Deutliche Worte
Die jüdischen Gemeinden von Genf organisierten anlässlich des Holocaust-Gedenktages am Abend des 20. April eine öffentliche Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Erinnerungsfeier fand auf dem Place des Nations vor dem Gebäude der Vereinten Nationen (Uno) statt. Die Uno begann am selben Tag ihre umstrittene Durban-Überprüfungskonferenz für den Kampf gegen Rassismus. «Wir freuen uns, diese universelle Botschaft hier gegenüber dem Gebäude der Vereinten Nationen und den Fahnen vieler Länder der Welt verkünden zu dürfen, insbesondere jetzt und in Gegenwart der Vertreter von allen Religionen, die dieser Tragödie für die Menschheit gedenken», erklärte Joel Herzog, der Vorsitzende des Organisationskomitees. Der Nobelpreisträger und Holocaustüberlebende Elie Wiesel wohnte gemeinsam mit anderen prominenten Rednern wie dem Schriftsteller und Philosophen Bernard-Henri Lévy der Zeremonie bei. Den Veranstaltern war es wichtig, dass nebst Überlebenden der Schoah auch Überlebende anderer Minderheiten, die von den Nationalsozialisten verfolgt worden waren, an der Gedenkfeier teilnahmen. «Darüber hinaus hatten zahlreiche Religionsgemeinschaften und politische Vereinigungen Delegationen entsandt. Dies machte die Versammlung zu einer eindrucksvollen Mahnung an die Gefahren jeder Art von Rassismus – auch des Antisemitismus –, die zu den schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit führen können», – so Herzog.
Globale Dimension
Es waren dann auch Überlebende der Schoah, Vertreter der im Holocaust verfolgten Minderheiten, ein Schweizer Gerechter und Helden der Résistance, welche die Erinnerungskerze gemeinsam entzündeten. Die Entzündung dieser Kerze symbolisiert die Übertragung der Aufgabe des Gedenkens von der Generation der Schoah an die folgenden Generationen. «Es ist unsere Pflicht, die Flamme an die junge Generation weiterzureichen und so die Erinnerung lebendig zu halten, damit sich eine solche Tragödie nie wieder ereignet», sagte Ron Aufseesser, der Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde von Genf.
In Sinne der globalen Dimension des Holocaust und der Ablehnung jeglicher Relativierung ehrten die Teilnehmer René Cassin und Raphael Lemkin, die Initiatoren und Hauptverfasser der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, beziehungsweise der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes. Ihre Rechtstexte bilden bis heute eine wesentliche Grundlage des Kampfes für eine Besserung der Menschheit.
Eindringliche Appelle
Elie Wiesel mahnte in seiner Ansprache, dass der Holocaust nicht erst mit den Gaskammern begann: «Juden starben in den Gaskammern. Der Antiseminismus nicht», hielt Wiesel pessimistisch fest. Die Reden standen allesamt im Zeichen der ungeheuerlichen Rede des iranischen Präsidenten und Holocaust-Leugners Mahmoud Ahmadinejad an der Anti-Rassismuskonferenz der Uno. Ungläubig und traurig wirkte der Überlendende Wiesel, als er seinen Unmut über die Teilnahme Ahmadinejads an der Uno-Konferenz gegen Rassismus kund tat. Um einiges aggressiver bekundeten der Philosoph Lévy und Irwin Cotler ihre Wut über Ahmadinejads Besuch. Cotler, Rechtsorofessor und Anwalt politisch Verfolgter wie Nelson Mandela, machte darauf aufmerksam, dass jedes Land Ahmadinejad die Einreise verbieten könne. Zudem sagte er klar und deutlich, dass die Uno Ahmadinejad nicht einladen und ihm keine Plattform geben sollte. Für diese Aussagen erhielt Cotler Applaus, was zwar verständlich, an einem Holocaust-Gedenkanlass aber unpassend war.
Nie wieder!
Die Veranstaltung war somit auch eher eine politische Demonstration denn eine Gedenkveranstaltung. Sie begann mit dem Vorlesen der Namen der Opfer des Holocaust. Nur gingen die Stimmen der vorlesenden Jugendlichen im allgemeinen Smaltalk und aufgrund der zahlreichen Interviews, die parallel geführt wurden, unter. Die Namen der Toten bekamen keinen ehrenvollen eigenen Platz zum Gedenken. Die Vorleser nahmen leider nicht mehr als die Rolle einer «Begleitband» ein, die zu Beginn einer Veranstaltung die eintreffenden Gäste mit Hintergrundmusik empfängt. Gerade aber an dieser speziellen Jom-Haschoah-Feier wollten die Veranstalter und Teilnehmer geschlossen eine unmissverständliche sowie universelle Botschaft in die Welt senden: «Nie wieder!» Die Redner betonten allesamt, wie dieses «Nie wieder!» in Anbetracht von Darfur und Ruanda letztlich eine leere Floskel sei. «Mir [...] sagt die Vorstellung von einem grossen, gewaltigen Leiden, das den Holocaust ebenso einschliesst wie den Völkermord an den Tutsi, einen Mord in der Nachbarschaft, einen Verkehrsunfall – kurzum: jedes Unrecht –, nicht zu, weil diese Vorstellung im Grunde leer ist», so Lévy. Jede Menschenrechtsverletzung sollte also für sich betrachtet werden. Cotler betonte, dass hinter jeder Statistik Menschen mit Namen, Identitäten und ein Universum stünden. Er appellierte weiter an die Teilnehmer, dass sie an diesem Abend nicht vergessen sollten, dass jetzt gerade Menschen in Darfur sterben. Cotler kam hiermit indirekt auf den Punkt: Jom Haschoah ist das Gedenken an die Opfer der Schoah, und es soll uns auch an die Menschen heute erinnern, die wegen ihrer Religion oder Ethnie verfolgt werden. Gerade die Roma, einst Opfer der Nazis, werden heute noch immer verfolgt. Auch im Kosovo, das die Schweiz gerade als sicheres Land bezeichnet hat, leben Roma in bleiverseuchten Flüchtlingslagern. «Nie wieder!» heisst Handeln jenseits der rhetorischen Entschlossenheit. «Nie wieder!» heisst Solidarität mit Verfolgten, Unterstützung für Menschenrechtsaktivisten und Zivilcourage im täglichen Leben. Denn aller Anfang ist Ausgrenzung.


