluchtweg Spanien-Portugal», liess sich von kundigen Bergführern – für ein entsprechendes Entgelt, versteht sich – über einen der vielen heimlichen Trampelpfade über die Pyrenäen auf die spanische Seite führen.
Der Exodus über die Pyrenäen umfasste jüdische Flüchtlinge aus fast allen europäischen Ländern. Trotz einer kurzen Phase relativer Freizügigkeit ab Ende November 1940 blieb die Zahl derer, die Vichy-Frankreich auf legalem Wege verliessen, mit rund 6500 Personen gering. Die Mehrzahl gelangte also illegal auf die Iberische Halbinsel. 1941 verschärfte sich die Situation, nach Beginn des «Ostfeldzuges» im Juni 1941 und der Ausweitung des Kriegsgebietes blieb kein anderer Weg als der Marsch über die iberische Route. Organisierte Führungen über die Berge gab es ab 1940 bis 1944, jüdische Organisationen übernahmen spätestens ab 1942, als Reaktion auf die ersten Deportationen und die Besetzung von ganz Frankreich, eigene Transportgruppen. Die Tour war so gefährlich wie strapaziös: Ein 24-stündiger Fussmarsch, meist der Tarnung wegen bei Dunkelheit zurückgelegt. Nicht bekannt, so Patrick von zur Mühlen weiter, ist die Zahl derer, deren Fluchtversuch durch Erfrierung, Erschöpfung, durch Unfälle, Wetterbedingungen oder das Verhalten der Bergführer und Grenzposten scheiterte. Der Hauptgrund für das Scheitern der Aktion lag meist jedoch darin, von deutschen oder französischen Grenzposten entdeckt zu werden. Wer entdeckt wurde, kam ins Lager, Grenzführer wurden teilweise erschossen. In seinem Roman «Flucht ohne Ziel» schildert der aus Hamburg stammende Autor Rudolph Bachner die illegale Immigration nach Spanien. Im Juni 1943 schätzte die amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation JDC, dass täglich 25 bis 50 Personen legal oder illegal die Grenze nach Spanien überschritten. Schätzungen über die Zahl der Flüchtlinge, die zwischen 1939 und Sommer 1944 über Spanien flüchteten, bewegen sich zwischen 80 000 und 100 000. Für viele ging die Reise weiter – von Frankreich über Spanien nach Nordafrika, wo Verbindungen durch französisches Gebiet nach Martinique in der Karibik bestanden – meistens reisten die Emigranten von Marseille über Spanien und Portugal nach Algier, von dort per Bahn nach Casablanca, wo das Schiff bestiegen wurde.

Verschiedene Hilfswerke  

Nach dem Bürgerkrieg war Spanien ein geschwächtes Land. Ohnehin verstand es sich weniger als Aufnahme- denn als Durchreiseland. Eine Reihe von Organisationen spielte eine wichtige Rolle in der Abwicklung und Betreuung der Flüchtlingsströme: Der politische Widerstand bestand aus jüdischen, französischen und spanischen Gruppen sowie Untergrundgruppen der besetzten Länder. Die humanitären Organisationen bemühten sich um die Rettung bedrohter Menschen unabhängig von deren Nationalität beziehungsweise religiöser oder politischer Überzeugung. Dazu gehörten auch einige christliche Gruppen und Privatpersonen. Protestantische Gemeinden etwa, die Kontakte zu Widerstandsgruppen unterhielten und Juden in Sicherheit brachten. Enge Verbindungen unterhielten die humanitären Aktivisten auch zu den Erzbischöfen von Lyon und Toulouse. Die von ihnen unterstützte Organisation Amitiés chrétiennes kooperierte eng mit dem jüdischen Kinderhilfswerk Oeuvre de secours aux enfants zusammen, insbesondere beim Transport jüdischer Kinder nach Spanien. Die jüdischen Organisationen übernahmen eine Reihe von karitativen, humanitären, religiösen und politischen Aufgaben. Dazu gehörte das Kinderhilfswerk, aber auch L’armée juive und die Eclaireurs Israélites de France, die zur französischen Résistance gehörten und die zunächst im Alleingang, 1943/44 dann konzertiert Flucht- und Rettungsaktionen nach Spanien durchführten. Eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung von Kindertransporten nach Spanien spielte der Kapuzinerpater Pierre-Marie Benoît. Zu den besonders mutigen Spaniern, die sich für die Juden einsetzten, zählte zudem der Diplomat Angel Sanz Briz, der, seit 1943 Botschafter in Budapest, über 5000 ungarische Juden rettete, indem er ihnen spanische Pässe ausstellte.    
Ende der vierziger Jahre und vor allem in den fünfziger und sechziger Jahren begannen die jüdischen Gemeinden zu wachsen. Viele Juden zogen aus Marokko nach Spanien, neue Gemeinden entstanden. Mitte der siebziger Jahre, nach dem argentinischen Militärputsch, wuchsen die Gemeinden abermals, diesmal durch die zugezogenen Südamerikaner. Wenige Jahre später wurde Spanien wieder eine Demokratie: Mit der Verfassung von 1978 wurde neben der Religionsfreiheit das Prinzip der Trennung von Staat und Kirche verankert. Nach Jahrhunderten, in denen sich der Staat als weltlicher Arm der katholischen Kirche betrachtet hatte, war dies ein sensationelles Novum in der spanischen Verfassungsgeschichte, schreibt Thilo Groll in seinem Buch «Die Religionsfreiheit in der spanischen Verfassung». Der Standard, den die neue Verfassung setzte, gab jedem Spanier das Recht auf Ausübung seines Glaubens ohne staatliche Beeinträchtigung. Längst blüht das jüdische Leben sichtbar in den grösseren, aber auch kleineren Städten. Synagogen, Schulen und andere Kultur- und Bildungseinrichtungen finden sich etwa in Madrid und Barcelona oder Marbella. Die Zugezogenen und Einheimischen knüpfen an die jüdischen Traditionen an. Viele der heute in Spanien lebenden Juden sind Nachfahren einst aus Spanien Vertriebener. Und das Interesse an der sephardischen Kultur wächst.    ●


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin.
Sie lebt in Hamburg.





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